Ansichten eines Clowns

 

 

Ich hatte, wie ich auch in einer Erzählung in meinen „Asturischen Tiergeschichten“ geschrieben habe, schon länger vor, die „Ansichten eines Clowns“ zu lesen. Schon länger? Seit 40 Jahren, genau gesagt.

Zuerst hat mich erstaunt, dass dieser Böll  gut schreiben kann. Die Sprachmelodie bleibt im Ohr, die Konstruktion des Romans mit den an Telefongesprächen aufgehängten Rückblenden ist genial,  Beschreibung hingegen nicht gerade seine Stärke. Wer wissen will, was Peter Handke gemeint hat, als er einmal die „Beschreibungsimpotenz“ der Autoren der Gruppe 47 kritisiert hat, wird hier fündig. Oder hat der Leser nach der Lektüre ein Bild von Bonn vor Augen? Und die zentrale weibliche Figur, die Marie – wie sieht sie aus? Wie bewegt sie sich?

Dann habe ich mich geärgert über all diese Plattheiten. Die Leute, die beschrieben werden, sind fast alle alte Nazis, die nur so tun, als ob sie umgedacht hätten, fiese Kapitalisten oder heuchlerische Katholiken oder alles zusammen. Und alle verhindern, das sich der Ich-Erzähler, der Clown, und seine Geliebte Marie ungehindert lieben können.

Der Ich-Erzähler steigert sich zeitweise in ein Geschimpfe hinein, dass an Thomas Bernhard erinnert – wobei Thomas Bernhard sicherlich der genialere  Schimpfer ist.  Ist Böll also tatsächlich „ein Deutscher mit dem verquasten Denken eines Deutschen, sein Werk voller bramarbasierender Moral statt geprägt von politischer Intelligenz“, wie sein Gruppe 47 – Kollege Hans-Werner Richter in seinem Tagebuch „Mittendrin“ geschrieben hat?

Das ist, scheint mir, ein Missverständnis, dem eines der ältesten Missverständnisse beim Verstehen von Literatur zugrunde liegt: die Verwechselung von Autor und Ich-Erzähler.  Heinrich Böll selbst hat sich in diese Richtung geäußert, als er gesagt hat, man dürfe seinen Roman keineswegs als einen anti-katholischen Roman verstehen. Eben. Der Ich-Erzähler schimpft und schimpft, aber wer ist dieser Ich-Erzähler?

Ein  Jüngling aus reichem Hause, der sich weigert, erwachsen zu werden und das, was ihn mit seiner Marie verbindet, permanent mit Liebe verwechselt. Tatsächlich ist er so in sein Ego und in seine Weltsicht verliebt, dass er überhaupt nicht erkennt, was mit der Frau, die er angeblich über alles liebt, eigentlich los ist. Er will – nicht nur darin ähnelt er Goethes Werther, der auch nicht begreifen kann, dass seine Geliebte andere Vorstellungen vom Leben hat als er – nicht einsehen, dass sein Lebensentwurf völlig an den Interessen seiner Marie vorbei geht. Als Sohn reicher Eltern findet er es schick, einen auf Bohemien zu machen. Marie aber stammt aus sehr armen Verhältnissen und findet es nicht witzig, dass ihr Hans das wenige Geld, das er als Clown einnimmt, für teure Hotels und Bahnfahrten 1. Klasse herauswirft. Für den Ich-Erzähler hat Marie nur Vorteile. Sie reist brav mit ihm herum, besorgt wie selbstverständlich den Haushalt und spielt stundenlang mit ihm Mensch-Ärger-Dich-Nicht – weil er das will.  Dass sie sich auch ein Leben vorstellt, beispielsweise einen Beruf, kommt dem Clown nicht in den Sinn. Er hält sich für sehr großzügig, wenn er ihr erlaubt, mal in die Kirche zu gehen. Dass sie Kinder haben will, das weiß er – aber wie soll das gehen, wenn sie ständig in der Gegend herumreisen und von der Hand in den Mund leben? Der Ich-Erzähler will keine Verantwortung für sein Leben übernehmen, wie soll er dann die Verantwortung für Kinder übernehmen? Für den nötigen Sex ist die Marie auch gut. Die beiden Abtreibungen tut der Ich-Erzähler als Fehlgeburten oder „Frauensachen“ ab. Gerade diese Abschnitte, in denen es um „irgendwelche Frauensachen“ geht, zeigen, wie wenig der Ich-Erzähler Marie als ganze Person in den Blick bekommt.

Dass Marie sich einem Kreis von Katholiken anschließt, ist der Grund, weshalb der Clown über die Katholiken herzieht. Hätte sie sich einem Kreis von Esoterikern oder Kernkraftgegnern angeschlossen, hätte er kein gutes Haar an diesen gelassen.  Dabei haben diese Leute, die er allesamt Heuchler nennt, genauso recht wie seine Eltern. Das mag hart klingen, ist aber richtig: Ihm kein Geld mehr zu geben, ihn zu zwingen, auf eigenen Füßen zu stehen, erwachsen zu werden. Jeder gescheite Therapeut würde ihm das gleiche beibringen müssen.

Aber er will es nicht einsehen. Nur deshalb setzt er sich am Schluss an den Hauptbahnhof und bettelt. Nicht, weil ihm keine andere Chance bleiben würde. In der Zeit, in der der Roman spielt, gab es in Deutschland so viele offene Stellen, dass hunderttausende „Gastarbeiter“ angeworben wurden. Nein, er bettelt am Hauptbahnhof, weil er hofft, irgendwelche Bekannten oder gar Marie kämen vorbei und würden sehen, wie schlecht es ihm geht. Eine theatralische Selbstinszenierung: Schaut her, ich, Hans Schnier, bin das ärmste aller armen Opfer der bösen Gesellschaft.

 

 

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15 Gedanken zu „Ansichten eines Clowns

  1. puzzle

    Das muss ich wohl mal wieder lesen. Oder doch nicht? Nach 30 Jahren erkenne ich nur noch etwas wieder, anstatt mich zu erinnern. Ob das gegen Böll’sche Erzählkunst spricht oder doch eher gegen den damaligen Autoren-Zeitgeist – ich weiß es nicht, das auch nicht. Es gibt Bücher, die mir einfach nicht fehlen.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Mir fehlt es auch nicht, war nur sozusagen eine Jugenderinnerung, weil meine Mutter damals (ich war 15) gesagt hat, das sollte ich lieber nicht lesen und ich es auch nicht gelesen habe – bis diese Woche. LG Martin

      Antwort
  2. Pit

    Hallo Martin,
    das erinnert mich an meine eigene Schulzeit. Da wollte einer meiner Mittschüler „Die Ansichten eines Clowns“ für’s Abitur als Spezialthema benennen. Darauf sieht ihn unser Deutschlehrer von oben bis unten an und meint, „Die Ansichten eines Clowns? Da brauche ich doch nur Sie anzusehen.“
    Liebe Grüße aus dem südlichen Texas,
    Pit

    Antwort
      1. Pit

        Hallo Martin,
        ich denke mal, dass ein Lehrer sich heutzutage seine Wortwahl besser überlegen würde/müsste. Aber: es war vielleicht eine gute alte Zeit, von der wir, wie in der „Feuerzangebowle“ nopstalgisch schwärmen könnten. 😉 Aber sie hatte auch weniger schöne Auswüchse.
        Liebe Grüße aus dem südlichen Texas und auch Dir einen schönen Sonntag,
        Pit

      2. emhaeu Autor

        … auch (fast) 10 Jahre nach meiner letzten Unterrichtsstunde habe ich bei der Böll-Lektüre immer überlegt, wie man daraus eine Unterrichtsreihe für den Deutsch-Leistungskurs machen könnte. Am Schluss stand die Reihe. Sinnloserweise.
        Wünsche auch einen schönen Sonntag! Martin

  3. Dina

    Oh, eine Begegnung mit meinem ersten Buch in deutscher Sprache, damals.. als ich nach Bonn kam. Long time ago…. und ich kann mich kaum daran erinnern. Vielen Dank für diesen Revival, ich glaube ich krame das Buch wieder raus.
    Schönes Wochenende und liebe Grüße
    Dina

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Dein erstes deutsches Buch! Ist ja witzig. Ich hoffe, Du hast dem Ich-Erzähler nicht geglaubt, dass alle Bonner so schrecklich sind …. schönen Sonntag! Martin

      Antwort
      1. Dina

        🙂
        Und Euch einen guten Start in der neuen Woche und ein gute Reise, ich bin auch wieder on the road… bis Ende des Monats.
        Herzliche Grüße
        Dina

  4. haushundhirschblog

    Danke Dir, Martin, für Deinen Beitrag dazu! Ich begann das Buch vor etwas über zwanzig Jahren ganz freiwillig zu lesen. Ich weiß, dass ich es maximal bis zur Mitte des Buches schaffte, dann legte ich es zurück. Ich habe mich sehr geärgert, es ncht bis zum Ende gelesen zu haben, aber die Entscheidung war getroffen. Es hatte mich gelangweilt. Es „traf“ mich nicht.
    Später habe ich in Bonn Literaturwissenschaften studiert und um Vorlesungen und Seminaren zu Böll einen großen Bogen gemacht.
    Heute finde ich das sehr schade.
    LG, mb

    Antwort
    1. Dina

      Wiiiie, du hast hiiiiiier in Bonn Literaturwissenschaften studiert..??? Aah, interessant, das hast du bis jetzt in deiner Biographie klein oder heimlich gehalten, oder?
      Nevertheless, I’m impressed, very much so!
      🙂
      Liebe Grüße
      Dina

      Antwort
  5. Frau Blau

    auch bei mir ist es sehr, sehr lange her und ganz ehrlich, wirklich erinnern kann ich mich nicht, auch jetzt nicht nach deiner Besprechung… irgendwann habe ich alle BöllBücher bei einem meiner vielen Umzüge, zusammen mit anderen, damals als Diese-Bücher-les-ich-eh-nie-wieder abgespempelt, verhökert. Später vermisste ich manches von ihnen, auch in Böll hätte ich gerne noch einmal geblättert, sei es auch nur deswegen, um Kontakt zu derjenigen zu bekommen, die damals jung war und gerade in die Welt ging, um jede Inspiration dankbar! Mir gefiel am bsten von Böll: Katharina Blum

    Was du zum Ich-Schreiberling und der Person dahinter geschrieben hast, erlebe ich auch immer wieder. LeserInnen machen einen Schulterschluss, wo keiner ist oder nur ein sehr indirekter…

    danke dir für diesen text und liebe Grüße

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Das ist allerdings in der Blogwelt noch verstärkt. In Blogs müsste man eigentlich immer schreiben: Aufgepasst, jetzt spricht nicht mehr der Autor! — denn da denkt jeder natürlich, ich, der Martin, würde mal wieder mein Herz ausschütten.
      Einen schönen Abendgruß Martin

      Antwort

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