Hans Hillmann

Hans Hillmann war der älteste Sohn meiner Tante Lene, die in meiner Kindheit in meinem Elternhaus gewohnt hat. Er kam nicht oft zu Besuch, pendelte zwischen seinem Atelier und Frankfurt und der Kunstakademie in Kassel, wo er als Professor tätig war. Bei meiner Tante im Zimmer hing nur ein Bild vom ihm, eine Zirkus-Szene, ein kleines Aquarell.

Die Plakate, mit denen ihr Sohn bekannt geworden ist, waren meiner Tante wahrscheinlich zu modern. Mir haben sie sehr gut gefallen und dieses hat in meinem Zimmer gehangen:

hilmann 1

Er war mit Walter Kirchner befreundet, der die Filme von Godard, Bunuel und Truffaut nach Deutschland gebracht hat. So hat er mir – ohne das wir groß darüber gesprochen hätten – einfach durch seine Plakate den Weg zu den großen Filmen der Zeit gezeigt.

Später habe ich ihn einmal in seinem Atelier in Frankfurt besucht. Er hatte auch eine Wohnung, schlief und lebte aber meist in seinem Atelier in der Innenstadt, weil er wie ein Besessener gearbeitet hat. Damals arbeitete er gerade an den Illustrationen zu dem Buch „Fliegenpapier“ von Dashiell Hammet. Hunderte von Illustrationen, die die Geschichte erzählen – fast ganz ohne den Text. Penible Arbeit, an jeder dieser Aquarelle in Braunschwarz-Tönen hat er ewig gesessen. Hätte er in der Zeit mehr für die FAZ oder die Zeitschrift „Transatlantik“ gearbeitet, er hätte ein Vielfaches verdienen können als mit diesem Buch, das  letztlich in einer kleinen Auflage bei Zweitausendeins erschienen ist, dann als dtv-Taschenbuch, das man heute für 1,50 € bei Amazon bekommt. Aber das war ihm völlig egal.

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Später hat er viel in Südfrankreich gelebt, ich habe ihn nur noch bei der Beerdigung seiner Mutter getroffen.  Doch eine weitere Anregung verdanke ich ihm. Ich erinnere mich, dass ich als Student einmal eine längere Reise durch Süditalien gemacht habe. Er war kurz zuvor auch durch Apulien gereist und ich dachte, ich könne mich mit ihm über die Sehenswürdigkeiten des Landes unterhalten, die Architektur, die Museen. „Ach, weißt du“, sprach der Kunstprofessor, „das interessiert mich alles gar nicht. Wenn ich in eine andere Gegend reise, dann fahre ich da einfach so rum, wenn ich einer fremden Stadt bin, gehe ich ziellos durch die Gegend – da sehe ich mehr, als wenn ich mich nach dem Baedeker richte.“

Daran denke ich noch heute jedesmal, wenn ich auf Reisen bin.  Jetzt ist Hans Hillmann mit 89 Jahren gestorben.

 

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4 Gedanken zu „Hans Hillmann

  1. Susanne Haun

    Es hört sich an, als ob dein Cousin ein erfülltes Leben geführt hat!
    Und er hat seine Gedanken an dich weitergegeben, ist das nicht ein Teil von Unsterblichkeit!
    LG Susanne

    Antwort
  2. Karl-Heinz

    Es tut mir leid zu hoeren, lieber Martin, dass wieder jemand aus Deinem Verwandtenkreis verstorben ist. Aber das ist etwas, woran wir uns mit zunehmenden Alter gewoehnen muessen. Immerhin war Hans Hillmann ein interessanter Mensch und hat Dich beeindruckt. Auf der anderen Seite frage ich mich, warum kommt mir der Name Hillmann so bekannt vor?
    89 Jahre, dann war er nur 9 Jahre aelter als ich.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Lieber Karl-Heinz,

      der Name Hillmann könnte dir bekannt vorkommen, weil meine Tante Lene Hillmann zusammen mit ihrem Mann Bruno Hillmann ja lange Jahre lang das Gut in Nieder Mois geführt haben. Bruno Hillmann war von 1910 bis 1930 der Verwalter des Haeusler-Gutes, so lange, bis mein Vater übernommen hat und die Hillmanns ein eigenes Gut direkt am Stadtrand von Neumarkt gekauft haben. Der jetzt verstorbene Hans Hillmann ist deshalb im Gutshaus Niedermois geboren worden und aufgewachsen. Auch später waren die Hillmanns bei allen Festen und Jagdgesellschaften dabei. — Leider hat es Lene und Bruno Hillmann 1945 böse erwischt. Sie haben zu spät die Flucht ergriffen, sind in Kostenblut zwischen die kämpfenden Fronten geraten … Bruno Hillmann wurde nach Russland abtransportiert und hat nicht einmal den Transport überlebt, Lene Hillmann musste sich mit drei Kindern durchschlagen, während der jetzt verstorbene Sohn Hans, der 1944 von der Schulbank in den Partisanenkrieg in Jugoslawien geschickt worden ist, in Kriegsgefangenschaft geriet. Die ganze Familie hat dann im Westen lange in absoluter Armut gelebt …
      Schönen Sonntag! Martin

      Antwort

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