Halbstarke mit Kofferradio

In den 50er Jahren, so sagt man, gab es sogenannte Halbstarke, die aus ihren Kofferradios lautstark Musik hörten. Wie auf diesem Bild:

Hannover, 50er Jahre. Foto von Wilhelm Hauschild, Hannoversche Allgemeine Zeitung

Und was haben die Jungs gehört? Elvis und Konsorten natürlich, Rock ’n Roll. Das sagt jeder, den man fragt. Liegt ja auch nahe, ist aber unmöglich.

Diese Kofferradios hatten ja keine Möglichkeit, Schallplatten oder dergleichen abzuspielen. Man konnte nur Radio hören. Wer nun sagt, die Halbstarken hätten ihren Eddie Chochran halt im Radio gehört und ihre Mitbürger mit dem „Summertime Blues“ erfreut, der übersieht, was es damals für ein Radioprogramm gegeben hat.

In den sogenannten öffentlich-rechtlichen Sendern gab es gar keine Pop-Musik. Tatsächlich gar keine. Erst Ende der 60er Jahre fängt SWR3 damit an, Musik für Jugendliche auszustrahlen. Vorher gab es allenfalls mal ein oder zwei Stunden Schlagermusik, spezielle Sendungen, die sich auf deutsche Schlager und Evergreens beschränkten. Das gleiche galt übrigens auch für die BBC. In den Radiosendern, die man in Deutschland empfangen konnte, war definitiv nie Rock ’n Roll zu hören, auch die frühen Beatles nicht.

Wer anglo-amerikanische Popmusik hören wollte, für den gab es nur drei Möglichkeiten: Den amerikanischen Soldatensender AFN – der nur über UKW sendete und längst nicht überall zu empfangen war, in Köln z.B. nur mit ordentlicher Dach-Antenne. Zweitens den britischen Soldatensender BFBS, der am Samstag vormittags die Sendung „Top of the Pops“ ausstrahlte, mehr als diese paar Stunden waren nicht drin. In die Lücke sprang, drittens, Radio Luxemburg, ein Sender, den damals noch niemand RTL genannt hat. Radio Luxemburg war, falls man nicht zufällig in der Nähe von Luxemburg wohnte, nur über Mittelwelle zu empfangen – Qualität sehr bescheiden. RTL hatte sich allerdings keineswegs auf Rock-Musik spezialisiert. Im Gegenteil, deutschsprachige Schmalz-Schlager dominierten das Programm. Ein Highlight war nur die sonntägliche Hitparade mit Camillo Felgen. Weil dort die Hörer bestimmten, waren all die angesagten Hits aus den USA und England zu hören. Aber nur in dieser Sendung. Und weil das den Verantwortlichen bei RTL gegen den Strich ging, wurde bald eine Quote eingeführt. Die Hälfte (?) der Hitparade musste deutschsprachig sein.

Daneben gab es die Piratensender – Radio Veronica, Radio Caroline (letzterer erst ab 1964). Tolle Musik spielten die. Aber, aber: Ich erinnere mich noch genau, wie ich ewig versucht habe, die Sender richtig empfangen zu können. Mittelwelle, schwaches Signal, starke Schwankungen, viel Rauschen, immer wieder nichts als Rauschen….. das machte keinen Spaß.

Fazit: Die Halbstarken können mit ihren Kofferradios allenfalls (!) deutsche Schlager abgespielt haben. Das Herumlaufen mit so einem Ding war wohl mehr ein Statussymbol und der Versuch, es amerikanischen Vorbildern gleich zu tun. Da drüben gab es ja jede Menge Radiostationen für jeden Geschmack.

 

Blicke in den Rückspiegel

Herrliches Sommerwetterdraußen, 24 Grad, leicht bewölkt, nachts hat es gut geregnet. Der Garten ruft, eine kleine Radtour wäre auch nicht schlecht. Statt dessen sitzt ich am Computer und suche Informationen über Familienangehörige, die alle längst tot sind, und fülle Blatt um Blatt und Zettel um Zettelchen mit Namen und Zahlen, ein Zettelberg, der immer chaotischer wird. Warum müssen die auch alle so viele Kinder haben?

So eine Art Detektivarbeit. Macht mir Spaß, so entlegen die Leute auch sein mögen, denen ich da nachforsche. Ich bin halt Historiker von Beruf und die Beschäftigung mit Geschichte ist immer so eine Art Detektivarbeit, wenn es darum geht, etwas von Grund auf zu erforschen. Nicht-Historiker halten meine Beschäftigung in der Regel für ziemlichen Quatsch. Oder völlig bescheuert, es sei denn sie gehören zu den sogenannten Ahnenforschern.

Und was bringt das? Aus der Geschichte lernen? Nun ist das mit dem Lernen aus der Geschichte ja sowieso so eine Sache. Das ist ungefähr so, als ob man am Steuer eines Autos sitzt und den Verlauf der Straße aus dem genauen Betrachten des Rückspiegels erschließen will. Das endet in der Regel in der ersten Kurve im Graben. So sahen die KPDler, stramm in den Rückspiegel blickend, wie die Partei es befahl, vor 1933 den Hauptfeind bekanntlich in den Sozialdemokraten. Und diese wiederum warnten vor einem Zurück ins Kaiserreich…. nein, aus der Geschichte lernen wäre nur möglich, wenn sich die Geschichte immer im Kreise drehen würde. Tut sie aber nicht, das jedenfalls kann man aus der Geschichte lernen.
Das gilt erst recht für die Geschichte der Vorfahren. Was soll ich da lernen? Dass Ehen, die nach reiflicher Überlegung von den Eltern angebahnt worden sind, genauso oft scheitern wie die allerromantischsten Liebesehen? Nein, da fällt mir nichts ein, was ich lernen könnte. Aus dem Betrachten alter Bilder oder dem Lesen alter Briefe kann man interessante Einzelheiten darüber folgern, wie es früher mal war. Aber aus Geburts- und Sterbedaten?

Viel Sinn hat dergleichen nicht, wie man es auch dreht und wendet. Tennisspielen hat auch keinen Sinn, nur so als Beispiel. Komme mir jetzt niemand und sage, Tennis wäre ein gesunder Sport…..

Als Flaschensammler

Neuerdings betätige ich mich als Dosen- und Flaschensammler. So kann ich meine Rente etwas aufbessern.

Nein, im Ernst, in den letzten Tagen und Wochen habe ich eine ganze Menge von Flaschen und Dosen aufsammeln müssen. Weil irgendwelche Menschen ihr Leergut einfach auf den Bürgersteig vor unser Haus stellen. Oder ins benachbarte Feld entsorgen. Auch über unsere Hecke fliegt schon mal die eine oder andere Dose. Für leere Zigarettenpackungen gibt es leider kein Pfand, sollte man unbedingt einführen, dann könnte ich noch öfters mit Leergut zum Kiosk gehen.

Wer wirft das Zeugs nur dahin? Bei Zigarettenschachteln und Zellophanverpackungen gilt das Wegwerfen unter den Rauchern offenbar als so eine Art Gewohnheitsrecht. Die Kippen landen ja auch im Rinnstein. Ebenso Papiertaschentücher: Ach, die verrotten doch schnell, sagen sich vielleicht die Wegwerfenden.

Aber Glasflaschen und Getränkedosen? Sind das die im benachbarten Manheim untergebrachten einwanderungswilligen jungen Männer, die noch nicht so recht mit den Feinheiten des deutschen Entsorgungswesens vertraut sind? Ach nein, ich habe es beobachtet, es sind die, die schon länger hier wohnen: Jugendliche aus dem Dorf, denen man doch schon im Kindergarten die Regeln der Abfallentsorgung beigebracht hat. Wenn ihr ein Bonbon esst, sprach die ökologisch sehr engagierte Leiterin des örtlichen Kindergartens, auf dessen Dach eine Solaranlage angebracht ist, wenn ihr ein Bonbon esst, dann müsst ihr das Papierchen in die graue Tonne werfen. Die Tüte, in der die Bonbons sind, kommt in die gelbe Tonne. Und wenn ihr das Bonbon nicht mögt und wieder ausspuckt, dann kommt das Bonbon in die braune Tonne. Gut, der aufmerksame Leser wird gemerkt haben, dass das Beispiel frei erfunden war, denn natürlich darf man in einem ordentlichen Kindergarten heute überhaupt keine Bonbons mehr essen.

Aber im Prinzip stimmt es. Jugendliche, die ihr ganzes Leben nichts anderes kennengelernt haben als Erzieher und Lehrer und meist auch Eltern, die ihnen ökologisch korrektes Verhalten beibringen wollten, pfeifen auf den ganzen Kram. Fahren mit knatternden und stinkenden frisierten Rollern durchs Dorf und werfen ihren Müll in die Gärten. Auch eine Revolte: Wir scheißen auf eure spießigen Regeln, den ganzen Ökokram und die lächerlichen 10 Cent Pflaschenpfand!