Kunst-Therapie

Eine kleine Geschichte von mir, geschrieben zu diesem Bild: (hier klicken)


Kunst-Therapie

“Na, wie ist es Ihnen ergangen vorige Woche?” fragte der Therapeut die junge Frau, die vor ihm in dem schwarzen Ledersessel saß und versuchte, ihre Hände ruhig zu halten. Die Finger waren bleich, ihr Gesicht angespannt. Es musste etwas vorgefallen sein, dass war ihm sofort klar.

Er stellte seinen Kräutertee vor sich hin und nahm den Notizblock zur Hand. Auf dem Tisch lag, unauffällig wie immer, der Umschlag mit der Rechnung für den vergangenen Monat. “Erzählen Sie, die Stunde gehört Ihnen”, sagte er und zog den Teebeutel aus der großen bunten Tasse, einer Weihnachtstasse, die er schon längst hätte austauschen sollen.
“Scheiße ist”, brachte sie schließlich hervor, “meine Mutter, scheiße.”
Er schrieb eifrig, überflog dabei verstohlen seine Notizen von der vorigen Sitzung, um wieder im Bilde zu sein. Dann schaute er sie an. Sie trug heute einen geringelten Pulli, 70er Jahre, oder war so etwas schon wieder modern? Dazu Ohrringe. Viel zu groß und viel zu bunt. Ob sie niemand hatte, der ihr geradeheraus sagen würde, dass ihr diese Dinger nicht stehen?
“Diese Frau ist eine Katastrophe”, sagte sie, “oh, was sind wir liberal, oh, was sind wir modern. Scheiße. Alles Scheiße. Alles dummes Gelabere. Da ist nichts hinter, verstehen Sie?”
“Was ist denn vorgefallen?”
“Ich habe mit dem Malte einen langen Abendspaziergang gemacht.” Sie ließ ihre Finger locker, ihr Gesicht entspannte sich für einen Moment. “Ach, scheiße, warum erzähle ich Ihnen das, der Malte, der ist super, darum geht es nicht. Es geht um das Bild. Unser Bild.”

Sie blickte an die Wand, lächelte ein ganz klein wenig. Was für ein Bild mochte sie vor Augen haben? Der Therapeut tat, als ob er schriebe, malte aber nur drei Fragezeichen auf das Papier, daneben ein paar Rechtecke, die Bilder darstellen sollten. Da die junge Frau nicht weitersprach, vertrieb er sich die Zeit damit, in die Rechtecke Strichmännchen zu malen, kleine kindliche Bildchen, die ihm gefielen.
“Wir haben Fotos gemacht an dem Abend, müssen sie wissen. Malte hat dann am Computer daraus eine Collage zusammengebastelt. Ein Stück Regenbogen, der Fernsehturm, viele Wolken im Abendlicht, ganz viele Wolken. Dann hat er beim Lidl ein Poster machen lassen, 70 x 100 cm, so auf Leinwand aufgezogen, wissen Sie. Und das hat er mir geschenkt.”
“Und, gefällt es Ihnen?”
“Ja, total! Aber meine Mutter, die hat nur gemeckert. Zuerst nur so hintenherum, wissen Sie. Ziemlich groß, hat sie gemeint, da würden wir nur schwer einen Platz für finden und so. Ich wollte es über meinen Schreibtisch hängen, worauf sie sagte, ob das unbedingt sein müsse, das Bild würde doch nicht zum Stil des gesamten Hauses passen, ich wüsste doch, wie sehr sie bei allen Bildern auf Qualität achten würde. Qualität, Qualität, sagte ich und zeigte auf ein Gemälde, das ich noch nie leiden konnte, woher willst du denn wissen, dass dieses Bild hier so ein Qualitätsding ist. Dann hat sie mir was von frühem Informel erzählt, vom Prinzip der Formlosigkeit, ob ich denn nicht die Spannung zwischen Auflösung der Form und neuer Formwerdung sehen könne, die in diesem Bild exemplarisch zur Geltung komme. Komm, vergiss es, habe ich gesagt, du hast hier nicht deinen Leistungskurs vor dir, Originalität, der kreative Geist der Moderne, ich kann deine Sprüche singen. Und dann habe ich sie gefragt, ob sie sich jemals überlegt hätte, ob das nicht vielleicht alles Ramsch wäre, ob sie sich nicht manchmal frage, ob diese ganzen modernen Klecksereien nicht eines Tages auf den Müll fliegen. Darauf ist sie wortlos in die Küche gegangen und hat sich eine Flasche Rotwein aufgemacht, dieses italienische Zeugs, das sie immer trinkt, darf nur bei ihrem Weinhändler gekauft werden. Ein fürchterliches Getue, kann ich Ihnen sagen.”
Sie schüttelte den Kopf. Der Therapeut hätte sich gerne nach dem Namen des Weines und des Weinhändlers erkundigt, sah aber ein, dass das jetzt nicht angeraten war.
“Hängt das Bild denn jetzt über dem Schreibtisch?” fragte er, um die Sache etwas zu beschleunigen.
“Nein, nichts. Scheiße. Sie hat so einen Aufstand gemacht, das können Sie sich gar nicht vorstellen.”
Der Therapeut konnte es sich nur zu gut vorstellen, schließlich bestand sein Beruf darin, sich dergleichen anzuhören. Er nickte aber trotzdem mitfühlend und auffordernd.
“Zuerst hat sie den Rotwein in sich hineingeschüttet. Dann hat sie angefangen mir was vorzuheulen. Ob ich wisse, was ich ihr da antue. Moderne Klecksereien gehören auf den Müll, genau das habe damals ihr Vater gesagt. Ob mir klar sei, welche Kraft es sie gekostet hätte, sich aus diesem spießigen Elternhaus zu befreien. Ob ich mich nicht an das fürchterliche Bild von einem Kriegsschiff im Sturm erinnern könnte, das bei den Großeltern gehangen hätte, eine Erinnerung an die Zeit ihres Vaters bei der Marine, das nicht kritisiert werden durfte. Ob mir klar sei, was ich da alles auf den Müll werfen wolle. Mich willst du auf den Müll werfen, ich soll auf den Müll, hat sie immer wiederholt und ist richtig hysterisch geworden. Furchtbar. Ich bin dann abgehauen und ein paar Mal um den Block gegangen. Als ich zurück kam, hat sie auf der Couch gelegen und geschlafen.”
Eine Pause entstand, die der Therapeut dazu nutzte, seine Notizen zu vervollständigen. Er trank einen Schluck Kräutertee, der schon ziemlich kalt geworden war und schaute unauffällig auf die Uhr. Er musste einen Abschluss finden.  Da ihm nichts einfiel, plauderte er ein wenig von seinen eigenen Erfahrungen mit seinem Kunstlehrer, erzählte, um die Stimmung zu verbessern, eine lustige Episode und sagte dann:
“Achten sie in der kommenden Woche doch darauf, welche Gefühle die Bilder bei Ihnen auslösen, beide, das von Ihrem Freund und das, das Ihre Mutter so am Herzen liegt. Und dann berichten Sie mir nächste Woche davon.”
Er fand den Abschluss nicht unelegant. Sie stand auf, drehte sich in der Tür noch einmal herum und rief: “Was ich fühle, wenn ich die Bilder meiner Mutter denke, kann ich Ihnen jetzt schon sagen: Ich hasse diese Bilder, alle.”

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2 Gedanken zu „Kunst-Therapie

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