Der Graf, seine Äpfel und die magischen Zeichen

IMG_1654In den 80er Jahren stand in Horrem am Rande der Einkaufsstrasse immer eine Bude, in der Äpfel aus dem Gräflich-Hoensbroich’schen Obstbaubetrieb verkauft wurden. Sehr leckere Äpfel, leider teuer. Aber es gab immer Tüten mit sogenannten Koch-Äpfeln, die waren so billig wie die ALDI-Äpfel und viel, viel besser im Geschmack.

Irgendwann ist der Graf auf den Eso-Bio-Trip gekommen. Er gründete einige Firmen, die z.B. ganz besonders geschüttelte Homöopathische Heilmittel produzierten, Gesundheitsdiagnosen aufgrund des Zustandes der Haarspitzen anboten oder Kurse zu Themen wie „Ganz­heit­li­che Frau­en­heil­kun­de mit dynamisierten Ur­tink­tu­ren“. Sein größtes Vorhaben aber war der radikale Umbau seines Obstbau-Betriebes: Demeter-Äpfel sollten es fortan sein. Neben einigen Spezialkräften aus der Demeter-Obstbau-Branche wurde ein Mann engagiert, der die Aura der durch jahrzehntelangen konventionellen Obstbau verdorbenen Anlage wieder zurechtbiegen sollte. Negative Ausstrahlungen des inzwischen rekultivierten Braunkohle-Tagebaus sollte er auch noch mit bearbeiten. Der Mann – er heißt Marko Pogacnik, hat eine Menge Bücher zu solchen und ähnlichen Themen veröffentlicht und es zu einem Eintrag in der Wikipedia gebracht – hat nach einem von ihm entwickelten System die Energiebahnen in Park und Gärten aufgespürt und dann mit Hilfe einer Art Akupunktur versucht, die Energien zu heilen. Er hat aber keine Nadeln in den Schlosspark-Boden gesteckt, sondern große Steine aufgestellt, in die er – schließlich hat er einmal Bildhauerei studiert –  seltsame Zeichen hat einmeißeln lassen.

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Ein paar Jahre später wurde noch ein Buchsbaum-Labyrinth angelegt.IMG_1659

Über das Ganze erschien 1989 ein Bildband im Diederichs-Verlag unter dem Titel „Die Erde heilen. Das Modell Türnich„, das Buch erlebte mehrere Auflagen, Esoteriker erfreuten sich an den bunten Bildern von der wieder gesundeten Natur.

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In den ersten Jahren waren die Ernten gut, was man natürlich den Steinsetzungen zugeschrieben hat. Der Skeptiker vermutete allerdings, dass all die Viren, Pilze, Bakterien, Käfer und Raupen, die jahrzehntelang durch die entsprechenden Mittel vertrieben worden waren, die neuen Bäume erst mal finden müssten. Bald gab es keine Kochäpfel mehr, nur noch Äpfel mit dem Demeter-Siegel, die so teuer waren, dass die Horremer sie nicht mehr gekauft haben, ich auch nicht.

Die Katastrophe kam dann in Gestalt einer Kaltfront. Nicht jeder Winter ist mild im Rheinland, das Wetter kann tückisch sein: Im März schön warm, die Apfelbäume blühen früh und im April erfrieren dann die Blüten. Irgendwann geschah genau das. In diesem Jahr machte der Apfelstand erst gar nicht auf, denn es gab keine Äpfel. Da sich auch die Arzneimittel-Firmen nicht so gut entwickelten wie erhofft, ging dem Graf das Geld aus. Die Obstbauspezialisten mussten entlassen werden, den Betrieb übernahm ein junger gräflicher Verwandter. Der ließ eine Beregnungsanlage gegen Frühjahrsfröste installieren, aber die guten Ernten der ersten Jahre wollten sich nicht mehr einstellen.

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Heute machen die Plantagen nicht den besten Eindruck, im Park sind große Bäume umgefallen, man könnte die Anlage ökologisch nennen, aber verwahrlost trifft die Sache viel besser. „Den Besucher erwartet auch der berühmte und preisgekrönte englische Landschaftspark mit der Lindenkathedrale, einem Lindenbaptisterium und einem Labyrinth“, verkündet die Website des Schlosses. Labyrinth? Ach ja, in einer Ecke neben der „Kathedrale“ getauften Allee mickern ein paar Buchsbäume vor sich hin. Insgesamt gleicht der „preisgekrönte englische Landschaftspark“ einem vergessenen Waldstück, da der Graf das Abmähen von Brennesseln als unnatürlichen Eingriff verschmäht, jedenfalls in dem Teil, der der Öffentlichkeit zugänglich ist.

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Einige der magischen Steine haben Jugendliche mit ihren eigenen magischen Zeichen besprüht, in andere ihre eigenen Zeichen eingeritzt.

IMG_1660Hat der ganze Eso-Zauber also nichts gebracht? Unsinn, sagt der Überzeugte, wie sollen denn die magischen Steine ihre magische Wirkung erzielen, wenn sie beschmiert sind?

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7 Gedanken zu „Der Graf, seine Äpfel und die magischen Zeichen

  1. puzzleblume

    interessant immer wieder, wie es, vermutlich durch das Strahlen des Fanatismus in ihren Augen charismatische Menschen, zum Guru für einen oder eine Gruppe oder sogar viele Leute werden kann, die dann das eigene Denken an den Runenstein oder die Holzperlenkette hängen.

    Antwort
  2. Dina

    Das war einen sehr vergnüglichen Ausflug in der gräflichen Umgebung, war mir gar keinen Begriff, muss ich gestehen. 🙂
    Und wie wahr; „nicht jeder Winter ist mild im Rheinland, das Wetter kann tückisch sein: Im März schön warm, die Apfelbäume blühen früh und im April erfrieren dann die Blüten“ – hoffentlich kommt es dieses Jahr nicht so! Meine Begonien blühen wie in Spanien, der Winter war so mild, die haben die kalte Jahreszeit einfach überblüht.
    Schönes Wochenende!
    Dina

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Komisch, meine Antwort scheint verschwunden zu sein, probier ich es doch noch mal: Zwischen Bonn und Horrem wohnen einige Grafens und Barone auf ihren alten Schlössern und Burgen, kann man meist nicht besichtigen. Auch in Türnich ist nur die Hälfte des Parkes öffentlich. Der schöne Schloss auf dem Bild oben steht seit über einem halben Jahrhundert leer, weil es dicke Risse hat, was der Graf für Auswirkungen der Braunkohleabbaus hält. RWE ist natürlich anderer Meinung und die Prozesse ziehen sich hin. Das Schloss wird vom Denkmalschutz nur so weit renoviert, dass es nicht zusammenkracht ….
      Schönen Sonntag, ist ja doch noch die Sonne rausgekommen und das milde Wetter geht weiter! Martin

      Antwort
  3. Karl-Heinz

    Recht interessant was Du da geschrieben hast. Schade, dass dieses gutaussehende Gebaeude/Schloss nicht mehr bewohnbar ist. Ich wusste garnicht, dass es in dieser Gegend so viele Grafen und Barone gibt. Dieses Kulturerbe wird eines Tages vollkommen den Bach runter gehen, weil man die finanziellen Mittel fuer soziale Einrichtungen braucht.
    Uebrigens Sauwetter haben wir jetzt am Wochenende in Nordwest Arkansas. Zuerst kam gestern und waehrend der Nacht stundenlang Regen runter, der sich heute am Sonntag zu Schneeregen verwandelt. Auf jeden Fall bluehen hier keine Obstbaeume, obwohl wir hier suedlicher als Spanien breitengradmaessig wohnen. Hoffentlich haben wir dann im Herbst eine gute Obsternte.
    Liebe Gruesse,
    Karl-Heinz

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Lieber Karl-Heinz, habe dir mal eine kleine Liste von Schlössern und Burgen gemacht, die alle im Umkreis von 10 km von hier stehen. Oft in Privatbesitz, von sehr wohlhabenden Leuten, die alle mal von der Landwirtschaft gelebt haben. Andere waren auch Pleite und mussten verkaufen. Die Geschichte ist ja hier im Westen anders verlaufen als in Schlesien, die alten Besitzer sitzen noch auf ihren Gütern, die meist kleiner waren als in Schlesien, beste Bodenqualität, oft haben sie hier in der Nähe von Köln auch Felder teuer als Bauland verkaufen können. Alle Schlösser und Herrenhäuser sind gut bis sehr gut gepflegt, bis eben auf Türnich wegen des Rechtsstreites. Hier mal ein paar Links: Schloss Frens (http://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Frens), Schloss Schlenderhan (http://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Schlenderhan), Burg Hemmersbach (http://de.wikipedia.org/wiki/Burg_Hemmersbach), Schloss Loersfeld (http://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Loersfeld), Schloss Gracht (http://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Gracht), Burg Kondradsheim (http://de.wikipedia.org/wiki/Burg_Konradsheim), alles, wie gesagt, im Umkreis von 10 km und es gibt noch mehr …
      Hier ist es heute zwar trüb, aber immer noch frühlingshaft, die ersten Kirschbäume fangen an zu blühen – wenn das mal gut geht und nicht im April der große Rückschlag kommt …
      Liebe Grüße Martin

      Antwort

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