Arbeitsplatz

IMG_1164Kein schlechter Arbeitsplatz, an dem ich in den letzten Wochen viele Stunden zugebracht habe, keine Frage. Ich will niemanden, der vielleicht irgendwo im klimatisierten Büro oder einem nicht klimatisierten Feld arbeitet, neidisch machen, deshalb eine kurze Beschreibung meiner derzeitigen Arbeit:

Ich lektoriere ein Buch und mache es für den Druck fertig. Früher war das eine selbstverständliche Service-Leistung der Verlage. Heute schiebt man Arbeit und Verantwortung auf die Autoren. Und wenn die keine Lust oder Zeit dazu haben und/oder sich technisch nicht soweit auskennen, wie man eine druckfertige PDF-Vorlage erstellt, dann kommen Menschen wie ich zum Zuge.

Diesmal ein wissenschaftliches Fachbuch, Psychologie. 630 Manuskript-Seiten, 35 Seiten Literaturverzeichnis, 1632 Anmerkungen. Ein gelehrter Wälzer. Erst mal alle Titel im Literaturverzeichnis anhand der Angaben der Deutschen Nationalbibiothek überprüfen. Dann an die Richtlinien Verlags für wissenschaftliche Arbeiten anpassen, bis auf kleine Formatierungsdetails (wie welches Apostroph verwendet werden muss – nämlich Alt 0146) ist alles genau vorgeschrieben. Danach das gleiche mit den 1632 Anmerkungen, dabei aber auch überprüfen, ob nicht a.a.O. und ebd. verwechselt worden ist, Zitierweise konsequent vereinheitlichen, wieder nach den Verlagsrichtlinien. Alle Autorennamen müssen in Kapitälchen geschrieben werden, kann leider kein Schreibprogramm automatisch. —  Den Überschriften Formatvorlagen zuweisen, Inhaltsverzeichnis erstellen, neue, lesergerechtere  Überschriften erarbeiten, mit dem Autor absprechen. Endlich der Haupttext. Sämtliche vorhandenen Formatierungen rauswerfen (weil chaotisch) und die 630 Seiten von Grund auf neu formatieren. Wieder die strengen Richtlinien des Verlags (als einfache Anführungszeichen nur Alt 0130 und Alt 0145 – geht auch nicht einfach mit „Suchen und ersetzen“). 4435 Striche überprüfen – ob Gedankenstrich (Alt 0150) oder Bindestrich ——–. Versuchen, den Text zu verstehen, lange Sätze behutsam leserfreundlicher machen, Wiederholungen rauskürzen, stilistisch glätten, konsequent auf neue Rechtschreibung umstellen. Einbindung von wörtlichen Zitaten im Text vereinheitlichen, viele Zitate am Original-Text überprüfen. Und so weiter – oder heißt es „usw.“ oder nicht doch an einigen Stellen „etc.“?

Das alles ist eine ziemliche Ochserei. Das Gute: Ich mache das gerne. Noch lieber als Rasenmähen, beispielsweise.

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16 Gedanken zu „Arbeitsplatz

    1. emhaeu Autor

      Das ist das Problem – deswegen habe ich in den letzten vier Wochen nur ganz wenige Blog-Beiträge geschrieben und nur ab und zu mal was kommentiert. Und gestern meinem ersten Blog-und-Internet-freien Sonntag auch das Manuskript auf dem Tisch liegen lassen. War nicht schlecht, wirklich nicht schlecht.

      Antwort
  1. Pit

    Hallo Martin,
    dieser Arbeitsplatz könnte mir schon sehr gefallen. Die Arbeit, die Du beschreibst, aber doch deutlich weniger – um das einmal etwas zurückhaltend auszudrücken.
    Liebe Grüße aus dem südlichen Texas, wo ein derartiger Arbeitsplatz allerdings Utopie war, ist und bleibt,
    Pit

    Antwort
  2. khecke

    Solange es nicht regnet, sieht das nach einem guten Arbeitsplatz aus. Allerdings wuerde ich mir noch ein Kissen auf den Stuhl legen, um meinen Hintern bischen zu schonen.
    Diese Arbeit, die Du da machst, wuerde mir allerdings bischen auf den Keks gehen. Ich habe frueher mal Anleitungen uebersetzt englisch- deutsch und umgekehrt und damals noch ohne Computer nur eine elektrische Schreibmaschiene. Allerdings habe ich sehr gute Woerterbuecher, wo man auch Fachausdruecke findet. Zumindest war diese Formatierung, die Du machst dabei nicht notwendig.
    Alles Gute, Karl-Heinz

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Das mit dem Kissen ist eine gute Idee, lieber Karl-Heinz, werde mal sehen, ob ich ein altes finde, das auch ein wenig Regen erträgt … LG Martin

      Antwort
  3. Susanne Haun

    Hochachtung, Martin!
    Auch wenn du deinen Arbeitsplatz nach draußen verlegt hast ist es eine anstrengende anspruchsvolle Arbeit, die du machst.
    Der Edition Michael Fischer Verlag hat noch einen Lektor, der auch gerade mein neues Buch lektoriert. Ich möcht auf meinen Lektor nicht verzichten.
    Einen schönen Sonntagabend wünscht Susanne

    Antwort
  4. kbvollmarblog

    Hi, lieber Martin,
    ja, ich schreibe auch draußen, gerade auf meiner Terrasse, Blick auf die alten Apfelbäume.
    Die wissenschaftlichen Verlage sind eine Frechheit, sie leisten sich nicht nur, dass sie fast jede Verlagsarbeit auf den Autor abwälzen, sondern verlangen dazu noch meistens einen Druckkostenzuschuss. Allerdings muss ich sagen, mit den Wissenschaftlern kann man es auch machen, die mucken nicht. Bei den Publikumsverlagen sieht es noch etwas besser aus – allerdings ist die Frage, wie lange noch.
    Wenn ich Manuskripte bekomme, bin oft erstaunt darüber, dass die Autorin oder der Autor keine Ahnung von der Form zu haben scheint, ja nicht einmal zu wissen, dass es da sinnvolle DIN-Vorschriften gibt. Mir scheint, die Verlage sparen an der Lektorierung und die Autoren werden immer naiver. Oh dear, wo soll das denn enden?
    Liebe Grüße aus dem immer noch hochsommerlichen Cley
    Klausbernd

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Lieber Klausbernd!
      Hart ist das Leben der Bücherschaffenden! Aber es ist tatsächlich schon recht weiter auf diesem Gebiet. Früher, als angeblich alles besser war, war es aber auch nicht so grundsätzlich besser. Jedenfalls in Teilbereich nicht. Ist noch nicht sooooo lange her, da hat ein Doktorant seine Arbeit maschinenschriftlich eingereicht, da wurden dann 100 Kopien von gemacht, das war’s. Und bei meiner Dissertation war ich heilfroh – 1979 !! – dass die Arbeit in einem renommierten Verlag (Böhlau) in einer renommierten Reihe erscheinen durfte. Und dann der Hammer: Erstens Druckkostenzuschuss – 3000 DM, wenn ich mich recht erinnere – zweitens Abgabe maschinenschriftlich auf so einer bestimmten IBM-Maschine geschrieben, das wurde dann gedruckt, ohne dass sich die Herren (Damen gab es da keine) von Böhlau mehr angeguckt hätten als das Gutachten vom Herausgeber der Reihe und das Titelblatt. ——
      Aber, ich gebe es zu und sehe es ja, es hat ich auf mehr Bereiche ausgeweitet.

      Mach et jood! Martin

      Antwort
  5. ullli23

    Gut, dass Du das machst, denn ich hätte daran keine Freude… 😉
    Ein schöner Arbeitsplatz ist es aber in der Tat!
    Schönes Wochenende!
    Liebe Grüße
    ulli

    Antwort

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