Es gibt sie noch, die guten alten Handtücher

Als meine Mutter starb, erbte ich ein paar Handtücher. Die seien noch aus ihrer Aussteuer, hatte meine Mutter auf einen Zettel geschrieben. Keine Ahnung, wie diese Geschirrhandtücher die 70 Jahre überlebt haben, sie waren jedenfalls völlig unbenutzt. Ich legte sie in eine Kiste und habe sie ebenfalls nicht benutzt.

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Jetzt erzählte mir meine Nichte, meine verstorbene älteste Schwester habe einen Stapel unbenutzter Geschirrhandtücher hinterlassen, dabei ein Zettel, die seien aus der Aussteuer ihrer, also auch meiner, Mutter. Keiner der Erben wollte die Dinger haben, ob nicht ich vielleicht? Danke, ich habe schon ein paar in einer Kiste liegen, wollte ich zuerst sagen. Aber dann überlegte ich, dass es doch Quatsch ist, die Handtücher immer nur rumliegen zu lassen und nie zu benutzen. Ich nahm sie also und habe sie erst mal alle in die Waschmaschine gesteckt.

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Dann zum Abtrocknen benutzt. Ich war skeptisch: Dieses grobe, offenbar weitgehend in Handarbeit um 1930 hergestellte Leinentuch, bei dem man noch an einigen Stellen die Flachsfasern sehen kann, soll etwas taugen? Geht aber, und zwar ausgesprochen gut.

 

 

Schön kaputt

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Fotoaustellung in Köln-Ehrenfeld. Ein toller Platz für Ausstellungen, meinte einer der drei jungen beteiligten Fotografen. Ach, dachte ich ohne es zu sagen, abgerissene Tapeten, kaputte Fußböden, Möbel vom Sperrmüll: Seid ihr immer noch auf dem Trip? Muss die heutige Generation immer noch gegen die als spießig empfundene Ordnung daheim auflehnen und deswegen das Kaputte schick finden?

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Ein paar Tage besuche ich eine entfernte Verwandte, eine junge Mutter mit zwei Söhnen; der Schreibtisch, ein Erbstück aus Familienbesitz, passt nicht mehr zur Einrichtung, ich kann ihn haben. Wir gehen durchs Wohnzimmer in die Küche, wo das gute Stück schon bereit steht. Weder im Wohnzimmer noch in der Küche liegt irgendetwas herum, keine Zeitung, keine ungespülte Kaffeetasse, nicht einmal Speiseöl oder Gewürze. Alles weiß und leer. —- Die beiden Söhne, dachte ich mir, werden später auch nach Köln-Ehrenfeld ziehen und Möbel vom Sperrmüll auf kaputten Fußböden superschick finden …

Michel Houellebecq – Karte und Gebiet

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Dass ich neben all dem Umzugs- und Umbau- und Umräumstress mir die Zeit genommen habe, diesen Roman zu lesen, zeigt, dass mir dieses Buch tatsächlich zugesagt hat.

Der Künstler, der zu einem weltbekannten Großmeister und entsprechend einer wichtigen Gestalt im zeitgenössischen Kunstbetrieb aufsteigt, andererseits die Geschichte des Verhältnisses dieses Künstlers zu seinem todkranken Vater, endlich eine Kriminalgeschichte, die mit dem Mord an dem Schriftsteller Houellebecq beginnt. Tatsächlich hat der Autor mit dem für Deutsche unaussprechlichen Namen sich selbst als Figur in seinen Roman eingefügt und diese Figur, also quasi sich selbst, unglaublich grausam ermorden lassen. Aber nach vielleicht 10 ausgesprochen ekligen Seiten ist das vorbei und die Arbeit eines Polizisten steht im Vordergrund.

Das ist eher konventionell und/aber sehr gut geschrieben, voller intelligenter Beobachtungen und Seitenhiebe nicht nur auf den zeitgenössischen Kunstmarkt. Am Schluss deutet der Autor an, wie Mitteleuropa um 2050 aussehen wird. Wie, will ich nicht verraten, jedenfalls eine Vorwegnahme seines Romans „Unterwerfung“ (den ich nicht gelesen habe) ist es nicht.