Martin Mosebach: Was davor geschah

Der wunderschöne Kakadu, der den Umschlag dieses Buches ziert, stammt übrigens von Nicolaus Heidelbach, ein Künstler, dessen Frankfurter Ausstellung ich im Sommer sehr genossen habe. Aber es war nicht der Umschlag, der mich zu diesem Buch greifen ließ, ich habe auch gar nicht danach gegriffen, sondern ein Ebook gelesen, was mir immer noch sehr seltsam vorkommt. Auch die zahlreichen teilweise enthusiastischen Rezensionen von FAZ über Die Welt bis zu SZ und ARD kannte ich nicht, aber ich habe schon mehrere Romane von Mosebach gelesen (siehe hier und hier).

Daher hat es mich nicht überrascht, dass wieder einmal die Handlung nicht so superspannend ist – was zahlreiche Leser bemängelt haben. Bei Mosebach kommt es ganz auf die Schilderungen an, auf die Beobachtungen der Details, oft von exotischen Schauplätzen wie der Bäreninsel oder Indien, der Osttürkei oder Ägypten.

Diesmal verzichtet er sogar auf eine Hauptfigur – lange Zeit habe ich mich gefragt, worauf die Sache denn überhaupt hinaus läuft. Aber das ist auch der Witz: Der Roman schildert die Frankfurter („höhere“) Gesellschaft, entwirft ein Gesellschaftspanorama und damit die Geschichte von etwa 12 Hauptfiguren, die sich alle von gesellschaftlichen Treffen bei einer wohlhabenden Familie her kennen. Der Kakadu spielt natürlich auch eine wichtige Rolle, zuerst als lebendes Deko-Objekt, dann als Angreifer, am Schluss wird er nicht gerade auf den Müll geworfen, sondern bei Ebay versteigert. Wenn man so weit ist, wundert einen das nicht mehr, denn bis dahin ist die ganze feine Gesellschaft mächtig durcheinandergewirbelt worden.

Nichts für Menschen, die was Spannendes zur Ablenkung lesen wollen, kein Fantasy, sondern eine sehr präzise und ungeheuer gut geschriebene Diagnose des Lebens hier und heute, eigentlich vollkommen traditionell, aber mit einigen experimentiellen Widerhaken versehen.

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9 Gedanken zu „Martin Mosebach: Was davor geschah

  1. Dina

    Lieber Martin,
    ich bin so froh, dass du das Buch genau so aufgenommen hast, wie ich. Die fehlende Handlung und die ausschweifenden Schilderungen haben es mir vollends angetan. Danke für diesen Post. Ich habe es mit großem Vergnügen und mehr gelesen! 🙂
    grüße aus dem schönen Bonn, Rheinland. Und überhaupt.
    Hanne

    Antwort
  2. Klausbernd

    Huch, lieber Martin, ich finde Mosebachs Stil trotz haushohen Lobs überhaupt nicht gut: ich finde ihn umständlich, gewollt originell und in seinen Sprachbildern bisweilen zu abgelegen. Aber dennoch habe ich den Roman bis zum Ende gelesen. Mosebach schreibt nervig altertümelnd, finde ich.
    Liebe Grüße
    Klausbernd

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Lieber Klausbernd, da ist schon was dran, mein Stil ist das nicht. Ich kann ihm auch nicht bei jeder Formulierung und jeder Marotte folgen. Aber ich finde, dass das was hat, weil er schon immer wieder neue, überraschende Wendungen und Bilder findet. Altertümelnd würde ich das nicht nennen, jedenfalls nicht betulich-altertümelnd. Es scheint mir eher so, als dass Mosebach dem Leser einen gewissen Widerstand in den Weg legen will. Er ist der Meinung, dass dass Glatte, das Ungeformte Gefahr läuft, nur banal zu sein. Deshalb sein Beharren auf durchgeformten Stil, was natürlich immer eine Gratwanderung zum Gekünstelten ist. Haben aber viele Schriftsteller aus den „oberen“ Etagen so gemacht, sich eine ganz eigene Sprach- und Formwelt geschaffen, die dann auch immer leicht gekünstelt erscheint. Der Kafka beispielsweise mit seinen Stilmarotten. —– Ich finde aber vor allem auch den Inhalt gut, diesen kritischen, aber nie zynischen Blick auf die Leute. Und die Konstruktion des Ganzen…..

      Antwort
      1. Dina

        Ich finde Mosebach nicht angestrengt gewollt originell, Jarg stellte gestern „Momentum“ von Roger Willemsen vor. Die paar Textauszüge finde ich ein klassiches Beispiel für gehemmten Lesefluss und Freude…

      2. emhaeu Autor

        Danke …. werde mir die Seite bei Jarg mal ansehen, aber der Willemsen ist mir sowieso nicht sympathisch … LG Martin

      3. emhaeu Autor

        Jetzt habe ich mir den Artikel über „Momentum“ angesehen und stimme Dir zu. Ganz ähnlich hat sich über „Momentum“ übrigens auch Jakob Strobel Y Serra in der FAZ vom 12.10.2012 geäußert: Willemsens „Momentum“ wimmelt von „Plattitüden, eingewickelt ins Geschenkpapier sprachlicher Selbstverliebtheit“.

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