Den Rücken freihalten (Asturien 6)

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Kurz nach 22.00 Uhr ein lauter Knall.  Ein Schuss?  Nein, im Frühjahr gehen die Jäger nicht auf Wildschweinjagd. Eine Sprengung im nahe gelegenen Steinbruch? Die haben längst Feierabend.

Noch ein Knall, dann wieder einer. Der Schall wird von den Felswänden reflektiert und echot hin und her.

Fiesta! In irgend einem der umliegenden Dörfer muss Fiesta sein – und zu einem ordentlichen Dorf-Fest gehören nun mal Böller. Aber es ist Dienstag. Fiestas sind am Wochenende. Immer. Der Rest der Nacht verläuft ruhig. Nur ein paar Kuhglocken sind zu hören, wie immer.

Am nächsten Abend ungefähr zur gleichen Zeit knallt es wieder. Diesmal sehe ich den roten Feuerball. Jemand verschießt eine Rakete, so eine typische Sylvester-Rakete. Das hat es  noch nicht gegeben.

Nach der dritten Rakete herrscht wieder Stille.

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Bescheid weiß, wie immer, der Nachbar. Der Pepe mache das. Pepe, ein Viehzüchter aus dem Dorf, hat etwa 70 Kühe. Ob ich nicht wüsste, dass der arme Pepe vorgestern und voriger Woche je eines seiner 13 Monate alten Kälber verloren hätte. Schöne gesunde Kälber, einfach abgemurkst hätten die Wölfe die Kälber, eines davon da drüben, direkt neben Ramons Stall. Er deutet auf einen kleinen, meist unbenutzten Stall, der kaum 100 Meter von unserem Haus entfernt liegt.

Da drüben, so nahe, laufen die Wölfe rum? Klar, meint der Nachbar, überall sind die, die kommen schon fast bin ins Dorf. Er geht mit mir an eine Stelle, wo der Weg etwas matschig ist, sucht. Da, sagt er, schau Dir die Spur an, das war einer! Ich frage zaghaft, ob das nicht auch ein Schäferhund gewesen sein könnte, bekomme dann in schlecht verständlichem Spanisch eine längere Belehrung, wie man eine Wolfsspur von der eines Hundes unterscheiden könnte.

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Na ja, sage ich, dann läuft halt nachts schon mal ein Wolf hier vorbei, macht doch nichts, wir liegen ja im Bett.

So etwas sagt sich leicht, wenn die Sonne scheint. Aber wenn ich spät abends noch einmal vors Haus gehe, um mir den Sternenhimmel anzuschauen, bleibe ich an der Hauswand stehen. So habe ich wenigstens den Rücken frei.

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13 Gedanken zu „Den Rücken freihalten (Asturien 6)

  1. Frau Blau

    ich hörte letzte Woche eine Radiosendung, in der es darum ging, dass auch nach Deutschland die Wölfe zurückgekehrt sein sollen, na klar in den wilden Osten …
    in Lappland erfuhr ich, dass sich die dort lebenden Bären nun so vermehrt haben, dass sie den Rentierzüchtern bzw. den Rentieren zuleibe rücken. Ich bin da immer hin und her gerissen. Einerseits möchte ich natürlich, dass diese Tiere leben dürfen, wir Menschen brauchen viel Platz, den wir diesen Tieren nehmen, sodass von Zusammenleben keine Rede mehr sein kann und wenn dann armen Bergbauern oder Rentierzüchtern (es geht um die Waldsamen, denen die Anzahl ihrer Tiere vorgeschrieben ist) ihre Tiere gerissen werden, dann werde ich einfach nur hilflos.
    Jo, die paradiesischen Zustände sind ein für allemal vorbei.
    Aber ich glaube auch, dass wir uns so schnell nicht vor diesen Tieren fürchten müssen, gerade Wölfe sind ziemlich scheue Gesellen, da müssen sie schon extremen Hunger haben, bis sie einen Martin in Asturien versuchen anzuknabbern 😉

    liebe Grüße
    Ulli

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Hoffentlich wissen die Wölfe das – – aber im Ernst, alle Leute da in der Gegend haben gesagt, dass die Wölfe sehr menschenscheu sind und sich nicht blicken lassen, wenn jemand in der Nähe ist. Im Winter, als alles tief verschneit war, haben wir einmal einen gesehen, der hatte wohl extremen Hunger, war in die Nähe einer Viehtränke gekommen, lief über die verschneite Landschaft und verschwand zwischen Felsen. Ich denke auch, dass es da irgendwelche Möglichkeiten der Koexistenz geben sollte, aber im wilden Osten Deutschlands gibt es – so habe ich gelesen – die gleichen Probleme mit den Viehzüchtern, die dort großzügig entschädigt werden. In Spanien übrigens auch, aber nicht jeder, der sagt, seine Tiere wären vom Wolf umgebracht worden, kriegt Geld. Da wird inzwischen genau nachgeforscht, denn einige wollten wohl ein wenig abkassieren …
      LG Martin

      Antwort
  2. Andreas Hendrik

    In Kanada lernten wir auf einer Wolfschutzstation viel über die extrem menschenscheuen Tiere. Sie halten als Könige der Nahrungskette (nach dem Menschen, klar) das natürliche Gleichgewicht im Wald. Also: lass die Wölfe ruhig in den Wald; der Mythos vom bösen Wolf des Rotkäppchens und olle Kinoschocker mit menschenfressenden Wolf-Ungeheuern gehören so gesehen eigentlich verboten…

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      In den Wald dürfen sie auch gerne, das Problem für die Bergbauern in Asturien ist nur, dass die Wölfe die Viehherden attackieren. Das hat enorme Konsequenzen für das gesamte Ökosystem: Die Bauern können Schafe überhaupt nicht mehr halten, jedenfalls nicht so, wie man das hier immer gemacht hat: Die Schafe laufen von April bis November frei über die riesigen Weiden. 1999, als wir das erste mal in Canales waren, gab es noch an die 1000 Schafe, heute nur noch 100, die direkt im Dorf gehalten werden und nicht frei herumlaufen. Auch größere Ziegenherden gibt es nicht mehr, nur noch ganz kleine, die sich vor den Wölfen ganz nach oben auf die Felsen zurückziehen. Ziegen fressen aber nun alles, was da wächst. Weil keine Ziegen mehr da sind, breiten sich verschiedene Pflanzen aus, die Landschaft verbuscht, was die Bauern gar nicht gerne sehen, weil das Gras = Futter für die Kühe weniger wird. Also gehen sie hin und brennen die Hänge regelmäßig großflächig ab – Ranger und Naturschützer toben, die Feuerwehr drückt beide Augen zu. Die Bauern sagen: Der ganze Ärger nur deswegen, damit ein paar Städter sich freuen können, weil hier Wölfe herumlaufen, die sie nie zu Gesicht bekommen. Die Leute haben es sowieso nicht leicht, da kann ich schon gut nachvollziehen, wenn die stinksauer sind über Leute, die von den Wölfen schwärmen, die ihnen nur das Leben schwer machen. Mit dem natürlichen Gleichgewicht ist das so eine Sache: Im natürlichen Gleichgewicht kommen Bauern und Viehherden nicht vor.

      Antwort
  3. juergen61

    es ist wie immer das problem : die vor ort leben und arbeiten müssen sehen die dinge ganz anders als die zugereisten wissenschaftler mit festdotiertem jahreseinkommen…die wahrheit liegt dann häufig in der mitte und ist mit kompromissen behaftet…aber besser als wenn sich nur einen meinung durchsetzt…selbst vor hamburg tauchen die scheuen wölfe auf….und da die wolfsevolution autobahnen nicht vorgesehen hat gibt es bereits den ersten toten wolf kaum das sie da sind 😦

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      ….. ja, in den Jahren, die wir dort hinfahren, hat sich mein Blickwinkel enorm geändert …. ist auch witzig, wenn man Touristen trifft, die einen für einen Einheimischen halten ….

      Antwort

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