Wandervögel

Irgendwann in den 20er Jahren wurden auch die Töchter meiner Großmutter von der Wandervogel-Welle erfasst. In fröhlicher Runde wurde im elterlichen Garten zur Gitarre gesungen, die Schwester, die auf diesem Bild noch am Kinderwaschplatz steht, hat, da zeittypisch sehr jung verheiratet, schon ein Kind auf dem Schoß:

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Aber es bleibt nicht beim Gesang. Irgendwann wird eine Reise in die Sächsische Schweiz unternommen, wo es den Küstenbewohnern naturgemäß sehr gebirgig vorgekommen sein wird. Und dort wird, klar, gewandert.

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Aber die Schuhe! Hatte man in der bekannt sparsamen Familie meiner Mutter die Kosten gescheut, schickten sich Wanderschuhe nicht für junge Damen oder gab es so etwas noch gar nicht?

 

Thomas Bernhard – Die Billigesser

billigesser

Was soll man nur von einem Schriftsteller halten, der solche Sätze schreibt:

Jahrelang war er mit den Billigessern zusammen gewesen und hatte mit den Billigessern billig gegessen, so billig mit den Billigessern gegessen wie nirgends sonst und tatsächlich wie nirgends so billig und gut gegessen, denn in der WÖK habe er, Koller, immer billig und gut gegessen und nirgends hätte er jemals noch billiger und besser essen können.

Ach, ab und zu lese ich diese holprigen, sich in endlosen Wiederholungen und Variationen von Seite zu Seite weiter hangelnden Sätze gerne. Natürlich geht es in der Erzählung von den Billigessern, die nicht zu den bekanntesten Werken von Thomas Bernhard gehört und für Thomas-Bernhard-Anfänger nicht so besonders zu empfehlen ist, weder um das Essen noch um die Qualität der Mahlzeiten in der WÖK, der Wiener öffentlichen Küche.  Wie so oft bei Thomas Bernhard geht es um einen Außenseiter, einen Gescheiterten, der sich freilich für einen ganz großen Geist hält und der die ganze Zeit von seinem großen Werk redet, ohne dass er auch nur ein einziges Kapitel dieses angeblich epochalen Werkes vollendet hätte. Und, um das Ende vorweg zu nehmen (Spannung im üblichen Sinne gibt es sowieso nicht): Am Ende stirbt dieser schwadronierende “Geistesriese”, ohne auch nur angefangen zu haben, dem Erzähler (und damit dem Leser) wie versprochen einen Einblick in die Grundzüge seines Werkes zu geben.

 

 

 

 

 

Kinder-Waschplatz

Christel Waschbecken

Bin immer noch beim Sichten und Digitalisieren der alten Fotoalben. Hier ein Foto aus dem Jahre 1909 – meine Tante bei der Morgenwäsche. Interessant das tragbare Kinderwaschbecken incl. Nachttopf. Offensichtlich gab es in dem 1905 erbauten Haus meines Großvaters, ein nicht protziges, aber doch repräsentatives Stadthaus, indem er auch seine Kanzlei als Rechtsanwalt und Notar hatte, kein Badezimmer, jedenfalls kein kindgerechtes für alle Tage. — In einem benachbarten Städtchen hat der Bruder meines Großvaters 1909/1910 ein Haus gebaut, von dem ich die Grundrisse habe. Dieses Haus war noch eine Ecke größer als das meines Großvaters, hatte im Erdgeschoss Speisezimmer, Musikzimmer, Herren- und Damenzimmer und Wintergarten, aber kein Bad (oder vielleicht doch, ein winziger Raum ist mit “Ab.” beschriftet, das könnte Abstellkammer, aber auch Abtritt bedeuten). Die Küche war übrigens im Keller. Im Obergeschoss dann außer 3 Kinderzimmern, einem Mädchenzimmer und dem 30 m2 großen Elternschlafzimmer mit großem Balkon ein ganz kleines Bad, vom Elternschlafzimmer und vom Flur durch eine Tür zu erreichen. Wenn sich da morgens Eltern und drei Kinder hätten gleichzeitig waschen sollen, dann wäre es bestimmt sehr eng geworden – also hat man, wie auf dem Bild oben, im Sommer den tragbare Kinderwaschplatz auf die Terrasse getragen; denn vor der Terrassentür ist das Foto entstanden.