Vom Río Usumacinta nach Flores – eine Busreise (3)

frontera2

Kaum hatte ich mich damit abgefunden, dass Ausländer in Frontera Corozal einen seltsamen „Wegezoll“ zahlen zu müssen, wiederholte sich das gleiche an der Grenzstation. Nur dass der Grenzer erheblich mehr Geld wollte. Nun steht zwar überall zu lesen, dass man bei der Ausreise aus Mexiko nichts zu bezahlen hat, falls man per Flugzeug eingereist ist, aber das, so der Beamte, hätte sich kürzlich geändert. 20 USD wollte er von jedem. Ohne Geld kein Stempel, ohne Stempel keine Ausreise nach Guatemala. Basta.

Nach diesem Erlebnis hatte ich auf die Bootsfahrt über den Río Usumacinta, den wasserreichsten Fluss Mittelamerikas, in dem auch das eine oder andere Krokodil herumschwimmt, schon nicht mehr so viel Lust.

frontera4

Unser mexikanischer Busfahrer fuhr uns noch bis in die Nähe der Bootsanlegestelle, dann verabschiedete er sich. War nicht weit bis zu den Booten, aber eine Strecke, die nicht gerade gut geeignet für unsere Rollenkoffer war. So war ich froh, als ich alles auf die kleine „Lancha“ gehievt hatte. Lancha heißen die typischen, schmalen, etwa 7 Meter langen Holzkähne, die von einem Außenborder angetrieben werden. Andere Boote gibt es nicht an dieser Grenze, weit und breit keine Fähre und erst recht keine Brücke. Aber Lancha-Fahren hat etwas für sich, die Überfahrt über den gar nicht so langsam dahin fließenden braunen Río ist allzu schnell vorbei und schon bald legen wir in La Técnica an und machen wir die ersten Schritte in Guatemala, problematische Schritte, denn das Ufer ist steil und die Koffer unhandlich und schwer.

frontera3

 Einige unserer Mittouristen waren in eine andere Lancha gestiegen, um nach Yaxchilán zu schippern – die dortigen Maya-Ruinen sollen auch ganz toll sein (hier ein Video von der Tour). Wir aber stehen keuchend mit unserem Gepäck auf einem kleinen Platz vor einer Bude, die offensichtlich so eine Mischung aus Kiosk und Reisebüro ist. Wo mag nur der Bus sein, der uns nach Flores bringen soll?

la tecnica

Auf der anderen Straßenseite steht ein Mann neben einem Kleinbus und schreit: „Flores, Flores“. Ich will schon die Koffer rüber schleppen, werde aber von einer jungen Koreanerin, die auch nach Flores will, belehrt, dass ich doch direkt vor unserem Bus stünde. Klar, den weißen Kleinbus kann man ja auch nicht übersehen, aber ebenso wenig kann man übersehen, dass der Bus hochgebockt ist und sich ein dicker Mann damit abmüht, den rechten Vorderreifen zu wechseln. Der Mann stellt sich als unser Fahrer vor und versichert bester Laune, in 10 Minuten werde es losgehen. Bald wirft er tatsächlich erst den defekten Reifen, dann unser Gepäck auf den Gepäckträger, der schon mehrfach geschweißt war. Dann wischt er sich die dreckigen Hände an der Hose ab und setzt sich schweißüberströmt, aber immer noch bester Laune hinters Steuer. Von innen macht der Bus keinen besseren Eindruck als von außen, verstaubt, verdreckt, kaputte Sitze. Nach europäischen Maßstäben war das Ding Schrott, aber es fuhr, und zwar über eine unasphaltierte Piste, von der Breite und dem Zustand her eine Art Feldweg mit zahlreichen Schlaglöchern und einem matschigen Abschnitt, bei dem ich im Gegensatz zu unserem Fahrer Angst hatte, wir würden stecken bleiben.

Ich dachte schon, es gäbe gar keine Grenzstation auf guatemaltekischer Seite, da hält der Bus mitten im freien Feld an einem kleinen Haus: „Delegacion de Migración“ – alles aussteigen zur Passkontrolle! Der Beamte nahm es sehr genau, brauchte für jeden Fahrgast ewig lange, aber da wir nur wenige waren, war die Sache bald ausgestanden.

frontera migracion2 frontera migracion3

 Hinter dem Schild „Bienvenidos en Guatemala!“ wird die Piste breiter, aber leider nicht besser. An der Grenzstation hatte der lokale Bus, der offenbar wenig später in La Técnica losgefahren war, uns überholt, was unser Fahrer nicht auf sich sitzen lässt. Er liefert sich ein kleines Rennen mit dem anderen, überholt ihn, wird beim Umfahren von besonders tiefen Schlaglöchern seinerseits überholt, sinnt auf Revanche. Als der lokale Bus an einer kleinen Siedlung einen Fahrgast aufnehmen muss, haben wir gewonnen, sind aber völlig durchgeschüttelt. Leider wird die Piste nicht besser, die Geschwindigkeit nicht langsamer. Alles rappelt und klappert so laut, dass ein Bordkino – falls es denn hier so etwas gäbe – keine Chance hätte, den Lärm zu übertönen.

frontera strasse road7

Aber es gibt viel zu sehen: Große Viehzuchtbetriebe, Waldstücke und immer wieder, häufiger als in Mexiko, frisch gerodeten Regenwald, auf dem der übliche spärliche Mais wächst, teilweise an so steilen Hängen, dass die Bauern die Körner einzeln mit der Hand in den Boden gerückt haben müssen, denn selbst wenn man welche hätte, könnte man an diesen Steilhängen keine Maschinen einsetzen. Bald wird es flacher, nur noch einzelne Hügel ragen wie unausgegrabene Pyramiden aus der Ebene hervor. Wir kommen an einem landwirtschaftlichen Großbetrieb vorbei, die Ernte wird auf große Lastwagen verladen, die sich anschließend über die gleiche Holperpiste quälen müssen wie wir. Überall Weiden, vom Regenwald ist fast nichts mehr übrig.

road3 road

Nach einer guten Stunde Fahrt zieht ein weitläufiges staatliches Wiederaufforstungsprogramm an uns vorüber, die vielleicht zehn Jahre alten Bäume stehen in Reih und Glied, sollen forstwirtschaftlich genutzt werden – sicherlich nicht der Traum der Regenwaldschützer, aber immerhin etwas. Nach gut zwei Stunden Rüttelei erreichen wir kurz hinter einer Kleinstadt namens La Cruce eine asphaltierte Strasse. Endlich! Keine 40 Kilometer mehr nach Flores!

frontera migracion

 Wir nähern uns auf der gut ausgebauten Nationalstrasse 5 schon La Libertad (eine Kleinstadt mit 7000 Einwohnern, in deren Nähe Erdöl gefördert und raffiniert wird), da ziehen schwarze Wolken auf. Kurze Zeit später geht ein Schauer nieder, der unseren Busfahrer nicht weiter stört. Er freut sich offenbar über den kühlenden Regen und lässt das Fahrerfenster offen, was bei unserer Geschwindigkeit natürlich dazu führt, dass wir uns einen anderen Platz suchen müssen, um nicht nass zu werden. Bei der Gelegenheit suche ich unsere Picknicktüte und stelle fest, dass sich sie vermutlich in dem anderen Bus vergessen habe. Der Schauer ist bald vorbei, aber neue dunkle Wolken werden sichtbar. Der Fahrer hält an einer Tankstelle – wir kaufen Kekse und Fanta als Ersatz für unser Picknick – und erklärt, wegen des drohenden Regens könne unser Gepäck nicht auf dem Dachgepäckträger bleiben. Koffer und Rucksäcke müssen also irgendwie zwischen den Sitzbänken verstaut werden. Es wird eng, aber es sind ja nur noch ein paar Kilometer.

Der Fahrer hatte eine gute Nase, denn bald geht ein gewaltiger, nicht enden wollender tropischer Regenschauer nieder. Er schließt sogar das Fenster, aber wir werden trotzdem ein wenig nass, denn es zeigt sich, dass das Bus-Dach nicht so ganz dicht ist. Kurz vor Santa Elena – von hier könnte man zu Fuß nach Flores gehen – steigt ein Mann ein und erklärt mit vielen wohlklingenden Worten, dass er und nur er heute ganz besondere Ausflüge und Touren zu allen möglichen Ruinen im Angebot habe, die besten, günstigsten und tollsten Hotels sowieso. Wir kennen die Masche schon, lehnen sofort ab, aber zwei Mitreisende lassen sich in eine Diskussion ein, worauf der Fahrer einige Umwege durch den Ort macht, um dem Ticket-Verkäufer mehr Zeit zu geben. Aus dem gleichen Grund halten wir noch an einem Supermarkt: Nur hier könne man Geld ziehen, in Flores sei der cajero automatico ständig kaputt. Derweil strömt der tropische Regen ununterbrochen weiter. Aber vielleicht hatte das ganze zeitraubende Theater um Tickets, Geldautomaten und Hotels ja auch sein Gutes: Denn just als wir endlich vor unserer Unterkunft in Flores aussteigen können, hört der Regen auf.  10 Stunden hat die Fahrt gedauert, wir freuen uns auf ein ruhiges Zimmer und auf etwas Vernünftiges zu essen.

Flores - Uferpromenade

Flores – Uferpromenade

Advertisements

2 Gedanken zu „Vom Río Usumacinta nach Flores – eine Busreise (3)

  1. Ulli

    Lieber Martin,

    das klingt nach einer abenteuerlichen Reise, die ihr hinter euch habt. Klar ist fliegen bequemer, aber man würde all die vielen Eindrücke nicht sammeln können- ich mag deine Berichte, so bekomme ich einen guten Eindruck von Ländern in denen ich noch nie war und wahrscheinlich auch nicht so schnell kommen werde.
    Vielen Dank für deine Mühen! und natürlich herzliche Grüße Ulli

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s