Gedanken beim Entrosten

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Im Paradies hat es keinen Rost gegeben. Da bin ich mir ganz sicher. Die entsprechenden Passagen des Buches Genesis schweigen sich über diese Frage aus, aber ich bin sicher: Der Rost gehört zu den Strafen, die Gott Eva und Adam auferlegt hat, denn Rostentfernung und der Schweiß des Angesichts gehören unbedingt zusammen. Dabei ist „Schweiß deines Angesichts“ ein purer Euphemismus. Dergleichen können sich nur Schreiber ausdenken, denen beim Ringen um die rechte Formulierung schon mal ein Schweißtropfen auf die Stirn gerät. Tatsächlich geht es beim Anbau, bei der Ernte und der Herstellung des täglichen Brots ebenso wie bei der Rostentfernung nicht ohne den Schweiß der Achselhöhlen, den Schweiß, der den Rücken herabläuft und nicht zuletzt den Fußschweiß ab.

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Im Paradies also gab es keinen Rost. Eisen blieb Eisen, es gab keinen Verfall. Alles gleichförmig, statisch. Deswegen war es Adam ja auch so langweilig, dass Gott ihm eine Gefährtin geben musste. Da war dann Schluss mit der Langeweile. Mit der Dauerharmonie auch. Das steht zwar nicht geschrieben, aber jeder partnerschaftserfahrene Mensch weiß das: Kaum waren Mann und Frau im Paradies, waren nicht nur himmlische Ruhe und Langeweile vorbei, sondern schon da stand das Paradies auf der Kippe. Die Sache mit dem Apfel hätte es gar nicht gebraucht.

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Zurück zum Rost, dem unparadiesischen Eisenverfallsprodukt, das nur teuflischen Ursprungs sein kann, ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Fragt sich nur, was das Gute sein soll, das der Rost schafft.

Manchmal kommen die Antworten auf schwierige Fragen himmlisch-teuflischer Dialektik einfach vorbeigefahren: Diesmal in Gestalt eines Schrotthändlers, dem ich leider keinen Schrott mitgeben konnte, aber einen Teil der Lösung verdanke. Ohne Rost würden Eisen und Stähle ewig halten, die Menge des Schrottes würde gegen Null gehen. Und die armen Schrotthändler? Und die Autoindustrie? Der Schiffbau? Die Farbenhersteller? Branchen, für die der Rost ein wahrer Segen ist.

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Ich bin leider derzeit in einer anderen Branche tätig. Rostentfernung am Terrassengeländer. Mit Feile, Flex mit Schruppscheibe, Flex mit Fächerscheibe, mit dem Hammer. Alles muss runter. „Wenn Sie das machen wollen … “ hat der Schlosser gemeint, der ein Stück des Geländers schweißen sollte, aber nicht wiedergekommen ist. „Wenn Sie das machen wollen“ heißt übersetzt aus der Handwerkersprache in Normdeutsch: „Ganz schön blöd, sich damit rumzuschlagen. Altes Geländer abflexen, ein neues Geländer aus rostfreiem Edelstahl drauf und fertig ist die Sache.“ – Das schöne Geländer! Aus den 30er Jahren! Deutliche Art-Deko-Elemente! „Wenn Sie das machen wollen … „

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Die nächste Schleifscheibe drauf, den Staub von der Schutzbrille gewischt und weiter geht es. Rost ist nicht nur deswegen eine blödes Sache, weil er Eisen in Staub verwandelt, sondern weil er mit Regenwasser auf die neuen Terrassenplatten tropft und diese intensiv und schwer entfernbar in Rostfarbe einfärbt. Farbpigmente, die gar nicht zu den gelblichen Platten passen wollen, die doch laut Hersteller ein mediterranes Flair hier an den Rand des Tagebaus zaubern sollen. Dabei kennt man im Mittelmeerraum schon länger die Vorteile des Rosts und färbt damit die Oliven. Wer es nicht glaubt, kann ja mal den Zusatzstoff E172 googeln. Und wieder hat der alte Goethe es getroffen: Auch für den Oliven-Vermarkter ist der Rost ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

 

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25 Gedanken zu „Gedanken beim Entrosten

  1. juergenkuester

    Lieber Martin!
    Das hast Du wirklich alles wunderbar formuliert: von der Genesis bis zu E172, toll! Und die Bilder sind einfach Klasse.
    Und mir fällt ein: wer rastet, rostet.
    LG Juergen

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Lieber Jürgen, wenn der Spruch mit dem Rasten und dem Rosten stimmt, dann setze ich derzeit keinen Rost an. Aufbauender Gedanke.
      Einen schönen Gruß! Martin

      Antwort
  2. Vera Komnig

    So schön sind diese Rost-Bilder!!
    Gutes Gelingen beim Entrosten wünscht dir Vera ( die noch vor 2 Jahren mit dem Treppengeländer zum Treppenabgang auf gleiche Weise beschäftigt war *lach*)

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Freut mich, von jemand zu hören, der die gleiche Arbeit hinter sich hat. Und man sieht: Ob Rost schön ist, ist nur Frage der Perspektive. So hat es ja verrosteter Stahl längst in alle Museen geschafft, Baumärkte und Gartencenter ziehen nach.

      Antwort
  3. Wolfgang

    Aber ohne Rost: wo bekommt man so schöne Farben und Muster her, die sich auch noch sehr gut auf den Fotos machen? Maler – bildgebende Künstler (Grafiker etc.) – geben sich viel Mühe um ein so schönes Bild wie das letzte zu erschaffen. Und de Natur macht das mit Links – und etwas Luft, etwas Wasser und etwas Eisen 😉 LG Wolfgang

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Eisen, viele Farbschichten, Wasser, eine Feile – so ganz alleine schafft es die Natur nicht. Oder vielleicht doch, in irgendwelchen Gegenden, wo Eisenerz liegt vielleicht. Könnte interessant sein. Einen schönen Gruß! Martin

      Antwort
  4. khecke

    Ich nehme Eletrogeraete die den Rost abschmirgeln und dann kommt Rust-oleum in der gewuenschen Farbe darueber – falls es nicht schon zu weit durchgerostet ist.
    Gruss aus dem sonnigen Arkansas,
    Karl-Heinz

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Ich habe mal nachgeguckt: Rust-Oleum gibt es hier nur als Sprühflasche und nicht zum streichen. Aber ich streiche lieber, sonst muss ich die Terrasse sorgfältig abkleben wegen dem Sprühnebel. Einen schönen Gruß aus dem Schauerwetter! Martin

      Antwort
  5. Sabine

    Wirklich herrlich geschrieben, ich oder besser mein Mann stand vor dem gleichen Problem und hatte tagelang schlechte Laune. Dann hat er sich Rostio Gel (http://www.rostio.de/shop/rostio-gel-1-liter) gekauft, wie er sagt ein Wundermittel. Kann ich nicht beurteilen, nur soweit das unser Geländer wieder wie neu aussieht und er seitdem wieder gute Laune hatte. 🙂

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Das Rostio-Mittel ist sicherlich gut, aber so weit bin ich noch nicht – wie steht es so schön in der Gebrauchanleitung von Rastio: „… losen Rost so gut wie möglich grob mechanisch entfernen (Flex, Drahtbürste, Schmirgelpapier…)“, Ich bin also noch in der grob-mechanischen Phase. — Und danke für die aufmunternde Bemerkung mit der sich wieder einstellenden guten Laune!

      Antwort
  6. Ulli

    wunderbar zusammengefasst, lieber Martin, was der Rost alles ist, Hut ab für deine schweisstreibende Arbeit, um zu erhalten, was zu erhalten ist und … die Fotos sind einfach nur wunderbar, ich liebe Rost auf Bildern, Rost lebt, weil er frisst 😉
    liebe Grüsse
    Ulli

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Liebe Susanne,
      das Tagebuch kenne ich nicht, aber ich lese gerne Twain, deshalb danke für den Tipp!
      Wenn, ja wenn es nicht immer wieder regnen würde, wäre das Geländer schon fertig. Ohne Rost und tiefschwarz!
      Einen schönen Gruß, Martin

      Antwort
      1. Susanne Haun

        Lieber Martin,
        dann wünsche ich dir weiter viel Erfolg beim entrosten. Wie geht es Roswitha? In letzter Zeit ist es sehr still um sie und ich vermisse ihre Fotos, die soviel Humor und Ausdruck haben. Ich verstehe natürlich, dass sie viel mit dem Umzug zu tun hat, aber ich wollte einfach mal schreiben, dass ihre Abwesenheit auffällt 🙂
        Liebe Grüße euchbeiden und viel Spaß beim Einrichten im neuen Haus von Susanne

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