Riesen-Ballen

Fährt man durch Guatemala, so sieht man ab und zu Läden, an denen „Pacas“ steht. Pacas? Ein Blick ins Lexikon hilft nicht weiter. „Paca“ heißt „Strohballen“, auch Bündel nennt man so.

Paca - Paca - Paca

Mitarbeiter von Lexika scheinen solche Läden nicht aufzusuchen. sonst wüssten sie, dass es dort gebrauchte Kleidung zu kaufen gibt, Ware aus Altkleidersammlungen in den USA, die als „Paca“, also ballenweise nach Guatemala kommt.

Mit enormem Erfolg offenbar. Denn neben den zahlreichen kleinen Läden gibt es eine Kette von Paca-Läden, die das Geschäft im großen Stil betreibt: 50 „Mega-Paca“-Läden sind es derzeit, verteilt über ganz Guatemala.

prensa-libre

Foto: Prensa Libre

 

Die „Mega-Paca“-Filiale in Santa Elena im Landesteil Petén ist etwa so groß wie ein Fußball-Platz, eine riesige, moderne Halle, die sich durch nichts von den anderen Gebäuden in der Shopping-Zone von Santa Elena unterscheidet.

Als wir dort ankommen, geht ein heftiger tropischer Schauer nieder. Ein Mega-Paca Mitarbeiter holt uns mit einem großen Schirm am Auto ab. Drinnen wird meine Stoff-Einkaufstasche mit einem Bändchen gekennzeichnet – könnte ja sein, dass der Mega-Paca genau so eine Tasche im Angebot hat.

megapaca

Foto: Prensa Libre

Drinnen Kleiderständer über Kleiderständer, angeordnet in langen Reihen. Kleidung für Frauen, für Männer und Kinder, alles ist da, alles bestens geordnet nach Größen und Kategorien. Jedes der vielen 1000 Kleidungsstücke trägt ein Preisschild, darauf eine farbige Markierung. Je nach Farbe erhält man an der Kasse 10 – 90% Rabatt auf den angegebenen Preis.

Eine Unmenge von Arbeitskräften sortiert die Ware. Als ich mir drei Oberhemden herausgesucht hatte, kommt ein Mitarbeiter, bringt mir einen Einkaufswagen und zeigt mir den Weg zur Umkleide. Super Service, da kauft man doch gerne. Die meisten Guatemalteken sind klein und rundlich, in meiner Größe ist das Angebot enorm. Bald habe ich ein echtes Hawaii Hemd, in tibetisches T-Shirt und zwei amerikanische Marken-Oberhemden gefunden.

Reizvoll wäre sicher auch die Abteilung mit dicker Winterbekleidung, da müssen die Rabatte enorm sein, der wer braucht in einer Gegend, wo das Thermometer selten unter 30 Grad fällt, schon eine kanadische Daunenjacke?

An der Kasse erhalte ich eine kostenlose Tragetasche und eine Quittung, die mir sagt, wie viel ich aufgrund der zusätzlichen Rabatte gespart habe.

Etwa 9 Euro hat alles gekostet. Das ist nicht viel, aber dafür kann man hier auch zu drei Personen Mittagessen gehen oder 400 Tortillas kaufen …

Hawaii-Hemd

Das neu erstandene Hawaii-Hemd

 

 

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10 Gedanken zu „Riesen-Ballen

  1. haushundhirschblog

    Noch immer ist es so, obwohl ich dem Studentinnenstatus längst entwachsen bin … ich schätze es, in Secondhand-Läden ein besonderes Kleidungsstück zu entdecken, oder bei OXFAM, wo ich auch Klamotten abgebe, die nicht mehr gefallen oder passen. Ein Hawaii-Hemd konnte (oder wollte?) ich bisher noch nicht erstehen. 🙂
    Danke für Deinen, wie immer anregenden Reiseeindruck,
    herzlich, mb

    Antwort
  2. sonjasperspektive

    Solche Kleider*ballen* aus den Staaten – so habe ich es von *primos* in Mexiko gehört (die auch schon an der Mex/ Staaten Grenze solche Kartonschachteln Kleider einkaufen – Per Kilopreis) – sind oftmals auch europäische Kleider, die man hierzulande in den Kleidercontainern entsorgt, spendet, an Caritas zum Beispiel.
    Naja, ich weiss aus eigener Erfahrung um das Geschäft mit Altkleidern…

    Liebe Grüsse nach Guate 🙂

    sonja

    Antwort
  3. Susanne Haun

    Ein toller Bericht, danke. Das Hawai Hemd steht dir, Martin 🙂
    Schade, Roswitha, dass wir nicht auch deine Neu-Erstehungen sehen 🙂
    In Deutschland gibt es inzwischen ja auch sehr viele 2nd Hand Kleiderläden, die ich sehr gerne besuche. Ich erinnere mich nicht, wann ich das letzte mal ein Kleidungsstück neu gekauft habe.
    Mir geht es wie dir, mb. OXFAM gibt es auch in Berlin. Es gibt auch regelmäßig Tauschveranstaltugen, auf die ich noch nie war.
    Einen schönen Abend wünscht Susanne

    Antwort
  4. Frau Blau

    feines Hemd!
    das ist das eine, das andere ist, dass es ein zwiespältiges Thema bei aller Freude ist. Denn genau diese Kleiderspenden sind es, die landeseigene Textilindustrien killt (mal abgesehen vom eigenen Gesicht). Es gab schon einige Berichte (allerdings aus Afrika), dass auch hier nicht das gut Gemeinte, unbedingt gut gemacht ist.
    Sorry, aber das musste ich dann doch loswerden, obwohl auch ich gerne in Secondhandläden und Flohmärkten stöbere …

    herzlichst Ulli

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Gut dass Du noch mal darauf hingewiesen hast. Ich habe es nur nicht ausgesprochen: das ganze ist eine sehr problematische Sache, egal, wie man es auch dreht und wendet. Es kann z. B. sein, dass Textilien auf dem Umweg über die USA wieder nach Guatemala zurück kommen, die dort in sehr großen Betrieben zu den in Guatemala billigen Lohnkosten angefertigt worden sind. Eine wirkliche eigene Klein-Textilindustrie gibt es auch in Guatemala, darüber schreibe ich ein anderes Mal etwas.
      Gruß aus Regen-Rheinland! Martin

      Antwort
      1. Frau Blau

        ja, wie wir es auch drehen und wenden … manchmal möchte man doch heulen, oderrr?! Du hast vor einiger Zeit geschrieben, dass du nicht König von Guatemala sein möchtest, nun … ich möchte überhaupt keine Königin von keinem Land sein, wo sich alles so seltsam verwickelt hat. Wie all das zu entknoten wäre wüsste ich eben auch nicht.
        Nochmals zu den Beiträgen aus Afrika, dort haben mutige Frauen eigene Schneidereien gegründet und eigenes Modedesign in die Länder gebracht, aber dies widerum können sich die Ärmsten der Armen wieder nicht leisten. Eben … wie wir es auch drehen und wenden …

        seufz …

        aber nein, ich stecke den Kopf nicht in den Sand, dazu gibt es einfach auch zu viele positive Nachrichten, wie du ja vor ein paar Artikeln selbst berichtet hast, was übrigens eine Freude war zu lesen 🙂

        hab einen schönen Abend
        liebe Grüße Ulli

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