Virtuose Eunuchen, lustige Bettler und dunkle Diebe

Nachzutragen bleiben noch einige Bücher, die ich unterwegs gelesen habe. Warum ich da so viel gelesen habe, wird später verraten. Jetzt erst mal 3 Titel vom Stapel „Gelesene Bücher“, denn ich führe ja hier in diesem Blog seit Jahren Buch über alles, was ich so gelesen habe.

91isQfrHF5L._SL1500_Von Gudrun Pausewang kenne ich nicht viel, nur ihren bemerkenswerten autobiographischen Bericht „Rosinkawiese“. Ihre bekannten Bestseller habe ich links liegen gelassen. Romane, die allüberall in Haupt- und Realschulen gelesen werden, haben es bei mir schwer, alte Schulallergie sozusagen.

„Plaza Fortuna“, ein Frühwerk der Autorin,  wird zwar ständig neu aufgelegt, ist aber viel weniger bekannt. Es spielt in einer fiktiven Stadt in Mittelamerika und Pausewang verarbeitet dort die Erfahrungen und Erlebnisse, die sie gehabt hat, als sie in Mittelamerika gelebt hat. Das merkt man. Vieles ist „aus dem Leben gegriffen“, man erfährt im Laufe der märchenhaften Geschichte um einen Bettler, der im Lotto gewinnt, eine ganze Menge über die Zustände in Latinoland. Die Figuren sind dafür allesamt fürchterlich klischeehaft, der Bettler fürchterlich arm und fürchterlich gut, der Polizeichef fürchterlich dick und reich und ebenso korrupt etc. etc. Außerdem ist mir schlagartig klar geworden, wieso Bücher von G. Pausewang so beliebt bei manchen Lehrern sind: Die sind direkt so geschrieben, dass man pro Kapitel eine Lektion lernt: 1. Leben in den Armutsvierteln  2. Die Prostitution  3. Mittelschicht  4. Korruption der Führungsschicht  5. Bettlerei – das ist alles fürchterlich didaktisch und fürchterlich durchschaubar.

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Von Lateinamerika nach Italien, in ein Italien, in dem vor etwa hundert Jahren noch uralte und keineswegs gute Traditionen sich erhalten hatten. Faschismus und Aberglaube, alte Mythen und ein anarchischer Volkszorn, der sich in einem sehr, sehr grausamen Mord entlädt. Eine dunkle Welt, packend erzählt, eine Welt, bei der man immer nur denkt: Ach wie gut, dass wir hundert Jahre weiter und 1500 Kilometer entfernt sind.

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Und nochmal Italien, nochmal Vergangenheit: 18. Jahrhundert. In diesem Roman, den ich gelesen habe, weil Marcel Reich-Ranicki ihn sehr gelobt hat, erscheint das vergangene Italien in einem goldenen Licht. Ach, was war das schön, all diese Feste, die prächtigen Opernaufführungen, mit der Kutsche von Party zu Party, von Rausch zu Rausch. Ist der Autorin wohl auch aufgefallen und sie hat vielleicht auch deswegen die Geschichte einer armen Dienstmagd eingefügt, eine Geschichte, die nur lose mit dem Hauptstrang zusammen hängt.

Zweifellos gut erzählt, aber warum soll ich das lesen? Was interessieren mich all die Liebesabenteuer und die lang ausgebreiteten Einzelheiten der Kunst des feinen Gesangs? Nicht sonderlich. Interessant aber für alle Menschen, die immer schon mal wissen wollten, wie Sex mit einem Eunuchen ist. Vielleicht wollte der Reich-Ranicki das auch immer mal wissen.

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8 Gedanken zu „Virtuose Eunuchen, lustige Bettler und dunkle Diebe

  1. Karl-Heinz

    Mir laeuft leider die Zeit weg und ich muss sehr waehlerisch sein, welche Buecher ich lesen will, zumal es so viel auf dem Internet zu lesen gibt. Ruth wollte mir sogar schon ein Kindle zu Weihnachten schenken. Auch wenn es leichter zu halten ist als ein Buch, neige ich immer noch dazu ein richtiges Buch in der Hand zu halten.
    LG aus dem heute sonnigen und mal etwas waermeren (17 Grad Celsius) Nordwest Arkansas. Morgen soll es schon wieder kaelter sein.
    Karl-Heinz

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Drei Bücher habe ich auch schon auf dem Smartphone als Ebook gelesen, aber so groß scheint mir der Vorteil nicht zu sein. Vor allem laufen mir immer so viele gedruckte Bücher über den Weg, steht auch noch so viel ungelesen im Schrank – was soll ich da noch ein weiteres Gerät wie den Kindle kaufen?
      Im Internet lese ich auch viel – der Punkt war, dass ich die Bücher auf der vierwöchigen Mittelamerika-Reise gelesen habe, da hatte ich oft gar kein Internet und viel Zeit – und schon musste wieder das gute, alte Buch ran ..
      Schöne Grüße aus dem heute fürchterlich grau-trüben Rheinland! Martin

      Antwort
  2. nurmalich

    Pausewangs Plaza Fortuna habe ich vor Jahrzehnten gelesen, Jahre bevor ich zum ersten mal in Bolivien war. Natürlich ist einiges darin überzeichnet und schwarzweiß gemalt. Aber ist das nicht normal, wenn man auf vorhanden Zu- und oft auch Missstände hnweisen will?
    Die anderen beiden von dir vorgestellten Bücher kenne ich bisher nicht.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Ich habe das Buch ja auch vor Ort gelesen, in Guatemala … aber vielleicht stört mich gerade das: Das sie zu deutlich auf Missstände hinweisen will, zu vordergründig, könnte man sagen …

      Antwort
    1. emhaeu Autor

      …. ja, bin, wenn sie nicht allzu sehr verrätselt sind (wie z. B. Orpheus), ein Fan von Arno Schmidts Werken – aber die dicke Traumzettelei habe ich dann doch nicht gelesen … DienstagsGruß! Martin

      Antwort
      1. Andrea

        ARNO SCHMIDT ist schwer zu lesen weil dieser….schnell zu einem anderen THEMA kommt…doch das große TRAUMzettelEI habe ich schonmal drinne gelesen und ich muß sagen das ließt sich einfach wie seine anderen WERKE,für dich einen lieben ABENDgruß sendet dir ANDREA:))

  3. 125tel - KUMs Fotogalerie

    Dein Hinweis auf Renzo Paris ist großartig. Ich habe den vor Jahren mit viel Genuss gelesen! Aber anders als du, war ich nicht froh weit weg und nachgeboren zu sein. Ich war froh, dem didaktischen Kitsch der Schullektüre entronnen zu sein. In diesem Buch gab es abgründige Charaktere, die nicht deswegen grausam waren, weil das System oder die Verhältnisse ihr Gut-Sein verhinderte, sondern deswegen, weil sie eben einfach grausam waren. Diese Art der Beschreibung hat damals einen großen Eindruck auf mich gemacht. Gruß – KUM

    Antwort

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