Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der Symbolverfertigung am Beispiel der Taube (6)

Er hatte es nicht leicht, der Lukas. Er wollte über ein Ereignis schreiben, dass sich vor gut 50 Jahren zugetragen hatte. Er war nicht dabei gewesen, ihm war die Welt der jüdischen Wanderprediger überhaupt fremd, denn er war (wahrscheinlich) ein Grieche, auf jeden Fall kein Jude. Was war passiert? Ein schon etwas älterer und bei Insidern bekannter ziemlich radikaler jüdischer Wanderprediger hatte einen jungen Mann getauft, der bald danach auch als Prediger durch die Lande zog. Dabei soll etwas passiert sein, sagen ein paar Augenzeugen. Ein Summen, ein Leuchten? Ach, die Zeugen sind längst tot, ein paar Aufzeichnungen gab es, aber im Grunde sah die Sache so aus: Nichts Genaues wusste unser Lukas.

Lukas, der ein frommer Mann war, fragte Gott um Rat. Das hatte er schon bei der Geburt und Kindheit seines Helden – ein Thema zu dem er überhaupt nichts Gesichertes herausgefunden hatte – getan und es hatte prima geholfen. Lukas hatte sich entspannt zurückgelehnt und Gott hatte ihm diktiert oder die Feder geführt, das Ergebnis ist bekannt: ein Mega-Bestseller.

Machen wir ein Experiment. Stellen sie sich vor, Sie sind Gott und wollen dem armen Lukas helfen, tun Sie doch gerne, schließlich geht es ja um die eigene Sache.

Bei der Taufe muss etwas passiert sein, schon deswegen, weil es sich ja herausstellen soll, dass der werdende Wanderprediger in einer besonderen Beziehung zu den höheren Mächten steht.

Ein Blitz? Zu gewalttätig, zu zerstörerisch. Erdbeben? Noch schlimmer. Himmlische Töne in der Luft? Nicht schlecht, ein Engelschor beispielsweise. Hatten wir schon bei der Geburt. Etwas mehr Kreativität bitte! Ein Lichtball schwebt vom Himmel herab? Gut, ausbaufähig. Aber wenn schon was durch die Luft segelt, warum dann kein Vogel? Treffer. Vogel, das ist es.

Ein Vogel, der das Licht bringt, der erleuchtet, der muss weiß sein. Krähen oder Raben gehen schon mal nicht. Der Schwan ist weiß, etwas zu dick vielleicht. Aber da gibt es diese Geschichte mit Leda und dem Schwan. Zu pervers. Geht nicht. Ein weißer Geier oder ein weißer Adler? Gibt es nicht? Schon vergessen? Sie sind Gott! Wenn ein weißer Geier herabschwebt, dann ist das ein Wunder, das hat einen zusätzlichen Charme. Aber der Geier, der alte Aasfresser, hat bei den Menschen einen schlchten Ruf, der Adler gilt als kriegerisch – passt nicht, Ihr Held ist schließlich sanft wie ein Lamm. Also kein Raubvogel. Gut fliegen aber muss er können. Hühner, Gänse, Pinguine und Lummen scheiden aus. Möwen? Nein, das ständige Gekreische stört die meditative Stimmung.

Taube? Gähn. Hatten wir doch schon, bei Noah und seiner Arche. Außerdem gibt es das alte Turtelvieh überall bei der heidnischen Konkurrenz. Seien Sie kreativer! Also: Warum nicht doch der Pinguin? Ein rein-weißer Pinguin schwebt in einer Leuchtwolke vom Himmel herab, ein Lichtpinguin, der permanent leuchtende Lichtfedern verliert, die langsam herabschweben, sich mit unserem Helden vereinigen und ihn erhellen, erleuchten. Welch ein Special Effect! Dazu Alban Bergs Violinkonzert “Zum Andenken eines Engels”, die ersten beiden Minuten in einer Endlosschleife! Im falschen scheint das wahre Leben auf!

Aber: Man würde Sie vielleicht für einen Künstler halten, im besten Falle würde ein Adorno-Enkel die im radikalen Bruch mit dem Überkommenen jäh aufscheinende kompromisslose Modernität loben, ihr Werk würde in der “Kulturzeit” vorgestellt und deswegen 847 Mal verkauft werden, aber – Sie werden es eingesehen haben – wenn Sie eine massenkompatible Religion stiften wollen, nehmen Sie lieber eine weiße Taube. Das passt. Jeder versteht es, die Zahl Ihrer Followers wird steil nach oben gehen. Like it, like it, like it, …. wer wird da herumnörgeln.

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9 Gedanken zu „Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der Symbolverfertigung am Beispiel der Taube (6)

  1. Klausbernd

    That`s Martin at his best!
    Gefällt mir 🙂
    Liebe Grüße aus dem Berliner Gartenhaus und ein angenehme Woche dir
    Klausbernd

    Antwort
  2. Roswitha Mecke

    So intelligent, der Pinguin so süß, die Musik genial. Man könnte herumnörgeln auch durch herumvögeln ersetzen, dann würde sich der Kreislauf schließen gewissermaßen.

    Antwort
  3. Frau Blau

    ein wundervoller Text, danke dafür
    mit einem Schmunzeln (weil mir die Idee mit dem Pinguin so gut gefällt 😉 )und zwei offenen Ohren (die Musik tönt noch) grüßt dich herzlichst
    Frau Blau

    Antwort
  4. haushundhirschblog

    Ein schöner Text, zu dem wir auch noch einen Satz schreiben wollen, während wir im Hintergrund die wunderbare Musik hören, nörgelnd und vögelnd (Vögel betreffend), denn, das muss angemerkt werden, die Raben und Krähen sind einfach viel schlauer, vermutlich haben sie deshalb für sich ein schwarzes Kleidchen genäht, weil weiß so leicht verschmutzt, gerade wenn es höheren Zwecken dienen soll … aber mal nichts gegen Tauben 🙂

    Antwort
  5. Pingback: Picasso und die Friedenstaube (7) | Rumgekritzelt

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