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Da steht er, der kümmerliche Rest, und auch der wird noch verschwinden, letztlich im öffentlichen Bücherschrank. Dann werden nur noch ein paar wenige CDs übrig bleiben, von denen ich mich dann doch nicht trennen mag.

Und schon ist die CD-Ära vorbei. Hat ja auch immerhin 35 Jahre gedauert: 1985 war es, als sich ein Bekannter für den enormen Preis von 2500 € ein viel bestauntes neuartiges Gerät anschaffte: Einen CD-Player. Unsinn dachte ich, viel zu teuer die Geräte, viel zu teuer die CDs – und das alles, um einen Klang zu produzieren, der, wie mir Wohlklang-Fachleute versicherten (und bis heute versichern), schlechter ist als der Klang der guten alten Schallplatte.

Wie jeder weiß, lag ich mal wieder daneben mit meiner Einschätzung. Bald hatte auch ich einen CD-Player und es sammelten sich die ersten CDs auf dem Regal, während die Plattensammlung auf einem Flohmarkt verscherbelt wurde … Aber so ein richtiger CD-Sammler bin ich nie gewesen, und als sich dann die Möglichkeit auftat, selbst CDs zu brennen, habe ich fleißig Musik kopiert.

Vor fast einem Jahr schon habe ich die CD-Bestände aufgelöst. Einen Stapel mit „verkaufen“ gemacht und einen Stapel mit „vielleicht verkaufen“. Dann war ich zu faul, etwa 100 CDs zum Verkauf anzubieten und die Stapel lagen im Weg rum und zogen den Staub an. Als Sabine, der Sturm, übers Land brauste und ein wenig Langeweile aufkam, dachte ich: Jetzt müssen die CDs weg. Nur, die ersten, die ich bei Amazon eingeben wollte, hätten nur 0,38 bzw. 0,65 € gebracht. So ging es also nicht.

Also hab ich es es bei Momox versucht, das sind die Leute, die CDs und Bücher unter dem Namen Momox ankaufen, um sie dann unter dem Namen Medimops wieder zu verscherbeln. Aber ach, bei 2/3 der CDs erschien der Hinweis: Hohe Lagerbestände, keine Nachfrage, Ankauf nicht möglich.

Am Ende konnte ich dann 23 CDs in ein Paket packen und kostenlos an Momox schicken. Dafür erhalte ich dann netto knapp 15 Euro.

Der CD-Player, der wohlverpackt im Keller ruht, ist auch nichts mehr wert, ist ja klar.

Die Anschaffung einer Uhr

Eine neue Uhr auf meinem alten, schon mit einem Pflaster geflickten iPad. Das kann ja vieles, das iPad, und ich benütze es jeden Tag zwei Stunden lang oder mehr. Aber eine schöne Uhr hat es nicht, so eine richtig schöne, analoge Uhr.

Ist natürlich schon anderen Leuten aufgefallen und nach dem Motto: Es gibt keine Lücke, die nicht ein findiger Mensch sofort schließt, bin ich auch bald im App-Store fündig geworden. Aber ach, die schöne Uhr ist nicht umsonst.

Nun habe ich in den fast genau 30 Jahren, in denen ich vor Computern sitze, eigentlich nie Geld für Programme ausgegeben. Eigentlich: Denn einmal habe ich mir ein Segel-Spiel gekauft, gebraucht bei Ebay, das dann nicht richtig funktioniert hat. Ansonsten greife ich auf Freeware zurück, früher habe ich auch das eine oder andere Programm „getauscht“, aber davon ist nur noch eines übrig geblieben. Welches, verrate ich lieber nicht. Und mein MS Word, das stammt von einem Bekannten, der es mir 2001 überlassen hat: Word XP. Ich hoffe, für so alte Versionen interessiert sich auch in der Zentrale von Microsoft niemand mehr. Dieses alte Word XP ist übrigens prima. Es hat alle Funktionen, die ich brauche, ist schlank programmiert und ist noch nicht so kompliziert und aufgeblasen wie die neuen Versionen.

So habe ich also eine Weile mit mir und meinem Geiz gekämpft, bis ich die 1,98 € für die schöne Uhr ausgegeben habe. Zuerst 0,89 € für das Progamm, dann, weil die geschäftstüchtigen Entwickler so viel Werbung in die Uhr reingepackt haben, dass der minimalistische Charakter gestört wurde, noch einmal 1,09 € für’s Entfernen der Werbung.

Und weil das App-Kaufen so einfach war, hab ich mir dann direkt noch „Weather Pro“ für IOS geleistet – nicht schlecht. Bei der Sturmprognose hat sich das Programm schon bewährt.

Interpretations-Trauma

Ach, und noch was zu dem im vorigen Beitrag vorgestellten Lehrer (der hiermit zum letzten Mal vorkommen wird, versprochen). In der Klasse 12 habe ich mir in seinem Deutschunterricht ein Trauma eingefangen.

Klassenarbeit: Elisabeth Langgässer: Saisonbeginn. Interpretieren Sie!

Ergebnis: Mangelhaft.

Hat mich tief getroffen. Ich war ja kein schlechter Schüler und hatte in meiner gesamten Laufbahn vorher nur zwei „Mangelhaft“ gehabt: Einmal in der Klasse 6, das zweite in der 10 in Englisch. Deutsch immer zwischen 2 und 3, die vorige Interpretation zu Brechts „Haifischen“ bei einem anderen Lehrer war auch gut gewesen. Und jetzt ein Mangelhaft?

Für mich damals war der Fall schnell erklärt: Der Herr Lehrer hatte sich angegriffen gefühlt und mit einer „5“ zurück geschossen. Ich wusste nämlich gar nicht so recht, worauf es bei einer Interpretation ankam. Wenn ich mich recht erinnere, hat der Lehrer das auch nicht besprochen, keine Übungen, keine Vorbilder. Ich war der Meinung, ich sollte den Text entschlüsseln, irgendein Geheimnis finden und deuten, irgend etwas Verschlüsseltes, dass die Autorin in den Text eingebaut hatte. Ha, und ich kam mir besonders schlau vor, weil ich so ein Geheimnis gefunden hatte. Am Schluss der Geschichte nämlich heißt es:

„Auch der sterbende Christus, dessen blasses, blutüberronnenes Haupt im Tod nach der rechten Seite geneigt war, schien sich mit letzter Kraft zu
bemühen, die Inschrift aufzunehmen: man merkte, sie ging ihn gleichfalls an, welcher bisher von den Leuten als einer der ihren betrachtet und wohl gelitten war.“

Gott tut nichts angesichts der berichteten Untat der Nationalsozialisten, Christus hängt nur sterbend am Kreuz. Will uns die Autorin nicht damit sagen, dass es gar keinen Gott gibt? —-

Ach, da lag ich bei dem Herrn, der auch Religionslehrer war, total falsch: Völlig missverstanden, mangelhaft. Ich habe die Geschichte jetzt noch einmal gründlich gelesen, er hat natürlich recht. Aber woher sollte ich wissen, dass diese Elisabeth Langgässer, die im Unterricht nie erwähnt worden ist, eine ausgesprochen religiöse Autorin gewesen ist. Hätte ich so etwas geschrieben wie: „Hier deutet Langgässer auf das Mysterium eines sich vor dem Menschen verbergenden Gottes“ oder „deutlich wird die Verzweifelung der Autorin angesichts des sterbenden Gottessohnes, eine Verzweifelung, die aufgehoben werden kann nur im gläubigen Vertrauen auf das sich in der Auferstehung zeigende Jenseits des Todes“ oder sonstige Theologenprosa, hätte ich ….

Egal, ob ich ein wenig Recht hatte, oder nicht, das Problem war, dass mir dadurch das Vertrauen in meine interpretatorischen Fähigkeiten völlig abhanden kam. Und zwar nachhaltig. Wo immer es möglich war, drückte ich mich hinfort vor Interpretationsaufgaben. Und ja, das ist mir tatsächlich durch ein komplettes Germanistik-Studium hindurch gelungen. „Schlegels Verhältnis zu Goethe“, „Goethe als Theaterdirektor“, „Adornos Lyrik-Theorie“, „Die Zahlensymbolik im Meier Helmbrecht“ – es gab immer ein Hausarbeitsthema, in dem der Begriff „Interpretation“ nicht vor kam.

Alles hat auch sein Gutes – sagen manche. In diesem Fall bestand das Gute darin, dass ich als Lehrer sehr darauf geachtet habe, Schüler nicht einfach ins kalte Wasser zu werfen mit der Aufgabe „Interpretieren Sie!“, sondern langsam und mit vielen Beispielen und Hilfen versucht habe, klar zu machen, worauf es denn nun ankommen soll. Ist mir vielleicht auch gelungen, obwohl ich mich oft bei dem Gedanken ertappte: Ob ich selbst eigentlich so eine schöne Interpretation schreiben könnte, wie ich es von den Schülern verlange?

„Völlig missverstanden, mangelhaft“ musste ich trotzdem das eine oder andere Mal drunter schreiben. So zeugen sich die Traumata fort ….