Zum Totensonntag

Während meiner Zeit als Lehrer (1978 – 2004) habe ich immer in derselben Ecke zusammen mit etwa 10 Kollegen an einem Tisch gesessen.  10 von über 100 Lehrern, die dort im Raucherlehrer-Zimmer (so etwas gab es damals noch) gemeinsam die Pausen und auch die lange Mittagspause verbrachten. So sah die Ecke aus, ein besseres Bild habe ich nicht, aber darauf kommt es ja auch nicht an.

lehrzi2

 

Der erste, der verstarb, war der H. Ein eher kleiner Mann, der sich immer fürchterlich über die aktuelle Politik aufregte. Mit 40 wurde bei ihm ein angeborener Herzfehler diagnostiziert. Nicht operabel. Danach hatte er Angst, sich aufzuregen, wurde nur noch in einfachen Klassen eingesetzt. Aber auch die braven Schüler nützen Schwäche aus. Er ist 44 Jahre alt geworden.

K. war immer korrekt, aber lustlos und pflegte schon in der ersten Pause zu sagen: “Oh Herr, lass Abend werden!” Die Scheidung von seiner ersten Frau setzte ihm sehr zu, die von seiner zweiten Frau noch mehr. Mit 55 wurde er pensioniert, warum, wusste ich nicht. Ein Jahr später hing die Todesanzeige am schwarzen Brett. Selbstmord, munkelte man. Erst später habe ich erfahren, dass er Alkoholiker war und die beiden Frauen sich wegen seines Whiskey-Konsums von ihm getrennt hatten.

M.-T. kam erst später an unseren Tisch. Eine stille Frau, die offenbar gegen ihren Willen an diese Schule versetzt worden war. Der weite Anfahrtsweg machte ihr zu schaffen. Sie war schon an die 60, unterrichtete Kunst und bekam keiner Draht zur Welt der Schüler. Nach 2 Jahren wurde sie pensioniert. Noch im ersten Jahr nach ihrer Pensionierung ist sie verstorben. Die Todesursache wurde nicht bekannt gegeben.

D. war ein ebenso begeisterter Lehrer wie Raucher. Unverheiratet, seit je alleine lebend, dem Alkohol nicht abgeneigt. Ein sehr erfolgreicher Englisch-Lehrer, vor allem in der Oberstufe. Nach der Wende erbte er zwei Hotels direkt an der Strandpromenade von Rügen, die er verkaufte. Kurz darauf wurde ein Gehirntumor diagnostiziert. Operation, Ruhestand. Er kaufte sich den teuersten BMW, den der Händler im Laden stehen hatte und ließ sich, weil er selbst nicht mehr fahren konnte, von irgendwelchen Nachbarjungs durch die Gegend kutschieren. Als sein Zustand aussichtslos wurde, hat er sich erschossen. Wie Hemingway, sein Lieblings-Autor.

M. war Künstler, er hatte keine Ausbildung als Lehrer und wurde von der Schulleitung wegen Mangel an Kunstlehrern eingestellt. Er machte schöne Projekte mit den Schülern und war bliebt, auch deswegen, weil er nur die Noten “1″ und “2″ kannte. Uns erzählte er immer von seiner Zeit als Dozent in Boston und dass er dank seiner guten Kontakte bald eine Professur an der Akademie in Tel Aviv, Paris oder wieder Boston annehmen würde. Nicht davon stimmte, in Wirklichkeit war er pleite, weil er zwei Prozesse verloren hatte, und musste sehen, wie er Frau und zwei Kinder durchbringen konnte. Er fing an zu trinken, verlor den Führerschein, fuhr fortan die 30 km bis zur Schule täglich mit dem Rad. Als er anfing, auch während des Unterrichts Bier zu trinken (“Vom Radfahren kriege ich immer so einen Durst!”), musste der Schulleiter ihn entlassen. Er hat keine neue Stelle mehr bekommen, zwei Jahre später, mit 62, stand die Todesanzeige in der Zeitung.

T. war ehrgeizig, er wollte Studiendirektor werden, was er auch schaffte, indem er in der großen Schule jede Menge wichtige Dinge organisierte, so viel, dass er kaum noch zum Unterrichten kam. Trotzdem hat er Mengen an Klausuren bewältigt, ohne eine Miene zu verziehen. Mit 49 wurde er befördert,  den 50ten Geburtstag feierte er in seinem Haus mit vielen Kollegen. Im selben Jahr wurde bei ihm Krebs diagnostiziert. Ein knappes Jahr später gab es eine große Beerdigung.

Die anderen leben noch, soweit ich weiß. Eine recht junge Kollegin hat sich versetzen lassen, ich habe sie aus den Augen verloren. Eine andere, eine Kunstlehrerin, die als spinnert galt und nur Lila trug, wurde zwangsversetzt, weil sie immer wieder anzügliche Bemerkungen zu Schülern gemacht hat. Ihre neue Schule hatte einen besonders strengen Schulleiter. Der hat sie nach einem halben Jahr zwangsweise in den Ruhestand geschickt. – Ein bei Lehrern und Schülern gleichermaßen beliebter Sportlehrer und Lokalpolitiker, wurde mit 55 auf dem Schulhof wegen Missbrauchs verhaftet. Er quittierte den Schuldienst und zog weit weg. – Ein anderer, auch Sportlehrer, fühlte sich mehr und mehr überlastet und wurde aus psychischen Gründen mit 54 pensioniert, ich mit 53.

Zwei aus der Runde haben bis zur Altersgrenze durchgehalten: Der eine meldete sich ständig krank und war bei den Kollegen deswegen unbeliebt, weil er ständig vertreten werden musste. Aber das focht ihn nicht an. Er schob eine ruhige Kugel und hielt sich Probleme vom Hals, indem immer durchblicken ließ, welche Aufgabe denn als Klassenarbeit kommen würde. Die Arbeiten fielen entsprechend gut aus. Alle waren zufrieden. Wenn der Stapel mit den Heften auf dem Schreibtisch zu hoch wurde, meldete er sich krank. – Der andere sagte immer, er brauche die Schule, zu Hause in seiner Wohnung sei es ihm zu langweilig.  Er galt als alter 68er – obwohl er mir mal gestanden hat, dass er in der fraglichen Zeit in seinem Dorf im Schützenverein aktiv war. Überzeugter Gewerkschafter, der den Religionsunterricht zum Politikunterricht umfunktionierte und uns in den Pausen mit Details seiner schnellen Autos unterhielt. Mit 60 hat er einen jungen Mann daran gehindert,  vor der Schule Flugblätter einer rechten Partei zu verteilen, und zwar mit grober körperlicher Gewalt. Das war eindeutig rechtswidrig, die Sache kam vor Gericht,  aber dank abgestimmter Zeugenaussagen von Kollegen und einem wohlwollenden Richter wurde er freigesprochen und fühlte sich als Held.

Wichtiger Hinweis: Das ist sicherlich kein repräsentativer Querschnitt durch die deutsche Lehrerschaft, nicht einmal durch die Lehrerschaft dieser Schule. Die erfolgreichen und gesunden, die fleißigen und korrekten Kollegen saßen wahrscheinlich alle im Nichtraucher-Lehrerzimmer.

Und dahinten beginnt der Tagebau (6)

Ein Zwischenstück. Eigentlich wollte ich über Manheim schreiben - ein Ort, der wegen des Tagebaus umgesiedelt wird. Ich war gestern noch einmal da und habe Fotos gemacht. Dabei bin ich bei diesem Bild hängen geblieben:

DSC06336

 

Was will uns der Sprayer (dass es sich um eine Sprayerin handelt, halte ich bei dem Motiv für eher unwahrscheinlich) mit seinem Werk vermitteln? Zwei Panzer, einer schießt auf das Peace-Zeichen?

…………..? ……………………

Der unbekannte Sprüher kennt sich bei Panzern offenbar aus: “JT” steht für “Jagdtiger”, ein Panzer der deutschen Wehrmacht mit einer 12,8 cm – Kanone, von dem 1944 nur um die 80 Exemplare gebaut worden sind, von denen wegen des Kriegsendes die wenigsten noch zum Einsatz kamen. Der KV-2 hatte eine 120mm – Kanone, es handelt sich um einen sowjetischen Panzer aus dem 2. Weltkrieg, der nach Klim Voroskilov (1881 – 1969) benannt ist, ein ebenso skrupelloser wie geschickter Bolschewik, der es geschafft hat, alle Säuberungen unter Stalin und seinen Nachfolgern zu überstehen, und der übrigens unter anderem das Massaker von Katyn angeordnet hat.

Gibt das an der Wand des Schützenheims in Kerpen-Manheim irgendeinen Sinn? Hat mir länger zu denken gegeben, bis mir Google auf die Sprünge geholfen hat: Die meisten Einträge zu diesen Panzern standen im Zusammenhang mit einem Computerspiel namens “World of Tanks”, das Wikipedia folgendermaßen erläutert: Ein Third-Person-Taktik-Shooter-MMOG des weißrussischen Spieleentwicklers Wargaming.net. Die Spielwelt ist in 3D-Grafik gestaltet und das Spielprinzip beruht auf PvP-Konfrontationen. Verstehe das, wer will.

Computerspiel, das ist die Lösung: Kein politisches Statement, sondern irgend ein Knabe, der den Kopf voll mit derlei Zeugs hat und in Vaters Werkkeller eine Sprühdose gefunden hat.

Und dahinten beginnt der Tagebau (5)

Tagebau Liblar, Tagebau Frechen – jetzt wohnen wir schon über ein halbes Jahr am Rande des Tagebaus Hambach.
Sehen kann man von diesem Tagebau nichts. Jedenfalls nicht von unserem Dorf aus, auch nicht von den Feldern und Wäldern ringsum aus. Klar, denn der Tagebau ist ja ein Loch in einer völlig flachen Landschaft. Um in den Tagebau hinein sehen zu können, muss man also an den Rand dieses Loches.

... das ist nur 100 Meter vom Tagebaurand entfernt ...

… das ist nur 100 Meter vom Tagebaurand entfernt …

Das war früher, beim Tagebau Frechen, ganz einfach. Man ging an den Rand und guckte hinunter. Mit der Erinnerung im Kopf bin ich vor einiger Zeit mit zwei Menschen zum Tagebaurand geradelt, um den beiden unsere Attraktion zu zeigen. “Betreten streng verboten!” stand auf mehreren Schildern. Die Schilder gab es in Frechen auch, da braucht man sich nicht drum zu kümmern, sprach ich und radelte durch eine Lücke im Baustellenzaun. Wir gingen noch ein wenig über ein Feld, dann standen wir am Rand des riesigen Loches. Keine 5 Minuten standen wir da, da kam schon der Werkschutz angebraust und es kam zu einem Gespräche, an dessen Ende ich froh war, dass der Werkschutzmensch nicht die Polizei gerufen hat. 1995, das habe ich da gelernt, war ein Tagebau noch nicht weiter als ein Loch in der Erde. 2014 ist ein Tagebau eine Art Hochsicherheitszone, die von dem Betreiber permanent gegen sogenannte Umweltaktivisten abgeschirmt werden muss.

Weil aber jeder mal einen Blick in das tiefe Loch werfen will, hat das RWE an mehreren Stellen Aussichtspunkte eingerichtet. Der größte trägt den schönen Namen “terra nova” – und weil man irgendwie modern sein will, ist vor dem terra ein Doppelpunkt – :terra nova. Ein Restaurant, ein Fußball-Golf-Platz, Kinderspielplatz, Strandstühle mit Sonnnenschirmen, damit man die Aussicht in den Tagebau genießen kann:

IMG_0176

Von hier aus müsste man den eigentlichen Tagebau sehen können, aber er verschwimmt völlig im Dunst

 

Terra nova – neues Land – soll wohl darauf verweisen, dass hier irgendwann einmal neues Land entstehen soll. Vorläufig aber kann man nur sehen, wie altes Land abgebaggert und auf Eisenbahnwaggons verladen wird. “Kann man sehen” ist allerdings übertrieben, denn falls man nicht einen außergewöhnlich klaren Tag erwischt, kann man gar nichts sehen. Nur so viel, dass das Loch da irgendwie ungeheuer groß sein muss. Das kleine Ding da, das ist vielleicht einer der Riesenbagger. Ist der da links nicht viel größer? Keine Ahnung. Bei den Dimensionen fehlen einem einfach die Vergleichsmaßstäbe. 300 Meter tief ist das Loch im Moment, 10 km breit an der breitesten Stelle – aber wo ist die breiteste Stelle?

(wird fortgesetzt)

IMG_0174

Das ist nur ein kleiner Teilbereich, den man deswegen relativ gut erkennen kann, weil sie hier gerade erst angefangen haben