Die Zinkbadewanne

Sie war eigentlich nur zufällig auf den Bildern, die ich gestern hochgeladen habe: Die alte Zinkbadewanne, die einige Kommentatoren an die eigene Kindheit erinnert hat. Deshalb jetzt die Geschichte dieser Wanne.

Im gar nicht so schönen Fischenich, einem nicht weiter bemerkenswerten Dorf zwischen Köln und Bonn, von dem man den Rhein sehen kann, theoretisch, tatsächlich aber die Fabriken, die rund um Wesseling am Rhein stehen, haben nicht nur die Gebrüder Schumacher ihre Kindheit verlebt, sondern auch ich. Und genau wie die Schumachers waren wir damals ein Sozialfall, wohnhaft in einem Gebäude, das sich hochtrabend Herrenhaus des Fronhofes nannte, in Wirklichkeit aber eine Notunterkunft für Flüchtlinge war – eine Zweizimmer-Wohnung für zwei Eltern und fünf Kinder. Und da sitze ich in der kleinen Zinkwanne, Wasser war nicht zu viel drin, schön war’s doch.

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Ein Huhn kam auch mal vorbei.

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Zwei Jahre später zogen wir nach Oberliblar, das heute Erftstadt heißt. Dort bezogen wir einen Neubau mit 110 m2, eine Tante und ihr Sohn zogen auch noch ein, so dass wir zu 9 Personen dort lebten. Aber immerhin gab es ein für damalige Verhältnisse schönes Bad mit Kohleofen, so dass die Wanne in den Keller wanderte, in die Waschküche. Waschen musste man sich und die Kleidung damals in Oberliblar oft, denn das war noch nicht der stadtnahe Ort mit hohem Freizeitwert wie heute, sondern ein ziemlich armeliges Braunkohle-Kaff, das meine Eltern zum Bau ihres Hauses auserwählt hatten, weil dort die Baugrundstücke sozusagen verschenkt wurden: 400 DM für 800 m2. Von der Strasse vor dem Haus konnten wir die Türme der Brikettfabrik rauchen sehen. Und wie sie rauchten: Bevor man Wäsche auf die Leine hängen konnte, musste man die Windrichtung prüfen und jeden Samstag kehrten wir rund ums Haus eine Menge Braunkohlenstaub zusammen. Dazu gab es folgendes Lied, gesungen zur Melodie von Leise rieselt der Schnee:

„Ständig rieselt der Dreck,
Kehren hat keinen Zweck“

Als dann eine Waschmaschine angeschafft wurde, so eine richtige automatische,  wurde die Zinkwanne neben die Waschmaschine gestellt. Da kam die schmutzige Wäsche rein.

Irgendwann – aus dem Braunkohlengebiet war längst ein Naherholungsgebiet mit Seen und schönen Wanderwegen geworden  – wurde das Haus in Liblar verkauft und die Zinkwanne kam nicht wie so vieles auf den Sperrmüll, sondern zu mir. Ein solides Ding: Obwohl sie das ganze Jahr über draußen steht, hält sich der Rost in Grenzen.

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8 Gedanken zu „Die Zinkbadewanne

  1. theomix

    ich mag solche Gegenstände: eine lange Geschichte und immer noch in Gebrauch. Das ist besser als im Museum zu verrosten (oder auf dem Speicher.)

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    1. emhaeu Autor

      Na ja, man muss auch aufpassen, dass am Schluss nicht der Keller überquillt. Und dann hat es etwas Befreiendes, nicht den Dingen anzuhängen ….

      Antwort
  2. Tantchen

    Bei solchen Kindheitserinnerungen erfährt man viel intensiver etwas über einen Landstrich,als bei den „drögen“ Geschichtsbüchern. Die alten Gebrauchtsgegenstände sind erstaunlich robust, so habe ich u.a. ein Kehrblech,aus der Kriegszeit,es steht auf dem Balkon- Abnutzungsspuren= 1 Rostfleck.Meine Oma,hätte nun gesagt : Kind,das ist eben Qualität: Made in Germany:-)).Was Sie wohl über die heutigen Produkten sagen würde?!

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    1. emhaeu Autor

      Irgendwann haben alle ihre alten Kehrbleche fortgeworfen und diese Kunststoff-Dinger angeschafft, jetzt geht es vielerorts den Besen an den Kragen, beim Aldi gibt es schon öfters so neumodische Dinger, die angeblich besser sind —- ? —- besser als ein schöner Handfeger mit echten Haaren und Holzstil???

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  3. Frau Blau

    eine wunderbare Geschichte, lieber Martin, auch wenn vielleicht nicht alles wirklich so wunderbar war, wie es sich gerade liest!
    Gerade eben sehe ich mich in eben einer solchen Zinkbadewanne bei meinem Opa im Garten hocken, ein Garten in Düsseldorf-Rath, in dem ein Pfirsichbaum wuchs … und es eine wunderbare Laube gab …
    gleichzeitig bin ich bei meiner Tante, wo ich viel Zeit verbrachte, in Castrop-Rauxel, auch hier stand die Zinkbadewanne im Sommer im Hof!
    Wenn ich dort einen Sturz mit dem Fahrrad machte, hatte ich immer Minikohlestückchen in der Wunde und wirklich zwei kleine Pünktchen sind bis heute geblieben. Weiße Wäsche hing die Tante nur auf dem Speicher auf, die bunte kam ins Freie, vielleicht sah man dort den Kohlestaub nicht so wirklich … und gerade jetzt kann ich ihn riechen 😉 – reich war keiner, aber reich bin ich an feinen Erinnerungen, wenigstens wenn ich an diese zwei Gärten denke und die Freuden des Sommers-

    ich wünsche dir einen feinen Tag
    herzlichst
    Ulli

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