Lobhudelei und wilde Hunde

In den sozialen Netzen im Allgemeinen und bei der Bloggerei im Besonderen, so höre ich, gehe es doch nur um gegenseitige Beweihräucherung, Lobhudelei und Oberflächlichkeit.

Hm. ……………………. Hm.

rechts

Nun denn: Wie steht es mit der Tiefe von Dialog und Austausch zwischen den Bloggern?

Ich will das nicht mit der Bemerkung abtun, dass das Beharren auf tiefsinn eine typisch deutsche Sache, wenn nicht sogar eine typisch deutsche Verirrung ist. Während der Brite sich an die goldene Regel „no politics, no religion“ hält und das Geplauder genießt, graut es dem Deutschen ob der Leichtigkeit, hinter der er sofort Verlogenheit wittert.

Sei’s drum. Der ultimative Tipp zu Sinn und Grenzen der Netiquette stammt meiner Meinung nach schon von Schopenhauer: Höflichkeit ist wie ein Luftkissen: Es mag zwar nichts drin sein, aber sie mildert die Stösse des Lebens.

Das gilt natürlich für den Austausch zwischen Bloggern genau so, wie für den Austausch von Postbriefen und Postkarten gegolten hat, für ein leibhaftiges Aufeinandertreffen erst recht.

links

Kein neues Phänomen also. Erstaunlich nur, wie Menschen ausgerechnet von einem Blogger-Netz einen „tiefen“ Austausch erwarten können. Der echte Dialog, der mit Freunden und Bekannten, mit Verwandten und Partnern nicht gelingt, soll ausgerechnet in der virtuellen Welt glücken? Unglückliche, was habt ihr erhofft?

Gelingende Kommunikation ist immer ein Glücksfall, mit wem und durch welchen Kanal auch immer. Man zeigt in den Netzwerken seine Bilder, veröffentlicht seine Texte. Und dann: Ein paar oder viele Like-Its, ein paar Grüße.

Aber wo ist das denn anders? Schon mal die Dialoge bei der Eröffnung in einer renommierten Galerie mitgehört? Selbst der obligatorische Kunsthistoriker, der auf der Vernissage spricht, spult in der Regel lobende Floskeln ab, verziert mit ein paar kunsthistorischen Versatzstücken, die bei der nächsten Eröffnung wieder zum Einsatz kommen.

Und beim Schreiben? Ich erinnere mich noch genau, als mein erster Artikel in einer Zeitschrift veröffentlicht worden ist. Auflage 20.000 Exemplare. Reaktion: Keine. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Am meisten Leser-Feedback habe ich bekommen, als ich einmal Reiki als einen Kult bezeichnet habe. Da sind die Reiki-Anhänger über mich her gefallen; mit Kult wollten sie nicht zu tun haben.

Foto (1)

Heutzutage gibt es mehr Reaktionen. Man sehe sich nur mal die Online-Kommentare der großen Tageszeitungen an. Bezeichnend, dass keine dieser Zeitungen es sich mehr leisten kann, diese Beiträge ungefiltert zu veröffentlichen. Was passiert, wenn man auf die Netiquette verzichtet, hat der gute alte Nietzsche vorhergesehen: In die freie Höhe willst du, nach Sternen dürstet deine Seele„, lässt er seinen Zarathustra sagen. Aber auch deine schlimmen Triebe dürsten nach Freiheit. Deine wilden Hunde wollen in die Freiheit; sie bellen vor Lust in ihrem Keller, wenn dein Geist alle Gefängnisse zu lösen trachtet.

Fazit: Wenn es mal wieder nur oberflächliches Gelabere und Lobhudelei gibt, liebe Blogger, denkt an die wilden Hunde und grämt euch nicht.

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8 Gedanken zu „Lobhudelei und wilde Hunde

  1. nurmalich

    Selten gelingt es, hier wie im „realen“ Leben, in Unterhaltungen zu einem weiterführenden Austauch der Meinungen zu kommen. Das mag man beklagen oder auch einfach nur akzeptieren. Aber, es gibt immer mal wieder auch Glücksfälle, die die Oberflächlichkeit anderer Dialoge vergessen lassen.
    Ich habe in der ersten Zeit meines bloggerdaseins gemeint, einfach ein „gefällt mir“ anzuklicken sei blöd wenn man dem nicht auch einen Kommentar folgen lässt. Aber von dieser Illusion hat mich die Blog-wirklichkeit schnell „geheilt“.

    Antwort
  2. Ulli

    lieber Martin,
    der Tag begann mit Zarathustra (im Radio) und hört mit ihm auf. Fein! Der Kreis des heutigen Tages schliesst sich mit einem Lächeln, das du durch diesen Artikel auf mein Gesicht gezaubert hast.
    Ja, was erwarte ich denn wirklich? M …. M … na ja, son bisschen mehr Austausch und Gekrittel wäre manchmal schon fein, aber die eine und andere Lobhuddelei streichelt natürlich auch meine eitle Seele. Und die Inspiration fehlt ja nun wirklich nicht, sei es nun beim Wort oder im Bild, was also will ich?
    Bin ich eben auch immer wieder nur ein kleiner Hävelmann und rufe: mehr, ich will mehr … fahre ich doch einfach ans Meer 😉

    danke dir für deins, das hat mir jetzt wirklich richtig gut gefallen und kommt einer kleinen Erlösung gleich … 😉

    herzliche Grüsse
    Ulli

    Antwort
  3. theomix

    Schön beschrieben.
    Lob und nicht Hudelei. ich müsste nicht loben, ich könnte es weglassen. (Vor allem, da du nicht um Zustimmung buhlst.)
    Im Laufe der Jahre mehr und mehr auf die verbindenden, glückenden und treffenden Aussagen abhebe. Und das habe ich vom analogen Leben abgeschaut. Spüre ich, dass mein gegenüber fähig zur Selbstkritik ist, dann taste ich mich gerne vor.
    „Freundlich und entschieden“ ist meine Devise, analog wie virtuell, denn der Ton macht die Musik, und wenn ich ungehobelt bin, kann ich beim gegenüber nicht lande.
    eigentlich ist das oft gesagt worden und müsste bekannt sein. Der Unterschied liegt in der Betroffenheit: wenn mir jemand auf die Füße tritt, muss ich doch länger durchatmen als bei einem Lob.
    Alles nicht so einfach.

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  4. puzzleblume

    Die Illustrationen zum Text, die an Zitronen und Säure erinnern und an Vitamin C wie communication, passen hervorragend. Der Diskussionen von Blog-Verächtern bin ich bereits seit etwa 2004 müde, kaum dass ich zu bloggen begonnen hatte, nachdem ich den überheblichen Verriss des Jean Rémy von Matt gelesen hatte, in dem er Blog zu den „Klowänden des Internet“ erklärt hatte. Keine Ahnung, wo im Web sich jemand herumtreiben muß, um zu einer so einseitigen Sichtweise zu gelangen, in ihrer Weise ebenso scheuklappig wie die Sehnsucht nach dem Privat-Bloggen der ersten Tage, als man nur Leser hatte und las, wo man sich in Beziehung fühlte.
    Vermutlich ist webmensch psychisch nicht gerüstet, sich auch mal lediglich lustvoll als Unterhalter benutzen zu lassen bei gleichzeitiger Einsicht, dass man schon längst selbst User ist, sich selbst gegenüber auch nicht ganz aufrichtig darin.
    Seit sich das Bloggen vielfach zu etwas Magazinähnlichem weiterentwickelt hat, kann von virtuellem Näheerlebnis kaum noch die Rede sein, aber andererseits ist die Chance gestiegen, echte Anregungen und Aha-Erlebnisse aufzupicken bzw. zu verstreuen, ohne erst antichambrieren zu müssen, bevor man es wagen darf, sich bemerkbar zu machen. Vielleicht ist es aber genau das, was fehlt, das Umworbenwerden.

    Antwort
  5. Susanne Haun

    Sehr gut gesprochen, Martin!
    Ich persönlich halte es so, dass ich das Positive gerne schreibe, das Negative weglasse und mich von Bloggern, mit denen ich mich streiten müsste, zurückziehe.
    Es sei denn, ich habe eine Freundschaft zu Ihnen aufgebaut, eine Symphatie. Denn echte Kritik kostet viel Kraft. Und diese Kraft der Auseinandersetzung erhalten Freunde von mir. Freunde, die mich kennen und schätzen und die diese Kritik nicht als Angriff sehen, sondern sie zu würdigen wissen als das, was sie ist: Eine Hilfe über bestimmte Dinge/Eigenschaften, die man selber nicht an sich oder seiner Arbeit gesehen hat, nachzudenken.
    Einen schönen Tag wünscht dir Susanne

    Antwort
  6. Wolfgang

    Lieber Martin.
    Lob erfreut doch jeden Menschen. Ich verteile meine Likes, wenn mich ein Blogeintrag anspricht. Zudem wird die entsprechende Seite auch aufgerufen. Nur Likes im Reader zu verteilen ist mir zuwenig – geht aber schneller. Das ist aber auch schon de einzige Kritik, die ich zu verteilen habe. Wenn die Statistik von Seitenaufrufen und Likes eine Differenz aufweist freuen mich die Likes, aber mehr erfreuen mich sicherlich die Seitenaufrufe (und wenn daraus auch Likes entstehen freut es mich noch mehr). Jeden aufgerufenen Beitrag zu kommentieren ist bei einer Vielzahl von verfolgten Blogs nicht machbar. Deshalb sind die (aktiven) Kommentare meinerseits eher selten. Das ist dann schon eher wie in einer Ehe/Partnerschaft, wo nach einer gewissen Zeit die Aufmerksamkeit etwas nachlässt (leider) und die Routine Einzug hält. Beantwortet wird natürlich jeder Kommentar gerne, ist es doch eine Bestätigung dafür, dass der eigene Blog wahrgenommen wird (jenseits der Likes, die natürlich auch dazugehören).
    Doch nun genug zu diesem Thema von mir. Und wie die ausführlichen Kommentare hier zeigen, aktivieren interessante Themen die Reader-Gemeinschaft sehr wohl. Und die Gedanken die hier zu (virtuellem) Papier gebracht werden sprechen doch für und nicht gegen Blogs.
    Dies meint – verbunden und lieben Grüßen – W 🙂 lfgang

    Antwort
  7. juergenkuester

    Hallo Martin!
    Was spricht gegen Beweihräucherung und Lobhudelei? was gegen Oberflächlichkeit? Nichts!
    Es spricht natürlich auch nichts gegen Tiefsinn, Erkenntnisse, Verstehen, Erweiterung des Bewußtseins und alle die anderen Aspekte, die uns in der Poersönlichkeitsentwicklung voranbringen.
    Beides ist beim Bloggen möglich, so glaube ich.
    Das Bloggen ist vielschichtig angelegt: unterschiedliche Motive, Ausdrucksformen und Zielrichtungen. Man kann sich da wiederfinden, wo man möchte – Eigensteuerung vorausgesetzt.
    Ich like, was mich anspricht – es ist für mich eine Form der Wertschätzung. Ich kommentiere, wenn ich etwas zu sagen habe und wenn ich glaube, dass es mich und das Gegenüber weiterbringt. Und ich versuche höflich zu sein.
    Und wie Du ja weißt, kann die Bloggerei den direkten persönlichen Kontakt nicht ersetzen.
    LG

    Antwort
  8. khecke

    Man wird im Internet mit Infos ueberwaeltigt – man kann nicht alles lesen oder sich alle Video-Clips anschauen, allein schon bei Facebook. Man gibt im besten Fall bekannt, dass man es gelesen hat mit „like“ obwohl es noch nicht einmal gesagt ist ob man es wirklich liked. Man wird dadurch praktisch zur Oberflaechlichkeit veranlasst – und dann auch noch lange Beitraege schreiben?
    Dazu kommt, dass es international ist und alle Welt kann ihre 2 cent dazu geben, will sich dabei nicht unbedingt unbeliebt machen oder von seiner schlechten Seite zeigen, obwohl es trotzdem noch genug Leute gibt, die sich mit anderen Leuten anlegen.
    Gruss aus dem reichlich warmen Nordwest Arkansas, Karl-Heinz

    Antwort

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