Ein entspannter Abend bei lateinamerikanischer Musik

Vier Männer spielen Instrumente, eine Frau singt. Ich halte eine Flasche Bier in den Händen, wärme das kalte Bier mit den Handinnenflächen. Kaltes Bier mag ich nicht, vor allem nicht im Winter. Eine schick umgestylte Industriehalle, 120 Zuhörer, brasilianische Musik.

Das erste Lied kannte ich nicht, das zweite kenne ich auch nicht. Wenn die Sängerin spanisch singen würde, könnte ich was verstehen. Theoretisch, praktisch verstehe ich bei spanischsprachiger Latino-Musik auch immer nur corazón und cariñoso und enamorado und so was. Das Lied ist aus. Viel Beifall. Ich klatsche auch, brav, wie man halt klatscht, wenn man klatscht, weil man das so tut. Ob die anderen auch klatschen, weil man das so tut? Zwei Bravo-Rufe. Hoppla, Bravo ruft man nicht aus Höflichkeit, das steht fest.

Das nächste Lied ist selbst komponiert und selbst getextet, wieder auf Portugiesisch. Soll ein trauriges Lied sein, hat die Sängerin verraten, die, wenn sie nicht besonders traurig dreinschauen muss, bestens gelaunt zu sein scheint. Keine gute Musik. Aber was weiß ich: Wahrscheinlich habe nicht ich den Durchblick, sondern die Bravo-Rufer. Wahrscheinlich, denn erstens war ich noch nie in Brasilien und zweitens bin ich unmusikalisch. Das steht seit meiner Jugend fest. Traumatische Erlebnisse. Kaum hatte ich die Aufnahmeprüfung zum Gymnasium – ja, so etwas gab es damals noch – mit Leichtigkeit bestanden, weil ich wie aus der Pistole geschossen die Frage, wann und wo ich zuletzt die Rhein-Main-Linie überfahren hatte, richtig beantwortet hatte (mit Kartenlesen pflegte ich mir bei den langweiligen Autofahrten mit meinen Eltern die Zeit zu vertreiben), kaum also war ich ins den Kreis der Gymnasiasten aufgenommen, fiel ich zu meinem Entsetzen durch die nächste Aufnahmeprüfung, nämlich den Eignungsprüfung für den Schulchor. Womit mir auch schlagartig klar wurde, wieso meine Mutter mich dezent darum gebeten hatte, in der Kirche nicht so laut zu singen. Egal, singen kann halt nicht jeder. Die Sängerin da vorne mit ihrem eng anliegenden schwarzen Kleid kann auch nicht singen. Scheint mir. Diesmal gibt es auch keine Bravos, weshalb sie es mit etwas Populärem versucht: „Half a Minute“, ach, Matt Bianco, ach, die 80er. Könnte ich mitsingen.

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Aber nicht jeder, überlege ich, der nicht singen kann, ist auch unmusikalisch. Vielleicht gibt es sogar berühmte Pianisten, die durch die Aufnahmeprüfung des Schulchores gefallen sind. Ich habe es jedenfalls probiert, denn eines Tages, als ich mal wieder meiner älteren Schwester die Notenblätter umblätterte, damit sie ihren Chopin-Walzer flüssiger spielen konnte, da beschloss ich, Klavierstunden zu nehmen. Ein Jahr lang übte ich fleißig und radelte zu Herrn Hinrichs, meinem Klavierlehrer, um ihm vorzuspielen. Ein geduldiger Mann, der mit mir das erste Heft einer grünen fünfheftigen Klavierschule durchging. Nach einem Jahr – ich übte gerade den ersten Satz der allereinfachsten Clementi-Sonantine – war das erste Klavierschulheft durch. Ich war stolz. Leider konnte meine Schwester es sich nicht verkeifen, mir mitzuteilen, sie habe schon im ersten Jahr mit dem fünften Heft angefangen. Bald darauf brach ich mir den Arm und nach dieser Zwangspause wollte ich nicht mehr zur Klavierstunde, was meine Eltern ohne jedes Bedauern akzeptierten. Gut, das Musik-Gen war wohl an mir vorüber gegangen. Seltsamerweise, denn mein Vater spielte Klavier, dessen Bruder auch, der Opa sogar besonders gerne, meine Mutter, so sagte man mir, könne auch Klavier spielen, aber, ich schwöre es, ich habe sie nie auch nur einen Ton spielen hören. Vielleicht hatte sie auch ein Trauma in der Richtung. Ihre Schwester spielte mit ihrem Mann und den Kindern jeden Sonntag Streichquintette, wie wollte sie da konkurrieren?

Beifall reißt mich aus meinen Gedanken. Das ist sowieso mein Problem bei allen Konzerten, bei denen man brav auf dem Stuhl sitzen bleiben muss: Nach fünf, spätestens 10 Minuten verwandelt sich jede Musik für mich in Entspannungsmusik und die Gedanken schweifen und schweifen. Oft kommen mir, während die Musiker sich abmühen, die besten, in der Regel allerdings völlig musikfreien Ideen. Das habe ich wohl von meinem Vater geerbt, der nach der Sonntagsmesse oft strahlend verkündete, er habe während des Gottesdienstes mal wieder eine sehr gute Idee gehabt.  Meist drehten sich seine gottesdienstgeborenen Gedanken um Gemüsebeete oder Steuertricks.

Wieder ist ein Lied an mir vorübergeplätschert. Ich versuche mit der Bierflasche zu klatschen. Meine Bierflasche ist nämlich eine besondere Bierflasche, eine mit so einem retromäßigen Bügelverschluss. Plopp, Flasche auf, Klapp, Flasche zu, Plopp, Flasche auf. Bringt nicht, die anderen applaudieren zu laut, da geht meine Bierflasche glatt unter. Peters Kölsch übrigens. Die Marke kenne ich nicht, schmeckt aber gut.

Der Vibraphon-Spieler wirbelt die Schlägel, die himmelblaue Köpfe haben. Der Gitarrist sitzt auf einem Hocker. Er trägt ein Arbeiterkäppi und ein blau kariertes Oberhemd, das dem recht ähnlich sieht, das ich mir im Herbst beim Aldi gekauft habe. Das mit dem Käppi kann ich gut verstehen. Sicherlich versteckt sich darunter eine Glatze. Als mir mein Kopf zu kahl wurde, so ungefähr in der Zeit, als Matt Bianco „Half a Minute“ gesungen hat, habe ich mir auch so Käppis gekauft. Zeitweise bin ich sogar drinnen mit einer Kappe rumgelaufen. Guckt die ganze Zeit ziemlich säuerlich, der Gitarrenspieler. Er erinnert mich irgendwie an einen Mathematiklehrer, der der Klasse sagt, er habe auch diese Arbeit wieder vom Direktor genehmigen lassen müssen, weil die erforderliche Gute-Noten-Quote wieder nicht erreicht worden ist. Er schaut unverwandt auf die Noten und trifft dann auch genau die Töne, die da stehen. Was man von der Sängerin nicht sagen kann. Sie singt „Killing me Softly“ und ich überlege, wie man das wohl übersetzen könnte. Nach einer Weile komme ich auf „Mir sanft den Hals rumdrehend“. Wir werden in die Pause entlassen. Mein Peters Kölsch ist noch nicht völlig leer.

Zu meiner Überraschung hat niemand die Pause genutzt, um sich zu verdrücken. Alle sind wieder da. Also doch nicht nur Höflichkeitsbeifall. Kurze Zeit sehe ich jetzt auch den Bassspieler, der sich sonst immer hinter der Bassbox versteckt hat. Das nächste Lied hat nämlich er komponiert, deswegen tritt er etwas vor, zieht sich aber direkt wieder in seine Ecke zurück. Typisch Baßspieler, scheint mir. Wer nach vorne will, der spielt Trompete. Oder er singt, wie die Sängerin im schwarzen Kleid, die – der Veranstalter hat es mir in der Pause verraten, nur eine halbe Brasilianerin ist. Ihre andere Hälfte stammt aus Bonn, ihr Mann, der Vibrafon-Spieler, auch. Aber immerhin, dann hat sie sicherlich das Gen, das für lateinamerikanische Rhythmen zuständig ist, mitbekommen. Ganz im Gegensatz zu mir, der ich nachweisen kann, dass bis ins 17. Jahrhundert hinein keine südamerikanischen Vorfahren unter meinen Ahnen sind. Schließlich bin ich Mitglied in einem Verein für Ahnenforschung, da weiß man so etwas. Ein Onkel um die Ecke ist 1952 nach Argentinien ausgewandert, aber Onkel zählen ja vererbungsmäßig nicht. Und außerdem war ich 1952 schon geboren. Im Gegensatz zur Sängerin, die jetzt wieder Selbstkomponiertes intoniert, habe ich also keinen Bezug zu Samba oder Bossa Nova. Kann ich auch gar nicht unterscheiden. Andere haben das in der Tanzschule gelernt. Ich nicht. 1968 ging ein junger Mann, der was auf sich hielt, nicht zur Tanzstunde, sondern auf eine Demo. Tatsächlich war ich nur ein einziges Mal auf einer Demo, die ich so peinlich fand, dass ich es nie wiederholt habe. An den Tanzstunden hat mich eigentlich auch nur gestört, dass man da den Mädchen irgendwie ziemlich nahe kommen musste. Das fand ich noch peinlicher als eine Demo. Deshalb kann ich die lateinamerikanischen Rhythmen nicht unterscheiden und tanze auch hier nicht, obwohl die Sängerin das Publikum auffordert, vor der Bühne zu tanzen. Niemand tanzt, obwohl die allermeisten Anwesenden sicherlich eine Tanzschule besucht haben, vor 1968, denn die allermeisten im Saal scheinen mir älter zu sein als ich.

Ich trinke mein Peters Kölsch aus und balanciere die Flasche auf dem Knie. Balancieren ist eine meiner Stärken, in so etwas habe ich Übung. Sieht gut aus, die Flasche, die Hose, der schwarze Hintergrund. Ich ziehe mein Handy aus der Jackentasche, um ein Bild zu machen. Kaum berühre ich den Auslöser, produziert das Handy einen sehr hellen Lichtstrahl, soll wohl ein Blitzersatz sein. Meine Nachbarn gucken, was ich da anstelle. Da es mir nicht liegt, Aufsehen zu erregen, gebe ich das Bilder-Machen auf.

Von der Sängerin kann ich die ganze Zeit nur die obere Hälfte sehen. Wie lang ihr Kleid wohl ist? Was mag sie für Schuhe tragen? Diese Frage beschäftigt mich eine Weile, obwohl ich – vielleicht muss ich das erwähnen – weder Fußfetischist noch Schuhomane bin. Aber trotz Halsrecken und Hin- und Herrutschen bekomme ich nicht mehr in den Blick als die Knie mit dem schwarzen Kleid darüber. Die Haare der Sängerin waren übrigens auch schwarz. Glaube ich, denn ich kann mich generell weder an die Haarfarbe noch den Haarschnitt von Frauen erinnern, was Frauen, die ein Gutteil ihrer kostbaren Lebenszeit ihren Haaren widmen, entweder nicht glauben können oder als eine grobe Missachtung ihrer Gefühle einstufen. Ist es aber nicht. Arme, Nase, Schultern, Taille und Hintern der Sängerin könnte ich genau beschreiben. Mache ich aber nicht, ist ja jetzt auch nicht so spannend.

Im Hintergrund wirft der Veranstalter noch einmal eine Ladung Eichenholz auf das hübsch lodernde Kaminfeuer. Er verbrennt Eichenparkett, das irgendwo herausgerissen worden ist. Eichenholz gibt gut Hitze. Mir ist schön warm, ich habe vorsichtigerweise meine hellgraue dicke Fleece-Jacke angezogen, die ich mir in Guatemala kaufen musste, weil ich den einzigen Pullover, den ich auf die Reise nach Mittelamerika mitgenommen hatte, im Flugzeug liegengelassen habe. Kommt etwa, sinniere ich, das richtige brasilianische Feeling nicht rüber, weil es draußen winterlich kalt ist? Samba und Kaminfeuer, passt das zusammen? In Argentinien, erinnere ich mich, habe ich auch mächtig gefroren, und zwar mitten im Sommer. Aber in Argentinien spielt man ja auch keinen Samba, sondern Tango, also so was mit Körperkontakt, das passt besser zu patagonischen Temperaturen. Ob es in Brasilien Berge gibt? Ich strenge mein geographisches Wissen an. In dem Shell-Atlas, in dem ich mich Auto fahrend bildete, gab es kein Brasilien. Bildungslücke. Jetzt jedenfalls ist mir schön warm. Dabei bin ich ein rheinischer Frierefroh. Ihre für ostpreußische Küstenbewohner ganz normale Kälteresistenz hat meine Mutter mir nicht weitergegeben. Ich war auch nur ein Mal in Ostpreußen, erinnere mich an einen polnisch-kommunistischen Campingplatz und das entsprechend triste Wetter. Niepogoda sagen die Polen dazu – Keinwetter.

Hui, das Ende ist da. Die Leute fordern eine Zugabe. Klar, wer in der Pause nicht geht, fordert eine Zugabe. Das Mädchen von Ipanema. Zum Schluss gibt es einen Strauß mehrfarbiger Rosen für die strahlende Sängerin. Wohlerzogen, wie ich bin, bringe ich meine leere Bierflasche zurück zur Theke. Peters Kölsch. Muss ich mir merken.

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9 Gedanken zu „Ein entspannter Abend bei lateinamerikanischer Musik

  1. Andreas Hendrik

    Wenn unsere Gedanken auf Reisen gehen, abdriften und irgendwohin abschweifen, dann geht unser Gehirn auf Autopilot und stellt derweil neue Beziehungen zwischen alten und neuen Ereignissen her. Das ist wichtig für unsere Entwicklung, denn das schafft Raum für Kreativität. Doch, doch: Wissenschaftlich erwiesen. Dein Artikel ist ja eine wunderbare Illustration dafür. Ich habe laut gelacht, denn kann man jeden deiner Gedankenstränge und Aufarbeitungen so schön nachvollziehen. 🙂 Und das Foto will ich aber auch sehen: Mir scheint, du hast das Driften optimal genutzt: Empfehle dir bei nächsten Ausflug nach Köln ein Abschweifen zu Peters Brauhaus am Alter Markt. LG Andreas
    ( dazu lesen: http://www.stern.de/wissen/mensch/abschweifende-gedanken-leben-per-autopilot-586839.html)

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Na so was, da habe ich mein Leben lang nie weiter als 25 km vom Dom entfernt gewohnt und kenne dieses Brauhaus nicht! Danke für den Link! LG Martin

      Antwort
  2. Ulli

    ein grandioser Text, lieber Martin, der mich neben dich gesetzt hat, mit dir habe ich falschen Tönen gelauscht, eine Frau angeschaut, deren Arme, Schulter, Gesicht und Po ich nun auch beschreiben könnte, wenn ich denn wollte … nun das Bier habe ich nicht getrunken, weil es noch zu früh am Tag ist und noch eine Tasse Kaffee neben mir steht, aber das plopp habe ich gehört
    laut singen durfte ich auch nicht, auch wenn mir heute Menschen sagen, ich könne fein singen, vielleicht weil ich lernen musste es leise zu tun? aber Klavier spielen, das hätte ich für mein Leben gerne lernen wollen, aber da hat meine Frau Mutter nicht mitgespielt, was ich bis heute bedauer!
    gerne lese ich immer wieder mehr von dir

    herzliche Grüße
    Ulli

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  3. Pagophila

    Ein feiner Humor, der da zwischen den Zeilen singt und tanzt..:-) – Ein Musiklehrer erzählte mir mal, dass jeder Mensch musikalisch sei, die Musikalität aber in der Entwicklung verstärkt würde oder verloren gehe, so ungefähr und aus welchen Gründen auch immer. Aber niemals so ganz, denke ich. Vielleicht verlagert sie sich lediglich…

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    1. emhaeu Autor

      Da habe ich jetzt eine Weile drüber nachgedacht, also ich im Autoradio gestern ein Quaretett des erst 12jährigen Mendelssohn-Bartoldy gehört habe, ist mir eingefallen: Sicher hat wohl jeder Mensch eine gewisse Musikalität, sozusagen eine Grundmusikalität, aber das Beispiel der musikalischen „Wunderkinder“ zeigt doch, dass einige Menschen erheblich mehr Musikalität abbekommen haben als andere. Sonst gäbe es auch nicht so viel so schlechte Musik in der Welt.

      Antwort

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