Rote Fähnchen

Zuerst waren überall rote Fähnchen am Wegesrand, alle 50 Meter ein rotes Fähnchen, den ganzen Weg lang von der Landstraße bis hoch auf die Alm, wo sie sich irgendwo zwischen Felsen und Stechginstergestrüpp verloren. Nagelneue rote Fähnchen, die jeweils an einem hölzernen Vierkantstab hingen. Drei Männer hatten sie vormittags mit einem Hammer in den Boden gerammt und waren danach wieder in Richtung Dorf entschwunden.IMG_1282

Nachmittags gehörte das Tal wieder den Kühen und der herbstlichen Ruhe. Gegen Abend – wir waren gerade oben auf der Alm – sahen wir von weitem vier Männer mit großen Rucksäcken den Berg hochstiefeln. Keine Touristen und keine Leute von hier, denn Touristen tragen immer bunte Kleidung und haben kleine bunte Rucksäcke auf dem Rücken, die Viehzüchter hingegen brauchen keine Rucksäcke und bevorzugen dunkelblaue Hosen und helle karierte Oberhemden. Männer in fleischfarbenen Overalls, was mochten das für Typen sein? Zwei von ihnen blieben auf einem kleinen Wiesenstück neben einem Bachbett stehen, das im Winter sehr matschig, in Sommer und Herbst aber ausgetrocknet ist, und werkelten eifrig. Was, konnten wir nicht erkennen. Die beiden anderen folgten dem Fähnchenweg und schleppten sich und ihre Rucksäcke bergan.

Neugierig bummelten wir über Bergwiesen und einen Hang voller Farn hinab zu der Stelle, an der die beiden Männer in den fleischfarbenen Anzügen herumgewerkelt hatten. Ihre Anzüge entpuppten sich bei näherer Betrachtung als Uniformen, die Männer als Soldaten in Kampfanzügen, die natürlich nicht fleischfarben waren, sondern eine Tarnfarbe hatten, die für wüstenähnliche Landstriche sicherlich besser geeignet ist als für die grünen asturischen Berge. Die beiden kleinen Zeltiglus, die sie aufgebaut hatten, waren hingegen dank des grün-braunen Designs wirklich kaum zu sehen.

Soldaten? Rote Fähnchen? Eine Geländeübung, ein Manöver? Aber Soldaten, die um den Weg zu finden, alle 50 Meter ein rotes Fähnchen benötigen – gibt es so etwas?

IMG_1283

Die Nacht kam, der erst seit drei Tagen abnehmende Mond schien prächtig, der weiße Wein aus dem Rias Baixas – Gebiet schmeckte prächtig, Füchse, Rehe oder Wildschweine ließen sich nicht blicken. Nur die Fledermäuse drehten wie immer ihre Runden.

Morgens – wir lagen noch im Bett, weil keine Arbeit drängte und niemand da war, der uns das Frühstück bereitet hätte – schreckte uns ein Getrappel auf. Keine Kühe, sicher nicht, denn so eine Kuhherde im Galopp lässt den Boden erzittern. Eher Schafe oder Ziegen, aber die einzige Schafherde, die nicht wegen der Wölfe abgeschafft worden ist, gehört ins Nachbartal. Ungewaschen, bekleidet mit einer schwarzen Trainingshose und einem weißen Unterhemd, ging ich auf den Weg, um nach dem Rechten zu sehen. Schon näherte sich wieder Getrappel. Verwegene, völlig verschwitzte und mit Schlamm bespritzte Gestalten liefen vorbei. Bei vielen baumelten vor der Brust zwei Metallflaschen mit irgendetwas Trinkbarem darin wie mechanische Brüste herum. Zwei oder drei, deren Atemrhythmus es erlaubte, riefen mir ein kurzes „Hola!“ zu, die meisten aber blickten starr auf den Weg, was mir auch sinnvoll erschien, denn wahrscheinlich wollten sie nicht wieder in einen Haufen Kuhscheiße treten. Glücklich sahen sie nicht aus, obwohl es doch ab der Stelle, an der ich stand, fast nur noch bergab geht. Aber das wussten sie vielleicht nicht. Bald kamen nur noch wenige, dann trabte der letzte vorüber.

IMG_1284

Nach dem Frühstück wollte ich die Schlehenhecke beschneiden. Eine akkurat geschnittene Schlehenhecke macht etwas her, finde ich. Eine Kuh glockte heran, sich von Grasfleck zu Grasfleck vorwärtsfressend. Wo kam die denn her? War das Törchen etwa offen? Und tatsächlich, das seltsame aus Stacheldraht und Weidenstöcken gebastelte Ding, das die wichtige Funktion hat, die Tiere daran zu hindern, von der Alm zurück ins Dorf zu laufen, war nicht nur offen, sondern lag im Dreck, einige Läufer waren offenbar darauf rumgetrampelt. Kaputt war es zum Glück nicht, aber niemand hatte es wieder geschlossen. Sollen die dummen Bauern das doch machen, mögen die Sportler gedacht haben. Wahrscheinlich aber haben sie gar nicht gedacht. Schließlich ging es um etwas Wichtigeres: Herauszufinden, wer am schnellsten rennen kann.

————————————————————————————————————

Weitere Geschichten aus den grünen Bergen Asturiens mit Fotografien von photolaboratorium.wordpress.com finden sich in diesem Büchlein, das für 3,90 € in der Printversion oder für 2,99 als ebook im Buchhandel oder bei Amazon erhältich ist:

asturische-tiergeschichten

Advertisements

12 Gedanken zu „Rote Fähnchen

    1. emhaeu Autor

      Regenberg, liebe Ulli? Wieder zurück in den Höhen des Waldes? …. die Läufer waren aber keine Soldaten, nur die Streckenposten …
      Und vielen Dank für’s Lob Martin

      Antwort
      1. Frau Blau

        ach sooo, ich dachte wegen der Uniformen … aber gut- ja bin schon seit Ende Sept. wieder auf dem Berg, fahre aber am Sonntag noch einmal zwei Wochen ins Wendland, um zu kochen und zu sein …

  1. Susanne Haun

    Guten Morgen, Martin und Roswitha,
    kan ich bei euch auch ein von euch beiden signiertes in der Printversion bestellen?
    Ich freue mich schon, es zu lesen und zu schauen……
    Einen schönen Freitag wünscht euch Susanne

    Antwort
  2. Pingback: Heiligenseer Kühe – Zeichnungen von Susanne Haun | Susanne Haun

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s