Und dahinten beginnt der Tagebau (2)

Oberliblar, 50er Jahre

Das erste Bild gehört eigentlich noch zum vorigen Beitrag; es zeigt mich vor der Flüchtlingsunterkunft in Fischenich, gekleidet in ein seltsames Mäntelchen, aber offenbar nicht unzufrieden.

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Das zweite Bild ist recht unscharf, beide Personen (meine Cousine und ich) sind nicht gut getroffen. So etwas wirft man normalerweise weg. Zum Glück ist das bei diesem Bild nicht geschehen, denn es zeigt nicht nur den dunkelblauen Mercedes 219 (!), mit dem unser reicher Onkel aus dem Münsterland uns besuchen kam – beide Kinder streicheln ehrfürchtig den Mercedes-Stern. Es ist auch die einzige Aufnahme, die ich habe, bei der man im Hintergrund die Türme der Brikettfabrik sieht, die dazu geführt hat, man nicht nur die Wäscheleine vor jeder Benutzung abwischen musste, sondern dass, wie meine Schwester erzählte, auch schon einmal der Pudding, der zum Abkühlen auf das Fensterbrett gestellt wurde, aussah, als sei er mit dunkelbraunem „Puderzucker“ bestreut worden.

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Diese Aufnahme zeigt mich beim Spielen in der „Grube“ – Tagebaue waren ja damals noch nicht von Sicherheitskräften hermetisch abgeriegelt. Man konnte darin rumlaufen, und an einem Sonntag beim Familienspaziergang hat meine Mutter dieses Bild gemacht.IMG_0161

Spielen konnte man auch im „alten Park“ – ein arg vernachlässigter Teil des Parkes von Schloss Gracht. Durch den Park floss der Spürkerbach, den wir Kinder nur „Kaffeebach“ nannten, denn er hatte wegen irgendwelcher Abwässer, die von der Grube dort hineingeleitet wurden, immer eine Farbe wie ein recht starker Milchkaffee. Staudämme bauen und Schiffchen schwimmen lassen konnte man trotzdem. Der Schlosspark war eigentlich in den 50 Jahren sorgfältig gepflegt, wovon sich die Bürger zweimal im Jahr überzeugen konnten, wenn die Grafen Tag der offenen Tür hatten. Aber um den Teil, den wir „Alten Park“ nannten, kümmerte sich niemand. Hier stand das Mausoleum der Grafen Wolff Metternich, damals schon in schlechtem Zustand. Mutige, zu denen ich nicht gehörte, erzählten, sie seien durch ein Loch in die Gruft eingedrungen und hätten dort Skelette herumliegen sehen. – Anfang der 60er ist das Mausoleum übrigens abgerissen worden. Aus dem „Alten Park“ wurde ein Wohngebiet. Denn findige und weitsichtige Leute hatten erkannt, dass Liblar nach dem Ende des Tagebaus und der Brikettproduktion eine bevorzugte Lage mit hohem Freizeitwert werden würde. Die Erwerber der Grundstücke sollten die alten Park-Bäume möglichst erhalten. Nach 10 Jahren allerdings war so gut wie kein Baum mehr übrig.

Aber Liblar wuchs unaufhörlich, und je weiter die Rekultivierung fort schritt, desto höher stiegen die Häuserpreise. Wohnen am Schlosspark, wohnen am Rande des Naturparks Kottenforst-Ville. … Ich vermute, dass viele, die dort heute ihren Hund ausführen, reiten, joggen oder segeln, gar nicht wissen, dass sie sich in einem Naturpark befinden, in dem jeder Quadratmeter ab 1960 künstlich angelegt worden ist.

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8 Gedanken zu „Und dahinten beginnt der Tagebau (2)

  1. khecke

    Wieder ein recht interessanter Bericht aus Deiner Jugend. In den 50iger Jahren hatten wir zumindest die schlimme Nachkriegszeit ueberstanden und es ging wieder aufwaerts, wie das Bild von dem Mercedes Deines „reichen“ Onkels beweist. Anfang der 50iger habe ich bei einem grossen Fordhaendler in Hamburg-Altona meine Ausbildung bekommen und bin daher nur mit Ford-Autos gefahren. 🙂 1957 ging es fuer mich schon nach Amerika.
    Liebe Gruesse aus Nordwest Arkansas, wo wir heute endlich den recht notwendigen Regen bekommen haben.
    Karl-Heinz

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    1. emhaeu Autor

      Den 57er Mercedes hat der Onkel, der als Notar im Westen schnell Fuß gefasst hatte, übrigens noch ewig gefahren. Er hat sich nie ein neues Auto gekauft, am Ende stand das gute Stück fast nur noch in der Garage rum. Weil von diesem Sechszylinder-Sondermodell nicht viele Exemplare gebaut worden sind, hat sich dann jemand gefreut, weil er ein sehr gepflegtes und kaum gefahrenes Modell erwerben konnte. Ich erinnere mich, dass ich meinen Onkel immer gefragt habe, wie schnell sein Mercedes denn fahren kann. „Weiß ich nicht“, hat er immer gesagt, „ich fahre lieber langsam“.

      Antwort
  2. puzzleblume

    Wie gut, dass man damals nicht nur Perfektion zum Mass genommen hat, um Fotos aufzubewahren. Dazu war Fotografieren viel zu selten. Hast du gesehen, was Susanne Haun mit alten Fotos macht? Mit den typischen Kleidungsstücken der Zeit, die einfallsreich, aber doch so offensichtlich aus anderem gezaubert wurden (das kenne ich auch noch) tragen solche persönlichen Bilder auch Identifikations- und Erinnerungsmöglichkeiten in sich.

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    1. emhaeu Autor

      Was die Kleidung betrifft: Wenn ich mich so an mein diesbezügliches Gefühl in der Kindheit erinnere, so hatte ich bei den „gezauberten“ Sachen oft den Eindruck, irgendwie falsch angezogen zu sein; vielleicht merkt man als Kind, wenn die Leute komisch gucken …
      Susanne Hauns Sachen habe ich gesehen. Finde ich interessant.

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      1. puzzleblume

        Als Landkind am Ostrand der Lüneburger Heide in insgesamt nicht gerade wohlhabender Umgebung hatte ich eher den Eindruck, gerade das „Gezauberte“ und das „Auftragen“ war normal, bis in die Sechziger hinein sogar noch.

    1. emhaeu Autor

      Na ja, kann sein. Als Kind (nur als Junge?) will man aber weniger nach einer Mode gekleidet sein, sondern so wie die anderen. So war es jedenfalls bei mir ..

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  3. Susanne Haun

    Ich denke, dass damals keine Fotos weggeschmiessen wurden. Dafür waren sie, wie auch schon puzzleblume schrieb, zu wertvoll. Heute, wo in der Minute mehr Fotos entstehen als früher in einem ganzen Leben, ist es etwas anderes. Der Wert des einzelnen Fotos ist gesunken.Es klingelt an meiner Tür ….

    Antwort

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