Im Gericht

Ein Grundbuchauszug muss her. Kein Problem, bekommt man auf dem Grundbuchamt.

Manchmal hat das Grundbuchamt der Stadt Kerpen sogar geöffnet: Täglich von 8:00 – 12:00 Uhr, donnerstags sogar 1 1/2 Stunden am Nachmittag. Das muss reichen. Abendöffnung? Wozu das, sollen sich die Grundbuchamts-Besucher halt einen halben Tag frei nehmen, wenn sie was wollen.

Weil das Grundbuchamt sich im gleichen Gebäude wie das Amtsgericht Kerpen befindet, muss man erst mal durch die Sicherheitsschleuse, wie am Flughafen, die Schuhe darf ich allerdings anbehalten. Dann ins Zimmer 7, in dem eine Frau sitzt, eine Justizfachangestellte, wie das Schild verrät. Beglaubigt oder unbeglaubigt? fragt sie. Weiß ich nicht. Braucht ein Hauskäufer zur Vorlage beim Notar einen beglaubigten Grundbuchauszug? frage ich. Keine Ahnung, erhalte ich zur Antwort. Gut, diese Frage ist offensichtlich in der Ausbildung und Berufspraxis einer Justizfachangestellten noch nie gestellt worden. Ich entscheide mich für die unbeglaubigte Variante, da sie nur die Hälfte kostet.
Der Computer wird mit den Daten meines Personalausweises gefüttert, schon spuckt der Drucker ein paar Blätter aus. Super, das geht aber schnell, denke ich, und lege meinen 10 € Schein auf den Tisch. Nein, sagt die Frau mit Nachdruck, bei mir können Sie doch nicht bezahlen, Sie müssen zu Zimmer 20 vorne links, dort ist die Kasse. Sie reicht mir ein Din-A4-Blatt, auf dem allerlei steht. Dieses Blatt soll ich an der Kasse vorlegen. Komisch, denke ich, warum kann die Justizfachangestellte kein Geld kassieren, was doch jeder Lehrling in jedem Einzelhandelsgeschäft kann? Ist auch das in der Ausbildung zur Justizfachgestellten nicht vorgekommen?
Ich gehe also zu Zimmer 20, in dem eine Zahlstellenverwaltungs-Mitarbeiterin residiert. Dort kann ich mich allerdings nicht lange aufhalten, weil ich sofort wieder herausgeworfen werde. „Bitte einzeln eintreten!“ hatte an der Tür gestanden. Nun bin ich zwar ohne Begleitperson, also einzeln eingetreten, aber auf dergleichen semantische Feinheiten lässt die Zahlstellenverwaltungs-Mitarbeiterin sich nicht ein. Es ist jemand in dem Raum und bis dieser Mensch seine 10 € bezahlt hat, habe ich vor der Tür zu warten. Diskretion geht der Zahlstelle über alles. Brav gehe ich hinaus und überlege, wieso ich beim Saturn zuschauen darf, wie jemand der Kassiererin 1999 € für eine neue Nikon auf den Tisch legt, hier aber nicht sehen darf, wie 10 € den Besitzer wechseln. Muss was mit der Würde des Gerichts zu tun haben oder der Diskretion des Grundbuchamtes.

Kerpen_amtsgericht
Draußen habe ich Zeit, mir den weiträumigen Innenhof dieses 5stöckigen Gebäudes anzusehen. Feine Architektur hat die Stadt Kerpen sich da geleistet, der Stararchitekt Gottfried Böhm musste es sein, und da der Backsteine und großzügige Raumkonzepte liebt, sind überall fein gemauerte Backsteine und viel Raum. Ziemlich viel Raum für eine Kleinstadt und ziemlich viel teure Handwerksarbeit für eine Kleinstadt, die ständig die Abgaben und Steuern erhöhen muss, weil sie pleite ist. Es scheint viel zu richten zu geben in dieser Kleinstadt, denn das alte Amtsgericht war auch nicht eben klein. Da ist jetzt ein Museum drin, das am Tag von schätzungsweise einem Besucher besucht wird. Aber wer wird denn an der Kultur sparen, nur weil er pleite ist?
Als mir gerade auffällt, dass der schöne Gottfried-Böhm-Bau schon ganz schön heruntergekommen ist, darf ich den Kassenraum betreten. „Zahlen sie bevorzugt unbar!“ steht auf einem Zettel an der Wand. Unbar? Soll ich den Betrag jetzt überweisen und dann noch einmal wiederkommen? Oder kann ich mit der Kreditkarte bezahlen. Kreditkarte? Nein. Hätte ich mir denken können, wir sind ja hier nicht an der Tankstelle, sondern im Gericht, da überweist man oder zahlt bar. Also lege ich mein DIN-A4-Blatt und den Schein in das dafür vorgesehene Fach. Direkt geben kann ich der Mitarbeiterin das Geld nicht, denn sie sitzt hinter einer dicken Panzerglasscheibe, und wenn sie etwas sagt, dann wird mir das per Lautsprecher auf die andere Seite der Panzerglasscheibe übertragen. Mein Gott, denke ich, was mögen hier im Gericht für Gangster verkehren. Selbst die betuliche Kreissparkasse Kerpen hat vor einiger Zeit solche Hochsicherheits-Glasscheiben abgeschafft und durch nichts ersetzt, dabei muss man, wenn man die Kreissparkasse betritt, noch nicht einmal durch eine Sicherheitsschranke!
Die Zahlstellenverwaltungs-Mitarbeiterin tippt fleißig die Daten, die auf meinem DIN-A4-Blatt stehen, in ihren Computer. Irgendwann, da bin ich mir sicher, wird auch die Gerichtszahlstelle mit dem Grundbuchamt vernetzt werden. Irgendwann, aber bis es soweit ist, wird halt abgetippt. Wir haben ja alle genug Zeit. Als sie mit dem Abtippen fertig ist, reicht sie mir drei DIN-A4-Blätter, die ihr Drucker ausgespuckt hat und die sie mit Stempel und Unterschrift versehen hat. Mit diesen gehe ich zurück zu Zimmer sieben, in dem zum Glück niemand ist, denn – es fällt mir erst jetzt auf – auch hier steht an der Türe: Einzeln eintreten!
Ich gebe also die drei Blätter ab, eines darf ich behalten, eine gestempelte und unterschriebene Quittung über 10 €. Sieht ja auch viel schöner aus als dieser kleine Wisch, den man bekommt, wenn man im Media-Markt eine Miele für 1249 € ersteht. Jetzt darf ich meinen Grundbuchauszug nehmen, der die ganze Zeit auf dem Tisch gelegen hatte und das Gebäude verlassen, durch die Ausgangs-Sicherheitsschleuse.

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10 Gedanken zu „Im Gericht

    1. emhaeu Autor

      Ich habe mir meinen Ärger beim Zurückradeln durch den Wald abgestrampelt. Blieb aber ein nicht unerheblicher Rest, der so lange rumorte, bis ich diesen Blogeintrag zu Computer gebracht hatte.

      Antwort
  1. khecke

    Es geht also bei Euch ganz sicher zu. 🙂 Scheinbar sitzen auch genug Leute in den Bueros, die von der Stadt unterhalten werden.
    Wir lerner ueber die Buerokratie fleissig von Deutschland dazu und haben schon maechtig aufgeholt und sind jetzt auch pleite.
    LG Karl-Heinz

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Das Dumme ist: Es werden bei den Städten und der Regierung oft neue Stellen geschaffen – aber nur selten eine Stelle wieder abgeschafft ..
      Wünsche Dir einen schönen Sonntag! Martin

      Antwort
  2. Pagophila

    Buchbinder Wanninger lässt grüßen. Grundbuchangelegenheiten gehören eben zum Prekärsten in diesem Land. Sehr trefflich, sowohl beschrieben als auch ins Bild gesetzt!

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      „Buchbinder Wanninger“ – das musste ich – Bildungslücke – erst mal googeln. Vom großen Karl Valentin. Kann ich nur entschuldigen, diese Bildungslücke, wenn ich darauf Hinweise, dass das Rheinland ja Welten von München entfernt liegt …

      Antwort
      1. Pagophila

        Was sagt uns der Buchbinder Wanninger? Auch wenn Welten zwischen dem von Dir erwähnten Millionendorf und dem Rheinland liegen, so groß scheinen sie nicht zu sein..;-) – Vor und hinter sämtlichen Amtstüren der Republik spielen sich seit Jahr und Tag die ewig gleichen Riten ab…

  3. puzzleblume

    Asterix‘ „Haus das Verrückte macht“, steht also in Kerpen. Scheint sehr speziell zu sein dort und ist hier bei uns im Wendland anders.
    Vielleicht gibt es ja einen Unterschied zwischen pleite und kein Geld?

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      „pleite“ ist in dem Zusammenhang natürlich umgangssprachlich und nicht korrekt. 2008 hatte die Stadt 100 Mio. € Schulden, 2008 Jahr hat die Bürgermeisterin mit einem groß angekündigten Schuldenabbau begonnen. Ergebnis: 2012 129 Mio € Schulden, 2014 laut Haushaltsplan 139 Mio. € Schulden. Das einzig Positive: Es gibt Kleinstädte, die haben noch höhere Schulden.
      Kein Geld, kann man sagen, hat man erst dann, wenn einem niemand mehr weitere Kredite gibt. Insofern hat die Stadt natürlich noch Geld.

      Antwort
  4. Pit

    Lieber Martin,
    wenn es nicht so ernst wäre, wäre es zum Lachen. Es lebe die deutsche Bürokratie. Aber auch hier in den USA gibt es die. Ich sage immer, „Die haben hier in den USA die Bürokratie von den Preußen gelernt … und dann noch ganz erheblich verfeinert.“ 😉 Aber manchmal geht’s hier auch einfacher zu.
    Liebe Grüße aus dem südlichen Texas,
    Pit

    Antwort

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