Rhododendrons last summer

Man neigt dazu, immer nur die Erfolge festzuhalten: die schönsten Blüten, die dicksten Äpfel. Es gibt aber, klar, auch Misserfolge. Diesen Rhododendron beispielsweise werde ich nach der Blüte absäbeln.
Als wir vor sechs Jahren hier eingezogen sind, waren es noch zwei Rhododendren, einer rechts vom Weg zur Haustür, einer links. Der auf der linken Seite war ein wenig kümmerlich. Wahrscheinlich zu sonnig der Standort, dachte ich. Habe ihn dann nach einer Anleitung aus dem Internet zurück geschnitten, ohne Erfolg, bald bestand er nur noch aus einem dürren Trieb.
Der andere, mehr im Schatten gelegen, bekam bald ähnliche Symptome. Zu wenig Wasser? Kein Dünger? Aber trotz reichlichen Gießens und Spezialdünger wurde er immer kümmerlicher, die Blätter gelb, jedes Jahr vertrockneten Triebe, neue kamen nicht hinzu.
Falsche Erde? Kaum, denn die Büsche waren augenscheinlich schon älter, müssen also schon viele Jahre an dem gleichen Standort gewachsen sein.
Also: Notbremse, im Herbst wird an der gleichen Stelle etwas anderes gepflanzt, vielleicht – nachdem sich die Buchsbaumzünsler auf wunderbare Weise verzogen haben – einen Buchsbaum, dem es weiter hinten im Garten zu eng wird.

Kleiner Warentest

Eine Nachbarin konnte das Tor zu ihrer Garageneinfahrt nicht mehr öffnen. Trotz WD40 war da nichts zu machen, der Schlüssel im Vorhängeschloss ließ sich nicht drehen. Ob ich ihr mal mit meiner Flex helfen könne.

Hm, dachte ich, ein recht großes Schloss, Markenqualität,  Abus „Titalium“, „nano protect“, was immer das heißen soll. – Ob ich da mit meiner uralten kleinen Flex  Marke Hanseatic – nur die Älteren werden sich erinnern können, dass der Otto-Versand unter diesem Namen Werkzeug vertrieben hat – etwas ausrichten kann?. Gut, probieren kann man ja, eine neue Schleifscheibe lag auch noch rum.

Die Schleifscheibe ging durch den nano-geschützten Stahl durch wie Butter. Brmmmmmmm – schon war das Schloss offen. Mein Testurteil: Durchgefallen. Hm, ich will ja keinem Angst machen, aber beruhigend finde ich das nicht.

Die Blaue Blume der Romantik

Blaue Blume auf dem Sofakissen

Die Blaue Blume – nun, heute sind Kornblumen selten geworden, Enzian wächst auch nicht an jeder Ecke, das Immergrün schon eher und der Blauregen wucherte an unserem alten Haus dermaßen, dass ich ihn entfernen musste. Aber natürlich ging es den Romantikern nicht um eine reale Blume; Eichendorf nicht und Novalis, von dem die Sache mit der Blauen Blume stammt, schon gar nicht.

So ganz stimmt das mit Novalis gar nicht, denn schon in einer alten Kyffhäusersage geht es um eine Blaue Blume und in Jean Pauls „Die unsichtbare Loge“ ebenso. Dass keine Blume gemeint sein kann, die irgendwo in der Botanik zu finden wäre, liegt auf der Hand. Denn sowohl in der Sage als auch bei Jean Paul wächst die Blaue Blume in einer Höhle, im „Heinrich von Ofterdingen“ von Novalis ist es nicht ganz klar, ob die Blume unter oder über der Erde wächst. Klar ist nur, dass sie in einem Traumland wächst, einem Wunderland wie dem, in dem Alice rumspaziert.

Als Novalis den „Heinrich von Ofterdingen“ geschrieben hat, war er 27 Jahre alt. Von Beruf war er nicht etwa Autor, sondern wie sein Vater Bergbau-Ingenieur. Man wohnte nämlich auf einem Rittergut mit stattlichem Schloss, aber das Gut gehörte der Familie nur zu einem Drittel und die Einkünfte reichten bei weitem nicht aus, um die Familie standesgemäß durchzubringen. Trotzdem ist Novalis auf dem Land aufgewachsen, er kannte Land und Landwirtschaft und hielt reale blaue Blumen wir die Kornblume wahrscheinlich eher für ein lästiges Unkraut:

„…die blaue Blume sehn‘ ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anderes dichten und denken. So ist mir noch nie zumute gewesen: es ist, als hätt ich vorhin geträumt, oder ich wäre in eine andere Welt hinübergeschlummert; denn in der Welt, in der ich sonst lebte, wer hätte da sich um Blumen bekümmert, und gar von einer so seltsamen Leidenschaft für eine Blume hab‘ ich damals nie gehört.“

Die Welt der Blauen Blume ist eine Anderswelt, eine verzauberte Welt, voller surrealer Einzelheiten:

„Berauscht von Entzücken und doch jedes Eindrucks bewusst, schwamm er gemach dem leuchtenden Strome nach, der aus dem Becken in den Felsen hineinfloss. Eine Art von süßem Schlummer befiel ihn, in welchem er unbeschreibliche Begebenheiten träumte und woraus ihn eine andere Erleuchtung weckte. Er fand sich auf einem weichen Rasen am Rande einer Quelle, die in die Luft hinausquoll und sich darin zu verzehren schien. Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger Entfernung; das Tageslicht, das ihn umgab, war heller und milder als das gewöhnliche, der Himmel war schwarzblau und völlig rein. Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstliche Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stängel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte.“

Nennen wir es Erleuchtung oder gelingendes Leben oder – wie Eichendorff – „gutes Glück“: Die Blaue Blume hat nichts mit Wandervogel-Romantik zu tun, nichts mit Sehnsucht nach der Natur; allenfallsmit einer Sehnsucht nach einem mystischen Verschmelzen mit der (weiblichen) Natur.

… und nochmal das Sofakissen

In Eichendorffs Gedicht „Die blaue Blume“ ist das nur auf den ersten Blick anders:

Die blaue Blume
Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au’n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.

Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blum geschaut.

Das liegt daran, dass Eichendorff 18 Jahre nach Novalis das Motiv der Blauen Blume mit dem Motiv des Wanderns verknüpft. Aber auch Eichendorff stammte aus der Landwirtschaft, wie Novalis musste er, weil die Familiengüter zu wenig abwarfen, Geld verdienen. Just in dem Jahr, wo er „Die blaue Blume“ geschrieben hat, kamen die Familiengüter unter den Hammer, er saß in Berlin und bereitete sich auf seine Anstellung in der preußischen Schulverwaltung vor, Schulrat Freiherr von Eichendorff. Vor dem Hintergrund könnte man auf die Idee kommen, er trauere mit diesem Gedicht der verlorenen ländlichen Umgebung nach. Mag eine Rolle spielen, aber die allermeisten Werke Eichendorffs kann man nur vor dem religiösen Hintergrund verstehen, der immer präsent ist. Darum handelt es sich hier auch nicht um ein reales Wandern (bei Freiherrns wanderte man nicht viel weiter als vom Schloss zur Kutsche) und nicht um die Sehnsucht nach irgendetwas Botanischem, sondern um das „gute Glück“, das wirkliche, echte Glück, das nun leider tatsächlich schwerer zu finden ist als eine blaue Blume.