Wohin mit dem alten Auto?

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Er hätte es direkt gewusst, erzählte mir der jüngste der Alonso-Brüder, der zu der Zeit, als sich der Vorfall zugetragen hat, noch das Colegio besucht hatte, was weder ihm selbst noch den Lehrern, die ihn unterrichtet hatten, besondere Freude gemacht hatte. Er habe es direkt gewusst, eine Schrottkarre sei die Frugoneta gewesen. Ein verwöhntes Jüngelchen, ein Verschwender sei er, hätten seine Brüder zu ihm gesagt, als er darauf bestanden habe, die alte Karre sei nur noch was für den Schott. Zur ITV sei der älteste gefahren, zur Hauptuntersuchung. Das hätte er sich sparen können, schade um das Benzin und die Prüfgebühr. Keine schweren Mängel, aber viele kleine Mängel habe die Frugoneta gehabt, keine Plakette, Ende. Sei doch klar gewesen, sagte der jüngste Bruder, dass die Prüfer es überhaupt darin ausgehalten hätten, habe ihn schon gewundert. Dieser Gestank. Stell dich nicht so an, hätten die älteren Brüder zu ihm gesagt, ein richtiger Ganadero würde nicht die Nase rümpfen, wenn es stinke. Ein richtiger Ganadero, pah,sagte er, als ob die beiden Lust hätten, ihr Leben lang den Mist aus dem Kuhstall zu kratzen und in einem Auto rumzufahren, in dem es nach Hund, sauerer Milch und verdorbenem Käse gestunken habe, von den ganzen Kippen mal abgesehen. Widerlich sei das gewesen. Kein Wunder, dass sie mit so einem Auto keine Weiber abgeschleppt bekämen. Er habe sich gefreut, dass die alte Kiste endlich auf den Schrott müsse, aber die Brüder hätten sie noch reparieren wollen. Reparieren lassen natürlich, die Alonsos seien schließlich Ganaderos und keine Autoschrauber. Das sei aber viel zu teuer gewesen. Dann hätten sie versucht, die Frugoneta zu verkaufen. Dieses stinkende Ding. Auch das hätte er direkt gewusst, so eine Stinkkiste wolle keiner, auch wenn der Motor läuft wie eine Eins.

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Aber das mit dem Schrotthändler, erzählte er, das hätte er auch nicht gedacht. Nichts habe der Schrotthändler für die Kiste rausrücken wollen, nichts. Statt dessen habe er noch Kohle sehen wollen, Entsorgungsgebühr. Da hätten sie recht gehabt, die Brüder, Gas geben und zurück ins Dorf. Wenigstens für den Motor hätte der was rausrücken müssen. Diesem Gauner einen Motor, der läuft wie eine Eins, schenken und dann noch draufzahlen. Das könne man mit den Alonsos nicht machen, da habe er seinen Brüdern direkt Recht gegeben.

Dann habe die Frugoneta drei Wochen auf dem Hof gestanden. Voll im Weg habe die Kiste gestanden, wenn er mit dem Traktor aus der Stall habe fahren wollen, habe er immer zwei mal hin und her rangieren müssen. Eine blöde Rangiererei sei das gewesen. So ein Traktor müsse schuppsdiwupps aus dem Stall raus, aber die Brüder, wenn es nach den Brüdern gegangen wäre, stünde die Kiste immer noch im Weg, sagte er kopfschüttelnd, die hätten sich noch ewig mit der Rangiererei rumgeschlagen. Er sei es gewesen, der die Idee gehabt hätte, die Frugoneta auf die kleine Wiese überm Rio Casano zu fahren. Die Brüder hätten natürlich nur rumgemault, so lange, bis er gesagt habe, wenn er Auto fahren könne, dann würde er sich schon trauen, die Kiste alleine da hinzufahren, da könnten sie Gift drauf nehmen. Schiss hätten die gehabt, das sei ihm direkt klar gewesen, aber irgendwann hätten sie sich gestritten, wer von ihnen denn besser fahren könne und dann einen Euro hochgeworfen. Deshalb sei der Älteste gefahren.

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Das Benzin hätten sie zuerst abgepumpt, nur ein bisschen für die paar Kilometer im Tank gelassen, erzählte er, und natürlich einen Kanister voll mitgenommen, sonst hätte die Karre nicht so gut gebrannt, da wären seine Brüder von alleine auch nicht drauf gekommen. Die kleine Wiese überm Rio sei ja ideal gewesen, weil die schon lange nicht mehr bewirtschaftet werde und weil da nie jemand vorbei komme. Außerdem, fuhr er lachend fort, habe er sich gedacht, dass die Fahrt über das stark abschüssige Gelände ordentlich Spaß bringen würde.

Sie seien also die schmale Piste hochgefahren bis zu der Stelle, wo der Weg an einem Tor endet. Das Tor hätten sie aufgemacht, der Ramón, dem diese Wiese gehöre, lasse sich ja selten blicken, und dann seien sie mitten über die Wiese bergab gefahren, dann hätten sie wieder ein Tor geöffnet, durch den Schlamm vor Ramóns Stall, ha, da hätte die Frugoneta schon mal was geschleudert, aber das sei nur der Anfang gewesen. Dann die nächste Wiese, das sei schon eine ziemlich holprige Angelegenheit gewesen, immer ordentlich bergab, da habe die Kiste ganz schön gehoppelt. Los, gib Gas, habe der mittlere Bruder gerufen, zeigen wir den Idioten vom ITV, was unsere Frugoneta noch so drauf hat. Das Auto habe auch alles brav weggesteckt, sie hätten nur Mühe gehabt, sich auf den Sitzen zu halten.

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Dann der Abhang, da könne man ja kaum mit dem Traktor runter, so steil und rutschig sei der. Der Bruder habe vor der Abhang angehalten, der hätte am Ende das Auto da stehen lassen, mitten auf der Wiese vom Pepe, wo es doch jeder sehen kann! Los, jetzt müssen wir weiter, habe der mittlere Bruder gemeint, zurück den Berg hoch, das würde die Kiste nie im Leben schaffen, hier stehen bleiben, da bekämen wir totalen Ärger mit dem Pepe, also runter. Der Bruder sei zögerlich losgefahren, aber auf dem Geröll, da habe es nichts zu bremsen gegeben, die Kiste sei einfach gerutscht und unten mit der Schnauze aufgekracht. Karosserie beschädigt, aber sonst sei das Ding völlig intakt gewesen, keine Achse gebrochen oder so was, vielleicht der Auspuff kaputt, aber das sei ja jetzt egal gewesen, die paar Meter bis zu der kleinen Wiese hätten sie locker geschafft. Das sei echt so eine Art Offroader gewesen, die alte Frugoneta, das hab er er gar nicht gedacht, was die alles weggesteckt habe, erzählte er.

Der Rest sei ein Kinderspiel gewesen. Benzin auskippen, abfackeln. Leider hätten sie sofort wegrennen müssen und hätten sich das Feuer nicht ansehen können, denn hier am Rande des Parque Nacional müsse man mit Feuer sehr aufpassen, das wisse ich ja. Ich nickte, denn gerade vorgestern waren mal wieder die Bomberos aus Cangas de Onis mit ihrem Hubschrauber gekommen, weil sie irgendwo eine Rauchsäule ausgemacht hatten. Die Brüder hätten sich also aus dem Staub gemacht und seien in die Dorfkneipe gegangen, ein Bier trinken, als ob nichts gewesen wäre, fuhr er fort. Kaum habe das Bier auf dem Tisch gestanden, sei der alte Javier herein gekommen und habe sie gefragt, ob sie nicht den Qualm da oben über dem Rio Casano gesehen hätten. Sie hätten sich natürlich nichts anmerken lassen. Der Javier, der habe dann gesagt, das sei bestimmt wieder der Amador, der da oben immer feuchtes Heu und Plastiksäcke verbrennen würde. Ja, das Zeugs qualmt wie verrückt, habe er gesagt, sagte der jüngste Bruder, und dem Alten ein Bier ausgegeben.

autoganzr

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5 Gedanken zu „Wohin mit dem alten Auto?

  1. puzzleblume

    Ah, das erklärt’s. Ich habe mich immer wieder gefragt, wie die ganzen Autowracks an irgendwelchen Hängen zustande gekommen sind, ohne dass Trauerblümchen und schwarze Schleifen an die Strasse gesteckt wurden, bzw. werden mussten, an so abenteuerlichen Stellen.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Das war auch der Grund für die (wahre) Geschichte. Tatsächlich stand ich staunend bis fassungslos in der Nähe, als die Jungs über die Wiesen gefahren sind …

      Antwort
  2. Pagophila

    Eine köstliche Geschichte, sehr schön illustriert..:-) – Und ein sprechendes Bild im Übrigen für die Ungeniertheit der Natur, sich die Artefakte einzuverleiben, die ihr überlassen werden.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      …. „die Ungeniertheit der Natur“ … ein herrlicher Ausdruck, werde ich mir merken. Und ein schönes Wochenende wünsche ich! Martin

      Antwort

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