Open Air oder Curry-Wurst vom Sternekoch

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Oben ziehen Schäfchenwolken. Sie kommen von Nordwesten, deshalb ist es kalt. Ich bin gut gerüstet: T-Shirt, Hemd, Pullover, Anorak, Mütze. Open-Air-Konzert mit Nordwest-Wind. Wenn die Sonne weg ist, wird es kalt, weiß man doch.

Oben die Wolken, unten die Bühne, der Esstand, der Getränkeausschank und die Leute. Rechts neben der Bühne das Schloss: Schloss Lörsfeld.

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Das Schloss sieht aus wie eine kleine Ritterburg, ringsum ein Wassergraben mit Enten. Nostalgisches Ambiente, Open-Air-Konzert vor Ritterburg. Die allerdings nicht echt ist, sondern schon zur Zeit ihrer Erbauung um 1860 pure Nostalgie war, eine Fantasieburg im Geschmack der späten Spätromantik. Aber was macht das schon. Heutzutage ist alles fein hergerichtet und restauriert, die Gäste, die im Schlossrestaurant die Kreationen des Sternekochs genießen, haben es gerne piekfein und nostalgisch. Mitten im Park, eine Oase. Eine kleine Oase, denn da, wo der Park endet, verlaufen die A 61 (Westen), die A 4 (Norden) und die Erfttalstraße (Süden). Nur im Osten wachsen Zuckerrüben. Das Feld grenzt zwar an ein großes Einkaufzentrum, aber davon sieht man nichts und von der endlosen LKW-Karawane hört man nichts. Schon deshalb, weil die Musik so laut ist. Mag sein, dass sich die Pferde, die sonst malerisch auf den Park-Wiesen herumstehen, deswegen verkrochen haben. Drei Enten hingegen schwimmen völlig unbeeindruckt im Burggraben.

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Es riecht nach Curry-Wurst. Das hat der Sternekoch sicher richtig eingeschätzt: Die gut 200 Open-Air-Rock-Fans zahlen zwar 18 € Eintritt, aber keine 110 € für das Standard-Menu. Also verbreiten Frikadellen, Brat- und Curry-Würste frischen Grillgeruch. Früher, so hat mir mal jemand erzählt, der dabei gewesen sein will, früher habe bei einem solchen Open-Air-Event immer ein Hauch von Haschisch in der Luft gehangen. Heute halt Brat- und Curry-Wurst. Was soll’s, früher war sowieso alles anders. Früher hatte der Galerist Michael Werner hier sein Domizil, stellte Kunst aus und ließ Größen aus seinem Stall wie A. R. Penck und Marcel Broodthaers wochenlang da wohnen, wo jetzt die zahlreichen Gehilfen des Sternekochs Gemüse nach Anweisung des Meisters schnibbeln. Damals wucherte überall künstlerisch das Unkraut und der Putz bröckelte ebenso künstlerisch ab. Jetzt bemüht sich eine sehr blonde und etwas mollige Sängerin, die Menschen, die meist ein Glas Bier vor sich stehen haben, für Funk und Soul zu begeistern.

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Die Bühne ist ziemlich bunt, die Schäfchenwolken oben ziemlich rosa. Die ersten holen sich eine dickere Jacke aus dem Auto. Der Gitarrist hingegen zieht sein Jackett aus und macht im weißen Oberhemd weiter. Nicht kalt wird es auch einem Mädchen, das ständig zwischen Schloss und Zuschauerareal hin- und herläuft. Sie trägt Teller, Gläser, Flasche, bauchige Warmhalte-Dinger und was man sonst noch für ein Stern-Menü braucht zur VIP-Loge. Die heißt wirklich so. Dort können sich Gäste, die das nicht peinlich finden, hinsetzen, etwas anderes als Bier und Curry-Wurst zu sich nehmen und der Musik lauschen, was nicht schwer ist, denn die Musik ist laut.

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Die Schäfchenwolken werden noch röter, die zweite Band kommt und probiert es mit Soul und Blues. Vier oder fünf fleißige Hobbyfotografen stehen mit ihren mit langen Profi-Telelinsen vor der Bühne und versuchen, das Feeling rüberzubringen. Der Bierstand hat viel zu tun. Die Fotografin von der Lokalzeitung hat nach fünf Minuten genug geknipst und gesehen und fährt wieder nach Hause. Oben fliegt ein Flugzeug lautlos in Richtung Düsseldorf. Ob der Ron Scubadiver hier auch so gute Portraits machen könnte? Schräge Typen, gut drauf! Hm. Die Gäste haben sich fein gemacht, wie man sich für ein Funk-und-Soul-und-Blues-Event so fein macht. So ein bisschen locker halt. Ich auch. Ich habe zu meinem förstergrünen Anorak eine Kappe aufgesetzt, die von einem Red-Hot-Chile-Peppers-Konzert in Guatemala City stammt! Echt! Merkt natürlich niemand von den Banausen hier. Aber die Kappe ist gut, sie wärmt meine Glatze. Von unten hingegen wird es kalt, denn ich habe mich auf einen malerisch am Eingang der ehemaligen Wagenremise drapierten Stein gesetzt. Als die Soul-und-Blues-Truppe eine Pause macht, gehen wir zum Auto. Ist ja auch schon fast ganz dunkel. Auf dem Parkplatz riecht es nach frisch gemähtem Gras. Der Parkplatz ist nämlich normalerweise eine Wiese. Man hätte die Wiese besser von den Pferden abweiden lassen sollen, die hätten ihren Spaß gehabt. Jetzt stehen sie im Stall und halten sich die Ohren zu. Pferde sind, was Geräusche angeht, sensibler als Menschen, hat mir mal jemand gesagt. Da hat er recht, scheint mir.

 

 

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5 Gedanken zu „Open Air oder Curry-Wurst vom Sternekoch

  1. ullli23

    Dass Du auf einem RHCP-Konzert in Guatemala City warst, erfüllt mich ein bisschen mit Neid, aber nicht bösem missgünstigem Neid, eher so im Sinne von: da wäre ich auch verdammt gerne gewesen (Die Chili Peppers sind schon lange in meiner Top-Ten der Lieblingsbands)! Muss ja ein unglaubliches Erlebnis gewesen sein! Warst Du dieses Jahr dort?

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Oh, Entschuldigung, nicht ich war da, sondern nur die Kappe, die mir mein Schwiegersohn geschenkt hat. Der aber war wirklich da, Anfang des Jahres, und war total begeistert. Solche Konzerte sind in Lateinamerika noch etwas anders als hier, weil die Leute viel ausgelassener sind. Hat er erzählt und glaube ich auch ….

      Antwort
  2. Susanne Haun

    Mir ist, als ob ich dabei gewesen wäre!
    Ich erinnere mich nicht mehr, wann ich das letzte mal zu einem Open-Air-Konzert war. Das ist fast 100 Jahre her, wenn man von dem Classic Konzert am Berliner Gendarmenmarkt absieht, das ich fast gleich nach dem Beginn verlassen habe, weil die Akustik so grauselig war, dass es mir in den Ohren weh tat!
    Einen schönen Tag euch von Susanne

    Antwort

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