Selbstaussperrer

Kurz noch bei der Nachbarin das Paket abholen, den leckeren Tarrazu-Kaffe aus Costa-Rica, den es frisch geröstet nur im Internet gibt, dann zurück an die Arbeit: Glashaus-Putzen. In der einen Hand das Paket, in der anderen den Schlüssel, doch leider den falschen. Mit dem Schlüssel komme ich nur in den Garten und in den Anbau, aber nicht ins Haupthaus.

Alle Fenster zu, die Zwischentür auch, Kellerfenster auf, aber vergittert. Man weiß ich schließlich gegen das Eindringen von Unbefugten zu schützen. Leider auch gegen das Eindringen des schlüssellosen Befugten. Keine Chance.

Ich setze mich im Anbau auf das Sofa. Das Haushalts-Portemonnaie habe ich dabei und das Smartphone. In einer Tasche findet sich auch noch der Briefkastenschlüssel, der naturgemäß nicht weiter hilft. Mit dem Smartphone könnte ich meine Mitbewohnerin anrufen, die mit Auto und Haustürschlüssel den ganzen Tag in Sachen Kunst unterwegs sein wird. Tue ich aber nicht, denn den Schlüssel bekomme ich auf diesem Weg nicht, eher eine Strafpredigt oder Mitleid wegen meiner Trotteligkeit oder beides. Bringt nichts, also an die Arbeit.

Das Glashaus wird in strömendem Regen so sauber geputzt, wie es seit mindestens 5 Jahren nicht mehr war. Anschließend ist der Gartenschuppen dran. Dann könnte ich noch die Galerieschienen abmontieren, einen geeigneten Kreuzschlitzschraubenzieher leihe ich vom Nachbarn (dem ich vorsichtshalber nichts von meiner misslichen Lage erzähle), die kurze Leiter steht im Gartenschuppen. Die kurze Leiter erweist sich freilich als zu kurz, die längere befindet sich im mir verschlossenen Keller. Jetzt könnte ich noch ein wenig Unkraut jäten, aber es regnet immer noch. Keine Arbeit mehr, aber man muss ja auch nicht immerzu arbeiten. Ich setze mich mit dem Smartphone aufs Anbau-Sofa. Keine WLAN-Verbindung, schade. Übers Mobilnetz wird das Surfen im Internet für mich als Prepaid-Kunde auf die Dauer arg teuer. Außerdem bekomme ich Hunger.

Drinnen liegt alles bereit für eine leckere Gemüsesuppe. Mir als Selbstaussperrer bleibt als Trost nur das Haushalts-Portemonnaie, die Nähe des ALDI und ein Damenschirm: grün mit gelben Blüten. Derart ausgestattet gehe ich durch den Regen zum Supermarkt und geselle mich zu den anderen Samstagsmittags-Einkaufswilligen. Nach langem Suchen – im ALDI-Markt ist es schön trocken und warm, angenehmer als im ungeheizten Anbau – entscheide ich mich für zwei Brötchen, eine Packung Fleischsalat, eine Liter-Packung ACE-Saft der Geschmacksrichtung Blutorange und ein Edel-Marzipanei mit Ananas, das zum halben Preis gibt, weil das Hasen-und-Eier-Fest ja schon eine Weile zurück liegt.

Erst als ich mit meinen Einkäufen auf dem Sofa sitze, fällt mir ein, dass man zum Verspeisen von Fleischsalat eine Gabel oder wenigstens einen Löffel benötigt. Nochmal den Nachbarn anhauen? Wäre zu peinlich. Am geeignetsten erscheint mir ein uraltes Küchenmesser, das seit Jahren beim Gartenwerkzeug liegt. Genug Wasser zur Reinigung ist ja vorhanden.

Während ich meine geschmacklich und wegen des Messers auch technisch recht schwierige Mahlzeit einnehme, studiere ich die Nährwertangaben auf der Packung und erfahre, dass ich dabei bin, mir eine Portion Fleischsalat mit 1400 Kalorien einzuverleiben. Auf das zweite Brötchen verzichte ich, auf das Ananas-Marzipanei aber nicht, das mich mit seinen 489 Kalorien nahe an die 2000er Marke bringt. Der enorm süße ACE-Saft dürfte mich übere die 2000 gebracht haben, aber ich habe keine Lust zu rechnen, zumal sich draußen etwas Aufregendes tut, es hört nämlich auf zu regnen.

Ich könnte also mit dem Fahrrad die 20 km nach Brühl radeln, dort Mitbewohnerin und Schlüssel treffen, dann das Rad auf die Ladefläche packen und gemeinsam zurück fahren. Natürlich könnte ich statt dessen auch hier warten, aber eine Radtour erscheint mir weniger langweilig.

Horrem, Türnich, Balkhausen, Kierdorf, Köttingen, leichter Gegenwind, tiefe Wolken, aber trocken. In Köttingen kann man eine Abkürzung durch den Wald nehmen, da fährt es sich nicht so gut, weil der Weg sehr nass ist, aber dafür entschädigt der Braunkohlen-Rekultivierungswald, der, seitdem ich vor vielleicht gut 5 Jahren das letzte Mal hier langgeradelt bin, enorm gewachsen ist. Kaum wiederzuerkennen.  Kein Mensch geht bei dem Regenwetter durch den Wald, nur ein Mann mit fünf wild blickenden Huskys. Als ich an einem Teich vorbeikomme, den ich noch nie gesehen habe, wird mir klar, dass nicht der Wald sich so verändert hat, sondern dass ich mich verfahren habe. Zum Glück sind aber die Zeiten von Hänsel und Gretel vorbei, schon deswegen, weil man in diesem Wald nur eine Weile radeln muss, und schon trifft man auf eine der Autobahnen Bundesstraßen. Ich traf auf die B 264, genau die richtige Strasse, leider nicht an der richtigen Stelle. Dafür war jetzt die Orientierung leicht, immer an der B 264 lang Richtung Köln. Leider ein Umweg von ein paar Kilometern. Leider hatte ich das süße Blutorangen-Getränk im Anbau stehen lassen.

Bald treffe ich auf eines dieser Hinweisschilder für Radfahrer, mit denen die Radler nach niederländischem Vorbild zu sog. Knotenpunkten gelotst werden. Richtung Brühl, so wollte es das Hinweisschild, hätte ich wieder in den Wald fahren müssen, was mir zu gefährlich erschien, denn schließlich kannte ich den Radweg längs der B 264 aus meiner Jugend, aus der Zeit, wo ich, um das Fahrgeld für die Bundesbahn zu sparen, manchmal mit dem Rad zum Gymnasium in Brühl geradelt bin.

Alles wohlbekanntes Terrain, ab Brühl-Heide geht es ein paar Kilometer immer bergab nach Brühl-Mitte. Und dort steht, unweit des imposanten Backstein-Gebäudes, das mal das sätdtische Jungen-Gymnasium beherbergt hat, tatsächlich unser Auto und auch die Mitbewohnerin kann ich schon durchs Fenster erspähen, eifrig damit beschäftigt, einem Zeitungsreporter die Feinheiten ihrer an der Wand hängenden Werke zu erklären. Der Schlüssel, mit dem ich mein Rad anschließen will, liegt allerdings auch daheim auf der Treppe.

Advertisements

5 Gedanken zu „Selbstaussperrer

  1. Pit

    Hallo Martin,
    war das an einem Freitag, dem 13.??!!
    Hier bei uns können wir immer rein, vorausgesetzt, wir haben Strom, weil das Garagentor elektrisch geöffnet wird und wir nur die Geheimzahl eintippen müssen.
    Liebe Grüße aus „Fritztown“, und einen schönen Restsonntag,
    Pit

    Antwort
  2. puzzleblume

    Herrlich erzählt und so gut nachempfindbar. Eine solche Schreckensvision ist mir auch einmal passiert, seitdem taste ich beim Verlassen des Hauses stets zuerst die Jacken- oder Jeanstasche ab, um mich zu vergewissern, das der Schlüssel dabei ist, was vielleicht für Beobachter schrullig aussieht, aber beruhigt.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Ja, mache ich auch immer, ich hatte ja sogar einen Schlüssel in der Hand – leider den falschen ….
      LG ins Wendland! Martin

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s