Neugierig ist die Ente, nicht hässlich!

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Was man auf Zeugenaussagen, Zeitzeugenberichte und Kindheitserinnerungen geben kann: Nichts! Jedenfalls auf meine Aussagen.

Da habe ich jahrelang jedem, der es hören wollte oder sich anhören musste, zuletzt noch den Leserns von Klausbernd Vollmars Blog, die traurige Geschichte vom kleinen Martin, den bösen Schwestern und dem häßlichen Entlein erzählt. Ein gefundenes Fressen für alle Therapeuten und Hobby-Psychologen, ein kindliches Trauma, zur Aufarbeitung braucht es dreizehn Therapie-Sitzungen. Mindestens.

Und dann? Dann habe ich im Dachzimmer einen neuen Schrank gebaut und deswegen einige Regalmeter Bücher in Kisten verstaut. Was taucht da auf, völlig falsch eingeordnet und ordentlich verstaubt? Mein altes Entenbuch: „Das häßliche Entlein“ nach H. C. Andersen. Nein, eben nicht, sondern „Das neugierige Entlein“ von Ludmilla Herzenstein.

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Eine ähnliche Geschichte? Fast im Gegenteil. Das neugierige Entlein läuft von der Entenfamilie weg, bewährt sich im Kampf gegen Hecht und Ratte und kehrt wieder zu Entens zurück. Das war mir als Kind zu gefühlsaufwirbelnd? Muss das ein Sensibelchen gewesen sein, der kleine Martin: Born to be an Angsthase. Also doch dreizehn Therapie-Sitzungen. Mindestens.

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Die Illustrationen finde ich übrigens – wie soll ich sagen – grenzwertig. Sie stammen von Ingeborg Meyer-Rey (1920 – 2001), die mit ihren Kinderbuch-Illustrationen stilprägend für DDR-Bilderbücher gewesen ist. „Mein“ Entenbuch stammt auch aus der DDR, gedruckt 1953.

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Was ich seltsam finde: Die Autorin, Ludmilla Herzenstein, ist ansonsten völlig unbekannt. Die Deutsche Nationalbibliothek und das Internet kennen nur diese eine Werk von ihr. Der Beltz-Verlag – der die Geschichte vom Entlein nach der Wende nachgedruckt hat – behauptet, diese Ludmilla Herzenstein sei identisch mit der nicht ganz unbekannten Architektin Ludmilla Herzenstein (1906 – 1994), eine Bauhausschülerin, die als Mitarbeiterin von Hans Scharoun einige Bauten an der Stalinalle in Berlin-Ost gebaut hat. Kommt mir komisch vor. Die Illustrationen schauen so gar nicht nach Bauhaus-Schülerin aus.

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14 Gedanken zu „Neugierig ist die Ente, nicht hässlich!

  1. zweitesselbst

    oh, jetzt bin ich schon mal hier. da´schreib ich auch´n Kommentar. als Entschuldigung könnt ich anführen, ich wurde verführt. ^^

    Ja, eigentlich müsste sich auch jeder seine eigene Geschichte schreiben können. ich hab grad die Tage mitgekriegt, dass aktuell einige Märchen angepasst werden. sozusagen an den Zeitgeist. hehe

    Märchen sollen zeitgemäß einfach gut unterhalten, und bloß keine Angst mehr machen.

    na, vllt. hat Ludmilla Herzenstein auch nochn anderes Selbst??

    Antwort
  2. Frau Blau

    wieso grenzwertig?

    born to be an angsthase … da halte ich meine Daumen nach oben und die 13 Sitzungen rutscht du doch nur so ab, dann … endlich frei … 😉

    herzliche Grüße Ulli

    Antwort
  3. buechermaniac

    Die Bilder kommen mir unglaublich bekannt vor. Bestimmt hatte ich das Bilderbuch auch als Kind, aber das ist dann irgendwann beim Ausmisten weggeben worden. Ich habe anscheinend keinen Schaden davongetragen 😉

    LG buechermaniac

    Antwort
  4. Klausbernd

    Lieber Martin,
    es gibt zwar die Bauhaus Kinderwiege, aber kein Bauhaus Kinderbuchstil. Vom Inhalt könnte es ja Bauhaus sein, aber von den Illustrationen her … I rather doubt it. Aber die Verbindung zu Scharoun, der Anthroposoph wie einige berühmte Bauhauskünstler war, lässt diesen Illustrationsstil eher wahrscheinlich erscheinen. Wenn man die Farbigkeit der Bilder genauer studiert, fällt einem sogleich die Goethesche Polarität Gelb – Blau auf. Und im letzten Bild die Sonne erinnert an Turner, einer der ersten Anhänger von Goethes Farbenlehre. Also ganz so abwegig ist diese Verbindung zum Bauhaus vielleicht doch nicht.
    Ich habe viele Bücher zum Bauhaus in meiner Bibliothek, ich werde da mal forschen. Habe jetzt jedoch keine Zeit, da Dinas Geburtstagsfete heute Abend vorbereitet werden muss und ich mich gerade erst vom hang over erholt habe 😉
    Ganz liebe Grüße
    Klausbernd

    Antwort
  5. Anne H.

    Gibt es in diesem Buch auch eine Abbildung, wo das Entlein über tiefes Wasser schwimmt und abstrakt dargestellten Walfischen (halbkreis mit zwei Augen) begegnet? Bin Zwar Jahrgang ’89, aber dennoch mit vielen bekannten DDR Kinderbüchern aufgewachsen und suche jetzt für meine Bachelorarbeit (studiere Kunst) die oben beschriebene Abbildung. Ich kann mich nur noch sehr dunkel daran erinnern und meine Mutter hat das Buch leider nicht mehr in ihrer Sammlung. Vielleicht erinnert sich ja jemand an die Abbildung?

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Oh, das trifft mich jetzt auf dem falschen Fuß: Da ich demnächst umziehe, habe ich alle alten Bücher schon in Kisten verpackt und die meisten sind schon in neuen Keller gestapelt – da werde ich das „Entlein“ nicht finden, um nachsehen zu können .. Gruß Martin

      Antwort
      1. Anne H.

        Habe schon rausgefunden, dass das gesuchte Buch wohl eher „Das kleine Flusspferd“ von Hans-Dieter Schwarz ist. Aber Danke 🙂

      2. emhaeu Autor

        Ja, mir ist auch eingefallen, dass das Entlein nur einem bösen Hecht begegnet, aber keinen Walen – die kommen ja auch selten in deutsche Seen 😉

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