Fluginsekten-Quartier

Man nennt dergleichen modisch „Insekten-Hotel“, aber in einem Hotel bleibt man ja allenfalls ein paar Nächte und ich möchte, dass meine Gäste länger bleiben, solange sie wollen –  und außerdem kostenlos.

Ästhetisch vielleicht etwas gewagt, aber heute, am ersten wirklich frühlingshaften Tag, habe ich gesehen, wie die ersten 3 (ich sage mal vorsichtig:) bienenähnlichen Tiere in die passenden Löcher geschlüpft sind. Es handelt sich übrigens um ein Stück von einem sehr alten Weidenbaumstamm. War ein drei Meter langer Stamm, den mir ein befreundeter Bildhauer gegeben hat, der ihn auch geschenkt bekommen hatte, aber aussortieren musste, da der Holzwurm drin wohnte. Ich wollte das Holz verbrennen, habe es mit der Kettensäge in Stücke zerlegt – aber dann ließen sich die Stücke trotz erheblicher Anstrengung nicht mit der Axt spalten. So ist halt ein Fluginsekten-Quartier draus geworden.

Martin Mosebach: Das Leben ist kurz

Ein Weihnachtsgeschenk. Bis gestern habe ich gebraucht, um die 155 Seiten auszulesen. Das spricht nicht für dieses Buch. Dabei mag ich Martin Mosebach, habe schon einige Romane von ihm gelesen. Einerseits – andererseits steht ein weiterer dicker Mosebach-Roman ungelesen im Bücherschrank. Denn bei aller Schönheit der, sagen wir mal, konservativ-erlesenen Sprache leiden Mosebachs Werke manchmal unter einer gewissen Langatmigkeit.

Diese „Bagatellen“ genannten kurzen Texte haben mir es schwer gemacht, in die Geschichten hinein zu kommen. Wieso soll mich das interessieren, was Sie da schreiben, Herr Mosebach, habe ich mir gedacht. Die Texte, die den Band beschließen, in denen es etwa um Wein geht, haben mich dann wieder versöhnlicher gestimmt. Aber es fällt mir leicht, mich von diesem Buch wieder zu trennen.

Unterwegs

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Alle Illustrationen von Bruno Bergner (1923 – 1995)

Irgendwas gaukelt dem Menschen immer wieder vor, wie toll es wäre, sein Nest zu verlassen und durch die große weite Welt zu ziehen. Je nachdem, wo man ankommt, mag das Ankommen und der Aufenthalt irgendwo etwas für sich haben, aber das Reisen?

Es fängt an damit, dass man über eine überfüllte Autobahn zum Flughafen fährt, kein Stau, Glück gehabt. Dann schleppt man die Koffer zur Abfertigung, steht sich dort eine Weile die Beine in den Bauch. Anschließend die Prozedur beim Sicherheits-Check, der, schlimm genug, nötig ist. Zur Entspannung darf man anschließend um die 2 Stunden auf einer mäßig bequemen Wartebank Platz nehmen. Dann wieder Schlange stehen, im Gänsemarsch rein ins Flugzeug, wo man auf der Stelle merkt, wie bequem die Wartebank doch war. Und wie viel Platz man da hatte. Gut, aus der Enge kann man sich freikaufen, in den besseren Klassen ist mehr Platz. Viel leiser ist es dort allerdings auch nicht, komisch, dass niemand sich über den Lärm beklagt, gegen den auch Spezial-Kopfhörer nur wenig ausrichten. Um sich Bewegung zu verschaffen, kann man zur Toilette gehen, falls das Flugzeug nicht gerade eine Rüttelphase durchmacht. Dort ist es nicht besonders sauber, dafür aber besonders eng. Als Ausgleich bekommt man dann solche Leckereien wie ein Sandwich mit Kochschinken und Käse. Man kann sich ja nicht viel bewegen während des Fluges, verbraucht also auch nicht viele Kalorien, denken die Herren der Bordverpflegung offenbar. Bei längeren Flügen darf man sich nun einen Film ansehen, den man noch nie sehen wollte.

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Nach der Landung steht man sich wieder die Beine in den Bauch, bis endlich das Gepäck kommt. Dann kann man entweder ein Taxi nehmen und hoffen, dass der Fahrer einen nicht allzu übers Ohr haut, oder man versucht, sich in die Eigenheiten des örtlichen Nahverkehrs einzuarbeiten. In Madrid ging das so: Mit dem Shuttle-Bus (gerade noch so einen Stehplatz bekommen) zur Metro-Endstation, die allerdings wegen Bauarbeiten geschlossen war. Kurzer Fußweg mit Gepäck zur Bahnstation. Mit der Vorort-Bahn zu einer Station, von der aus man (nach einem kurzen Fußweg …)  in eine Metro umsteigen kann. Überall Security, in Madrid hat es ja einen schweren Anschlag gegeben. 13 Stationen mit der Linie X, umsteigen, es stinkt, Krach, alles voller Leute, die auch keine Lust haben, hier unten rumzukurven, noch 5 Stationen mit der Linie Y, noch ein kurzer Fußweg mit Gepäck und schon sind wir beim Hotel.

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Keine Ahnung, ob es Leute gibt, die Spaß dran haben, in so einem Stadt-Hotel zu übernachten. In meinem Bett liegend dachte ich nur: Wenn das 3 Sterne-Komfort ist, was haben wir dann daheim? 6 Sterne? Warum die Hotelleitung jedem ein kleines Fläschchen Mineralwasser spendiert, wird einem spätestens klar, wenn man feststellt, das man sich mit dem stinkenden Leitungswasser nicht mal die Zähne putzen kann. Zur Unterhaltung gibt es ein TV-Gerät, der Nachbar hat auch eines, kann man nicht überhören.

Muss man einfach nur mehr Geld auf den Tisch legen, um das Reisen genießen zu können? Vielleicht. Aber ich kenne drei Leute, die viel unterwegs sind, beruflich. Die selbstverständlich mit dem Taxi fahren, selbstverständlich Business-Class fliegen, mit ihrer XY-Vielflieger-Karte in speziellen VIP-Räumen warten, nie unter 4 Sternen übernachten und so fort. Dem einen hat seine Frau zum Hochzeitstag eine wunderschöne (und nicht eben billige) Reise nach Madeira geschenkt. Das war gut gemeint, hat aber zu einem größeren Ehekrach geführt: „Flugzeug, Hotel, Essen gehen, so ein Mist – ich brauche Urlaub, verstehst Du?“