Weltuntergang und Maya-Romantik

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Pseudo-Maya-Statue vor dem Einkaufszentrum, Betonguss, ca. 2005

Eben erhalte ich eine Email aus Flores in Guatemala. Der Ort sei überfüllt von allerlei Spinnern und Spinnerinnen (“locos y locas”). Wegen des Weltuntergangs natürlich.

Mir geht, ehrlich gesagt, das ganze Theater ziemlich auf den Keks. Wie man es dreht und wendet, es handelt sich um Schwachsinn. Leider noch nicht einmal um harmlosen Schwachsinn.
Da ist einmal die wissenschaftliche Seite. Die wissenschaftliche Basis, wie man auf dieses Datum kommt, ist sehr dünn und auch unter der Handvoll Fachwissenschaftler, die überhaupt fähig sind, Maya-Schriftzeichen zu lesen, durchaus umstritten. Es geht ja darum, den Kalender von Menschen, deren letzte Aufzeichnungen schon gut 800 Jahre alt sind, mit unserem Kalender – der 1582 noch einmal geändert worden ist – in Übereinstimmung zu bringen. Ein fast hoffnungsloses Unterfangen, weil man dazu einen festen Tag braucht, der in beiden Überlieferungen eine Rolle spielt. Und selbst wenn durch einen glücklichen Zufall oder mühsames Zusammentragen von Indizien eine solche Synchronisierung gelingt, selbst dann bleibt festzuhalten, dass in den wenigen Maya-Quellen nirgends von einem Weltuntergang die Rede ist. Es ist lediglich eine Zeitperiode zu Ende, genau das gleiche, was bei unserer Zeitrechnung im Jahre 1999 der Fall war: Danach kommt halt 2000. Fertig. Und wir zählen wieder von vorne los. Deshalb sprechen auch heutige Maya-Vertreter von “nueva era” – eine neue Ära beginnt. Sonst nix.

Dass alle möglichen spinnerten Gringos gerne hätten, dass ein “New Age” anbrechen würde, mag noch hingehen. Wer von uns würde sich nicht wünschen, auf der Erde würde endlich mal das Goldene Zeitalter anbrechen, von dem schon die griechische Mythologie geträumt hat, der “neue Himmel und die neue Erde”, von der die Johannes-Apokalypse spricht, würde Wirklichkeit. Heute, sofort, ohne unser Zutun, einfach, weil es im Kalender steht….

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Lucas Cranach: „Goldenes Zeitalter“ (Detail)

Es gibt aber noch einen Aspekt. Und das ist diese naive Vertrauen auf andere Kulturen. Die Maya, die Maya, die Maya. Offensichtlich traut ein großer Teil des aufgeklärten Publikums einem Volk wie den Maya die tollsten Dinge zu. Etwas, das mir häufig über den Weg läuft und mir jedes Mal aufstößt: Da pilgern irgendwelche Europäer oder Nordamerikaner zu irgendwelchen Völkern – je abgelegener, desto besser – und treffen dort die Weisheit persönlich. Ich könnte aus dem Stegreif einen Regalmeter Bücher nennen, in denen dieser Topos die Hauptrolle spielt. Und was sollen die Weisen der fremden Völker alles wissen und können: Die tollsten Räusche können sie fabrizieren, die besten Heilmittel kennen sie, Einblick in die tiefsten Tiefen der menschlichen Existenz haben sie,  wie man in vollkommener Harmonie mit der Natur lebt, wissen sowieso alle, und über übermenschliche Fähigkeiten verfügen sie auch – wen wundert es da, dass sie auch den Termin des Weltuntergangs kennen.

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Das wäre lustig, wenn es nicht so traurig wäre. Kulturgeschichtlich ist das Rousseau für Anfänger. Der Wilde, der der überlegene Mensch ist, weil Kultur und Zivilisation den Menschen nur verderben. Der Wilde, der immer noch im irdischen Paradies lebt, weil er nicht auf die Einflüsterung der Schlange gehört hat. Und was ist das Böse? Womit lockt die Schlange? Da ist sich der übersättigte Wohlstandsmensch ganz sicher: Die Natur-Wissenschaft, der technische Fortschritt, der Handel, die Warenwelt, der Kapitalismus. Also genau das, worauf nicht nur der Wohlstand, sondern das Überleben einer rapide gewachsenen Weltbevölkerung beruht, das alles ist in der Fantasie der Neo-Rousseauianer das Übel. Wie man mit den Methoden der Maya, die schon in der Blütezeit ihrer Kultur nicht fähig waren, die wenigen Angehörigen des eigenen Stammes zu ernähren, weshalb sie permanent Kriege gegen die Nachbarstämme führten, wie man mit den ach so naturverbundenen Methoden dieser Menschen auch nur die Bevölkerung einer einzigen rapide wachsenden mittelamerikanischen Großstadt ernähren soll, fragt sich niemand von unseren Maya-Romantikern. Lebensmittel gibt es beim Aldi oder im Bioladen im Überfluss und die Edel-Fress-Orgien zu Weihnachten lehnen wir ja ab, weil wir auf unsere Linie achten müssen.

Die Maya haben keine Zeit für solche Faxen. Die müssen sehen, wie sie ihre Familie durchbringen und überlegen, wie sie die Weihnachtstage gestalten werden. Die meisten werden noch nicht einmal einen einzigen freien Tag haben. Viele haben auch keinen Strom. Die können sich nicht einmal im Fernsehen ansehen, wie irgendwelche verrückten Gringos behaupten, ihre Vorfahren hätten den Weltuntergang vorhergesagt. Was ja auch besser so ist.

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Weihnachtsdeko in Flores – der große Weihnachtsbaum kommt im nächsten Blog-Eintrag!

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9 Gedanken zu „Weltuntergang und Maya-Romantik

  1. Susanne Haun

    Ich habe auch noch nach dem Weltuntergang bei der Lektüre deines Artikels geschmunzelt. 🙂
    Die Gabe des Menschen an Wunder und ähnlichem zu glauben ist schon unglaublich 🙂 🙂 🙂
    Ich wünsche dir und Roswitha einen guten Rutsch ins „nur“ Neue Jahr 2013
    Susanne

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      „Nur“ ein kleiner Rutsch, und trotzdem kommt es mir immer wie ein großes Ereignis vor!

      Also: Ob die Rutsche lang oder kurz, sanft oder heftig sein mag:

      Alles Gute für’s Neue Jahr!!! Martin

      Antwort

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