Dschungeliges

schaedel

Regenwald, Urwald, Dschungel – was schwingt für den Europäer bei diesen Worten nicht alles mit! Für den Öko ist der Regenwald ein unantastbarer, geradezu heiliger Ort, für andere Schauplatz von wilden Abenteuern und noch wilderen Tieren, wo bunte Vögel flattern und Geräusche den, der sich mit einer Machete den Weg durch das Dickicht bahnt, erschauern lassen. Eine Mischung aus unzähligen Fernsehdokumentationen, Tarzan-Romantik und Dschungelbuch.

schlangen

Wer nach Guatemala fährt, muss in den Dschungel. Das steht fest. Die Frage ist nur: Wie? Irgendwo das Auto abstellen und wandern geht nicht, weil es keine Wanderwege gibt. Andere Wege auch nicht. Man kann allenfalls auf einer Strasse ein Stück weit in den Regenwald hineinfahren, doch da bekommt man nicht viel mit, außer dass rechts und links viele Bäume stehen. Um in den Wald hineinzukommen, muss man sich auf einen „Trail“ begeben. Und um sich auf den „Trail“ begeben zu können, erst einmal Eintritt zahlen. Der Mann, der die Tickets verkauft, zeigt uns seine Schädel- und Schlangensammlung. Die Schlangen stecken in Einmachgläsern, was ich auch besser so finde.

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Und schon sind wir drin. Tatsächlich ist der Regenwald ein Wald, ein dichter Mischwald mit mittelgroßen Bäumen, nur selten mal taucht ein alter Riesenbaum auf. Einzelne Sonnenstrahlen dringen bis unten durch. Ich will fotografieren, aber das ist nicht so einfach: Viel zu dunkel, ich bräuchte ein Stativ. Also mache ich Aufnahmen mit 1600 ISO und 1/30 Sekunde.

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Die nächste Überraschung: Es ist still. Erstaunlich still. Tagsüber brütet das ganze lautlos in der Hitze, nur die Mücken surren unermüdlich, aber auch nicht schlimmer als in einem deutschen Sommerwald. Andere Tiere lassen sich nicht blicken, nur ein erstaunlich großer Käfer krabbelt über den Weg. Jaguar und Ozelot verlassen das Gebüsch nicht. Warum auch? Der Mensch stört die Tiere beim Jagen und ist selbst schwer zu jagen. Kein Interesse, sagen sich die Raubkatzen und dösen weiter.

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Die zweite Überraschung: Anders, als die TV-Dokumentationen es uns glauben machen wollen, flattern weder bunte Vögel durch den Wald noch taucht auch nur eine einzige Blüte auf, die nicht völlig unscheinbar wäre. Dieser seltsame orangefarbige Zweig ist schon das Spektakulärste, das ich gefunden habe.

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Wenigstens dieser Baum mit seinen Stacheln wirkt hinreichend exotisch. Der Weg geht auf und ab, ich schwitze von Kopf bis Fuß, besonders an den Füßen, weil ich wegen der Schlangen festes Schuhwerk angezogen habe. Die Schlangen bleiben glücklicherweise in ihren Löchern, dafür werde ich von Ameisen überfallen, die nicht anders aussehen als die im heimischen Wald, aber unbedingt meine Unterschenkel hochkrabbeln wollen. Weil ich das nicht will, wehren sie sich, indem sie irgendwelche juckenden Flüssigkeiten auf mir verspritzen.

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Ein Rastplatz mit schöner Aussicht, die Wasserflasche leert sich bedenklich, noch vier Kilometer „Dschungel-Weg“. Ich erfreue mich an den großen Palmblättern, zum ersten Mal treffen wir zwei weitere Wanderer. Ab und zu fällt irgendetwas von einem der Bäume herab.

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Besonders angetan haben es mir die Bäume, die von einer bestimmten anderen Baumart, deren Name ich vergessen habe, umschlungen werden. Das sieht fein aus, ist für den umschlungenen Baum aber auf Dauer tödlich.

urwald

Ganz am Schluss, kurz vor dem Rastplatz vor dem Ein- und Ausgang, treffen wir auf drei weitere Menschen, die alle nach oben gucken und irgendetwas fotografieren. Ich stelle mich dazu und brauche eine Weile, bis ich sehe, worum es geht: Drei Affen sitzen ganz oben in einer Baumkrone und turnen herum, wie man es aus dem Zoo kennt. Dann kommen sie etwas tiefer und glotzen uns an wie wir sie anglotzen. Es sind Klammeraffen, die hier Spinnen-Affen genannt werden, was mir viel besser zu passen scheint. Sie scheinen nicht viel Angst vor Menschen zu haben. Sollten sie aber, denn die Klammeraffen werden vor allem deswegen weniger, weil sie überall in Süd- und Mittelamerika verbotenerweise gejagt werden. Das wollte ich zuerst nicht glauben, wer isst schon Affenfleisch? Tatsächlich aber wird die Zahl der Affen nicht etwa deshalb kleiner, weil die Regenwälder kleiner werden, sondern weil alleine in Brasilien jährlich 2,2 – 5,3 Millionen Affen, darunter auch eine halbe Million Klammeraffen, auf dem Grill oder im Kochtopf landen (http://www.prowildlife.de/sites/default/files/CBD%20CoP9_Affenjagd.pdf).

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Nicht schlecht, so ein Dschungel-Spaziergang. Aber eigentlich ist es viel zu heiß für solche Aktivitäten. Der Mittelamerikaner weiß das, er latscht nicht im Wald herum, sondern sitzt in einer schattigen Bar, genehmigt sich einen Liquado und schaut auf den See hinaus. Das machen wir auch. In dem schön angelegten Garten des Restaurants „Casa David“ stehen dann tatsächlich bunt blühende Blumen. Und darum herum flattern die exotischen Vögel, die wir im Wald vergeblich gesucht haben.

 

 

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4 Gedanken zu „Dschungeliges

  1. Susanne Haun

    Ein interessanter Beitrag, Martin.
    Es stimmt, ich hatte da auch eine andere Vorstellung von Regenwald. Wahrscheinlich denken die Einheimischen auch, die Touristen sind nicht ganz dicht im Kopf.
    Es ist wie mit dem „Whale Watching“. Ich wollte unbedingt Wale in Neuengland beobachten und habe auf der Boots-Tour nicht einen einzigen gesehen.
    Einen guten Rutsch wünscht Susanne

    Antwort

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