Picasso und die Friedenstaube (7)

Die kleine Serie zur Symbolik der Taube

(ältere Teile hier, hier, hier, hier, hier und hier)

ist noch nicht beendet, heute der vorletzte Teil:

Die Friedenstaube ist vielleicht Picassos bekanntestes Werk, sicher aber sein am meisten vervielfältigtes. Picasso hat öfters Tauben gemalt und gezeichnet, schon als junger Mann, am bekanntesten ist wohl dieses “Mädchen mit Taube” von 1901, von dem ich nur einen kleinen Ausschnitt zeige – in der Hoffnung, dass Picassos Erben mich verschonen mögen. Das 1911 gemalte “Taube mit Erbsen” ist nicht so berühmt, weil kubistisch.

Er konnte Tauben schon als Kind tagaus tagein studieren, denn sein Vater hatte in seinem Haus in Malaga eine Taubenzucht unter dem Dach.

Später hatte er selbst Tauben, nämlich ein paar weiße Tauben, die ihm Matisse geschenkt hat, der, wie dieses herrliche Foto von Bresson zeigt, selbst ein Taubenliebhaber gewesen ist:

Irgendwann Anfang 1949 kam Louis Aragon – wie Picasso Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs – zu seinem Freund Picasso, weil er ein Motiv für den “Pariser Weltfriedenskongreß” gesucht hat. Dieser von den Kommunisten organisierte “Friedenskongreß” hatte mit Frieden ungefähr so viel zu tun wie die Deutsche Demokratische Republik mit Demokratie. Eine reine Propaganda-Veranstaltung, geplant von Stalins KGB. In Wirklichkeit ging es den kommunistischen Friedensengeln darum, die Gründung der NATO zu verhindern, wie dieses Plakat sehr schön zeigt.

Aragon jedenfalls blätterte in Picassos neueren Werken und fand eine Lithografie, die eine weiße Taube vor nachtschwarzem Hintergrund zeigte. Die beiden Kommunisten kannten die Bibel besser als der heutige Durchschnitts-Konsumist: Die Taube, das alte Symbol des Einklangs und der positiven Energie, das Symbol der Turtelei und des guten Geistes – war das nicht ein ideales Friedenssymbol auch für die, die einen heiligen Geist strikt leugneten?
Picasso setzte sich also hin und entwickelte aus der vorliegenden Lithografie jene Umrisszeichnung, die zum Friedens-Label geworden ist.  Der Doktrin des sozialistischen Realismus entsprach dieses Werk nicht so recht, aber die Parteileitung drückte um des Propaganda-Effektes willen beide Augen zu: Schaut her, wie weltoffen wir sind.

Das war nicht das einzige Mal, dass Picasso sich für die kommunistische Propaganda einspannen ließ.  1951 entwirft er ein Einstecktuch für das “Weltfestival der Jugend und Studenten für den Frieden” in Ostberlin, wieder darf die Taube nicht fehlen.

1953 endlich erreicht Picassos Engagement für den Stalinismus seinen Höhepunkt. Wieder ist es Aragon, der in auffordert, etwas zu einer Sonderausgabe der Parteizeitung der KPF anlässlich Stalins Tod beizutragen. Picasso zeichnet ein Stalin-Portrait, Aragon schreibt den lobhudelnden Leitartikel – während ein Teil der KPF versuchte, das Erscheinen dieses Lobliedes auf den Massenmörder Stalin, der bekanntlich auch Parteigenossen gerne an die Wand stellen ließ, zu verhindern.

Das Stalin-Portrait wird selten gezeigt oder abgebildet. Noch seltener findet man irgendwo diese Zeichnung Picassos, die ich zuerst für eine Fälschung gehalten habe, man kann die Zusammenhänge aber hier nachlesen.

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8 Gedanken zu „Picasso und die Friedenstaube (7)

  1. L4A

    Tausende von Tauben für die Kommunisten? Na und?

    Wie wenig friedlich die NATO ist, können wir jetzt sehen. Ich verurteile den Stalinismus und den Neo-Stalinismus. Aber was ist falsch daran, wenn jemand versucht hat, die NATO zu verhindern? Viele, nicht nur Aragon, Picasso und MacColl haben sich dazu hinreissen lassen, Stalin zu loben, weil unter seinem Befehl die Nazis geschlagen wurden (die Alliierten sind erst ab 1944 in sowjetischem Fahrwasser gesegelt, haben deshalb nicht zwanzig bis siebenundzwanzig Millionen Tote zu beklagen). Ich bin sicher, dass Russland keinen Krieg wollte noch will, und so ging es wohl auch Aragon und Picasso.

    Wenn die NATO natürlich (siehe Afghanistan, siehe Ukraine) ihre Macht bis an die russischen Grenzen auszudehnen versucht, („Wir haben Eurasien“ – Brzezinski 1978) jault der verletzte russische Bär auf, & Putin wird durchdrehen. Picasso wäre auch heute unpolitisch, aber seine Sympathien würden mehr denn je den Schwachen dieser Welt gehören.

    Die Wiener Abrüstungsgespräche, der Atomwaffensperrvertrag, SALT I und II, die KSZE, alle diese Friedensbemühungen waren, wie auch der Weltfriedenskongress, vom Osten eingefädelt worden. Der Künstler Picasso entwickelte Sympathien. Was ist so schlimm daran?
    Die FKP war übrigens nach Stalins Tod und besonders ab 1968 bedeutend weltoffener, liberaler und demokratischer als die Schwesternparteien im Osten. So manche Ohrfeige ging zwischen den Genossen in Ost- und Westeuropa hin und her.

    Man möge mir die Länge und Abschweifungen meines Kommentars verzeihen. Aber: „Antikommunismus ist die Grundtorheit unserer Epoche“ (Thomas Mann). Und es nervt, wenn man angesichts von Picassos Ideen, Sympathien und Irrtümern gleich noch versucht, Bemühungen für den Weltfrieden in den Dreck zu ziehen, nur weil sie aus dem Osten kamen.

    Antwort
  2. andrea

    Hallo MARTIN:)))
    SCHÖNer**INTERESSANTER**ARTIKEL über PICASSO und die FRIEDE(n)sTAUBEsymbol…..so hatte ich das ALLerdings noch nicht geSEHE(n)???
    DANKE dir für das INFORMATIVE……der MENSCH lernt doch nie aus…LG ANDREA:))

    Antwort
  3. haushundhirschblog

    Schöner Artikel, Martin!
    Ich glaube, im letzten Jahr gab es in der Wiener Albertina eine Ausstellung zum „Politischen Picasso“. Man sollte hier vieles nicht überbewerten, denn letztlich war Picasso ein humanistischer Künstler und kein kadergetreuer Kommunist.
    Bei der Frage, ob Picasso politisch sei, ist sein Kunsthändler Henry Kahnweiler einmal sehr deutlich geworden: „Er ist der unpolitischste Mann, den ich je kennengelernt habe.“
    Liebe Grüße

    Antwort
  4. Frau Blau

    ach lieber Martin, was du alles weisst!
    und wieviel sympathischer mir Matisse mit den Tauben, denn Picasso ist! Ich gebs ja zu… ich bin kein wirklicher Picassofan, es gibt nur sehr wenige Bilder, die mir wirklich gefallen haben (bis heute) und dieses Lobbild auf Stalin macht ihn mir nicht gerade sympathischer…
    Danke dir für die Weiterbildung am sonntäglich frühen Abend
    herzlich grüßt dich
    Frau Blau
    jetzt kann man natürlich wieder diskutieren, der Künstler zum einen und die Politik zum anderen, aber ich finde schon, dass man gerade als Künstler und Künstlerin auch eine politische Verantwortung trägt…

    Antwort

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