Ein spezielles Umzugsproblem

Was soll ich nur mit dieser Marmor-Tafel machen?

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Die Grabplatte meines Onkels Joachim. Irgendwann Anfang der 90er Jahre war ich in Polen und habe diese Grabplatte auf dem Friedhof entdeckt, sie lag nur wenig entfernt vom weitgehend zerstörten Familiengrab der Haeuslers, überwuchert von Moos und Unkraut. Die nimmst du mit, war mein Gedanke – und schon lag die Platte im Kofferraum, an der Grenze (an der damals ja noch genau kontrolliert wurde) hat niemand etwas gemerkt. Ich wollte die Grabplatte meiner Mutter schenken, die aber gar nicht besonders erfreut war. Hätte ich mir denken können, denn mein Onkel Joachim war nicht nur der ältere Bruder meines Vaters, sondern auch der erste Verlobte meiner Mutter gewesen: Geboren 1898, aufgewachsen mehr bei der Kinderfrau als bei den Eltern, ging nicht in die Dorfschule, sondern bekam zusammen mit seiner Schwester Privatunterrricht. Mit 10 kam er nach Liegnitz ins Internat, das sich Ritterakadamie nannte. Als er 15 war, starb der Vater, kaum 10 Monate später brach der Erste Weltkrieg aus. Nach dem vorgezogenen Abitur kam er an die Front, war lange verschollen, die Familie hielt ihn für tot. Erst lange nach Kriegsende kam er aus der Kriegsgefangenenschaft zurück. Doch es hielt ihn nicht auf dem elterlichen Gut, er weigerte sich zum Entsetzen seiner Mutter, in die Fußstapfen seines verstorbenen Vaters zu treten und studierte Jura. Bestes Examen, Promotion zum Dr. jur. in Jena. Seine erste Anstellung ist beim Notar Oskar Diegner in Marienburg, meinem Großvater, der 5 Töchter hatte. Er sucht sich die mittlere Tochter aus, eine große Verlobung wird gefeiert, die Braut steht trotz ihrer erst 21 Jahre kurz vor dem juristischen Staatsexamen. Doch schon bald wird die Verlobung gelöst, Joachim geht nach Berlin, steigt in eine Anwaltskanzlei ein, die bald aufgelöst wird, da der Senior-Chef als Jude Berufsverbot bekommt. Und weil in Berlin damals viele Juristen Juden waren, werden viele Stellen frei. Joachim ergreift die Gelegenheit und übernimmt eine Notar-Stelle in einer Nebenstraße des Kurfürstendamms. Zum Ärger seiner Mutter und für die damalige Zeit völlig ungewöhnlicherweise heiratet er nicht, sondern lebt mit einer Lebensgefährtin zusammen. Kurzes Glück: Denn schon Ende 1939 muss er mit immerhin 41 Jahren wieder zum Militär. Ein ruhiger Posten in schöner Gegend: Standortverwaltung im besetzten Bordeaux. Irgendwann wird er an die Ostfront verlegt, gerät in die Schlacht um Rschew: Eines von über 1 Million Opfern.

Begraben ist er auf dem Soldatenfriedhof dort, aber meine Großmutter hat diese Marmortafel anfertigen und am Familiengrab anbringen lassen, zeitgemäß „verziert“ mit einem kleinen, aber unübersehbaren Hakenkreuz.

Diese Grabplatte hat im alten Garten gelegen, falsch herum, so dass man die Schrift nicht sehen konnte, und als kleines Tischchen gedient. Ist nie jemand aufgefallen. Aber jetzt will ich sie nicht noch einmal mitschleppten. Ich werde sie einfach liegen lassen, falsch herum natürlich, und die eingemeißelten Worte beherzigen: Ruhe in Frieden!

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13 Gedanken zu „Ein spezielles Umzugsproblem

  1. Susanne Haun

    Danke, Martin, das war eine schöne Geschichte zum beginnenden Abend. Es ist eine gute Frage! Was macht man mit den Grabsteinen. Ich kannte einen Bildhauer, der ist inzwischen auch schon verstorben, der benutzte nicht mehr gewollte oder genutzte Grabsteine für seine Werke. Vielleicht mag auch ein Bildhauer in eurer Gegend die Grabplatte für ein neues Werk benutzen.
    Ich fand euer altes Haus so schön und kann mir immer noch gar nicht vorstellen, dass ihr es verlasst. Habt ihr es schon verkauft?
    Viele Grüße an dich und Roswitha von Susanne

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Liebe Susanne, doch, unser Haus ist schon verkauft, es war sehr schnell weg an junge Leute mit kleinen Kindern, Bekannten von unseren Nachbarn, die auch kleine Kinder haben. So sind wir auch ein wenig unter Druck, denn die Käufer wollen natürlich einziehen, in 14 Tagen muss „besenrein“ übergeben werden. —
      Allmählich wird mir auch was wehmütig zu mute, heute habe ich ein paar Video-Szenen gedreht, um Blumen und Bäume im Garten festzuhalten. Der neue Garten ist deutlich größer, aber ziemlich verwildert. Das neue Haus hat einen großen Vorteil: Endlich wird Roswitha genug Platz für ein vernünftiges Atelier haben …
      Schöne Grüße nach Berlin! Martin

      Antwort
      1. Susanne Haun

        Lieber Martin,
        der Platz für ein Atelier ist natürlich ein sehr starkes Argument. Das verstehe ich sofort.
        Deine Wehmut verstehe ich auch sehr gut, ich erinnere mich, wie wir bei euch im Garten saßen und du uns die Geschichte des Hauses erzähltest!
        Ich mag eure Glasfront so sehr. Habt ihr etwas vergleichbares im neuen Haus?
        Weiter einen reibungslosen Umzug wünscht euch Susanne

  2. khecke

    Hallo Martin,
    das scheint dabei weniger ein Umzugsproblem als eine interessante Geschichte ueber Deinen Onkel Joachim daraus geworden zu sein. Ich lese gerne so etwas an persoenlichen Berichten.

    Uebrigens habe ich jetzt eine E-mail-Verbindung mit Dr. Gisela Friesecke angefangen. Sie ist die Tochter von Prof. Kurt Tackenberg, dessen Vater mal Lehrer in Tschammendorf war. Kurt Tackenberg war mal eng mit meiner Tante Marie-Theres befreundet, die als kleines Maedchen bei Euch die Schokoladenkoepfe abgebissen hat. 🙂

    Dr. Dietmar Scholz, dessen Vater das Nachbargut in Tschammendorf hatte und heute in Isernhagen (bei Hannover) wohnt – er war vor seinem Ruhestand Landesrichter in Niedersachsen gewesen, hat mir gerade geschrieben, dass er jetzt im Juni wieder einmal nach Schlesien reist, um wieder etwas zu organisieren. Er fuehlt sich noch immer stark mit der alten Heimat verbunden. Er kennt diese Gisela Friesecke auch, vielleicht sogar persoenlich, die heute auch schon ueber 80 ist.

    Alles Gute aus dem jetzt sommerlichen Nordwest Arkansas,
    Karl-Heinz
    Gestern hatten wir den Besuch von unserem Sohn mit seiner Familie.

    Antwort
  3. puzzleblume

    Eine solche Grabmallösung für einen eigentlich auf einem Soldatenfriedhof „deponierten“ Großvater habe ich auch hier auf dem Friedhof, allerdings auf dem Familiengrabstein. Dennoch zeigen auch Datum und russischer Sterbeort unmissverständlich, was das kleine Hakenkreuz des Onkels so indezent verdeutlicht.
    Aber den Stein mit einem Teil der anverwandten Familiengeschichte einfach liegen zu lassen, kann ich mir für mich selbst nicht vorstellen, nicht einmal, wenn ich zu der Person keine echte Bindung hätte.
    Wenn jemand ein großes, leicht patiniertes steinernes Element im Garten hat, und sei es nur als Sockel für etwas anderes, gefällt mir das immer sehr. Darum wäre ich erstaunt, gäbe es nicht in den kommenden Jahren der Gartengestaltung im neuen Garten den Moment, wo einer von euch genau diesen Stein vermisst, als Platz für eine Vogeltränke, eine kleine Skulptur oder nur eine Schale …

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Hat mir zu denken gegeben, was du geschrieben hast. Und so lagert die Platte inzwischen hier im Garten, vorläufig gelehnt an unseren Walnussbaum. Da wird sie aber nicht bleiben, denn angestoßen durch meinen Blog-Eintrag hat sich in meiner Familie eine Lösung gefunden.

      Antwort
  4. juergenkuester

    Eine feine Geschichte auch darüber, dass man Teil einer familiären Kette ist und nicht so einfach in der eigenen Existenz vom Himmel fällt.
    LG aus Cres
    Juergen

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Wo Cres ist, habe ich erst Mal gegoogelt …. und wenn es auch dem einen oder anderen nicht passt oder er es (warum auch immer) nicht wahrhaben will: Die Familie, ob noch lebend oder nicht mehr lebend, bildet ein feines und trotzdem starkes Geflecht. LG nach woauchimmer – Martin

      Antwort

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