Daniel Kehlmann: Unter der Sonne

(… weil ich hier alle Bücher vorstelle, die ich gelesen habe …)

In der S-Bahn liest es sich schön. Immer auf die Vororte gucken und die runtergekommenen Bahnhöfe hebt die Laune nicht gerade, den Mitreisenden beim Smartphone-Spielen zuschauen auch nicht. Also das gute alte Buch:

Von Daniel Kehlmann hatte ich noch nichts gelesen. Eine Gelesenhabenlücke, meinte ein Freund und drückte mir direkt 3 Kehlmänner aus seinem Bücherschrank in die Hand. Angefangen habe ich mit „Unter der Sonne“ – einem Band mit Kurzgeschichten. Manchmal etwas übertrieben (die Neigung zur Übertreibung scheint mir sowieso ein häufiger Zug in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zu sein … haben die Autoren so wenig Vertrauen in ihre Leser?), aber immer wieder überraschend und spannend, was Kehlmann da erzählt. Die Geschichten kreisen um ein Thema: Vereinsamte Menschen, Außenseiter, die durch ein Ereignis aus ihrem Alltagstrott gerissen werden – nicht immer zu ihrem Besten.

Der Autor will es so!

Hobbies machen Spaß, sonst würde man sich ein anderes Hobby suchen, oder? Büchermachen ist eines meiner Hobbies, Hobby schon deswegen, nix dabei rum kommt. Umsonst mache ich es nicht, aber meine Einkünfte aus dieser Tätigkeit sind nicht so, das ein etwa mitlesender Mitarbeiter der Steuereinziehungsbehörde unruhig werden müsste. Ich mache es halt gerne.

Oben sieht man das Cover des noch nicht druckfrischen, weil noch gar nicht gedruckten Werkes, an dem ich derzeit arbeite. Mit dem Cover, das ich da zusammengebastelt habe, bin ich ganz zufrieden. Nicht gerade aufregend, aber ist ja auch kein Thriller, das Buch. Aber die Texte! Inzwischen bin ich so weit, dass ich keine Ahnung mehr habe, ob die Geschichten in dem immerhin 290 Seiten starken Band jetzt gut sind, noch mal durch die Mangel gedreht werden müssten oder zurück in die sprichwörtliche Schublade, heute also in den Ordner „Sonstige Versuche“ müssten. Der Autor will es so – das ist dann immer der Ausweg des Lektorierenden aus der Qualitätszwickmühle. Der Autor will hier und da etwas übertreiben, da und hier stark übertreiben. Er will hier und da ein Klischee, da und hier sich über Klischees lustig machen. Vielleicht hat er ja recht?

Immerhin hat er einige der Geschichten schon mehrmals auf einem der Abende, wo Autoren ihre Versuche einem Publikum vorstellen, vorgetragen. Ich war dabei, und, Mist, die Sachen, die ich für UNMÖGLICH! gehalten habe, sind gut angekommen. Wahrscheinlich, habe ich mir überlegt, ist ein gewisses Maß an Mainstream, an Erfüllung der Erwartungen des Publikums, dem Erfolg durchaus zuträglich. Vielleicht sind das Ankerpunkte für den Leser, ohne die er die Lust am Segeln durch das Meer der erzählten Welt verlieren würde? Arbeiten nicht alle möglichen Komiker nach diesem Schema? Lassen wir es also stehen, dass der alte Rentner nicht nur ein armer alter Rentner ist, sondern auch noch ein armer einsamer alter Rentner; immerhin ist er kein armer einsamer alter verbitterter Rentner: Na also! Der Autor will es so! Ich kann mich hinter seinem breiten Rücken verstecken und ins Impressum verkrümeln, das eh niemand liest ….

Ein missratener Sohn

Zugegeben, zuerst habe ich hämisch in mich hinein gelächelt, aber dann kam doch Mitleid auf mit meiner Cousine. Für einen der Weihnachtstage hatte sie nämlich eingeladen zu einer kleinen Familienfeier und es wurden auch noch einmal ein paar Geschenke ausgetaucht.
Das Enkelchen besagter Cousine, ein noch recht zarter Junge von 5 Monaten, bekam Babyschuhe geschenkt, keine normalen, sondern dieses Spezial-Modell aus dem Fan-Shop des 1. FC Köln:

Für die Nicht-FC-Fans unter den Lesern: Bei den seltsamen Tieren, die die Baby-Schuhe schmücken, handelt es sich um Ziegen, um Geißböcke, wie man hier sagt, und der Geißbock ist nun mal das Maskottchen des 1. FC Köln.
Der stolze Vater des Enkelchens trug zum Fest seinen neuen Pullover, ein Weihnachtsgeschenk, auch aus dem Fan-Shop, den ich hier mit Rücksicht auf das Recht am eigenen Bild nur ohne Mensch präsentiere:

Die Cousine war nicht amüsiert, das sah man, sagte aber nichts.

Der eigene Sohn nicht nur Fußball-Fan, sondern offenbar auch ein Freund ausgesprochener Geschmacklosigkeiten! Wie konnte das passieren! Wo der Sohn doch aus einem Haushalt stammt, in dem auf Geschmack größten Wert gelegt wird. Wo man keine Dauerkarte für den 1. FC hat, sondern für Theater und Konzert. Wo kein Möbel durch die Haustür kam, das nicht in einem ortsansässigen bekannten Edel-Möbelhaus gekauft worden war, an den Wänden nur echte Kunstwerke von Künstlern, die in jedem Lexikon stehen? Dass bei der Hochzeit des Sohnes ein Schlagersänger aufgetreten war, hatte die Cousine mit Mühe als eine Art postmodernes ironisches Zitat abheften können, vielleicht, hatte sie damals räsoniert, lag es auch am schlechten Einfluss des Schwiegertochter, die ja wohl auch dafür verantwortlich zeichnete, dass der Sohn zweier Atheisten kirchlich geheiratet hatte. Überhaupt, die Schwiegertochter: Sie hatte bei Edeka gearbeitet und den Job sofort an den Nagel gehängt, als das erste Kind in Sicht kam, um sich ganz der Familie zu widmen. Die ist faul, meinte die Cousine damals, erbost, wie eine junge Frau den feministischen Idealen so in den Rücken fallen konnte.
Und der Sohn – ich erinnere mich noch, wie für ihn lange nach dem passenden Gymnasium gesucht wurde, bis die Wahl endlich auf ein altsprachliches Traditionsgymnasium fiel. Schule mit bestem Abitur – dass der Klavierunterricht schon nach kurzer Zeit wegen offenkundig mangelnder Eignung abgebrochen werden musste, war nur ein kleiner Schönheitsfehler. Nein, da konnte die Cousine stolz sein auf ihren Sohn, er studierte dann Maschinenbau und schloss mit einer sehr guten Promotion ab. Aber anschließend: Natürlich war sie wieder ein wenig stolz, dass seine Bewerbung beim ersten Anlauf Erfolg hatte. Bei einem Beratungsunternehmen, ja genau, bei dem berühmt-berüchtigten Beratungsunternehmen, dessen Name so anfängt wie McDonalds. Musste das sein? Schließlich waren Mutter und Vater seit ihrer Studentenzeit Mitglied der SPD, die Cousine zusätzlich Mitglied in diversen Arbeitskreisen, die alle irgendwie ein „kritisch“ im Namen trugen. Und der Sohn arbeitet beim Klassenfeind! Wenn er das viele Geld, das er da verdient, wenigstens in hochwertige Kleidung investieren würde, mal zu dem Herrenausstatter gehen würde, bei dem sein Vater immer eingekauft hat. Aber nein, der Sohn trägt Anzüge nur, wenn er muss; sonst mag er es lieber ein wenig zu einfach, ein wenig zu schlampig, ein wenig zu bunt – kurz: ein wenig zu geschmacklos. Oder erheblich zu geschmacklos, wie der FC-Fan-Weihnachtspullover.