Und dahinten beginnt der Tagebau (3)

Ab 1981: Horrem/Tagebau Frechen

Fünf Jahre Köln, danach zogen wir nach Horrem. Ein Grund war, dass ich keine Lust mehr hatte, mich täglich mit den Staus auf dem Kölner Autobahnring herumzuschlagen und so nah an meiner Arbeitsstelle wohnen wollte, dass ich mit dem Rad fahren konnte.

Deshalb kauften wir dieses Haus:

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Ein Objekt, das, wie sich bald zeigte, viel Arbeit und Zeit, Geld und Schweiß schluckte. Aber wir hatten einen Garten ….
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… und ich konnte zur Arbeit radeln, 3,8 km Radweg durchs Naturschutzgebiet. 150 m Richtung Westen begannen die Felder, dahinter der Wald. Richtung Süden allerdings lag in 300 m Entfernung die Autobahn, die rund um die Uhr viel befahrene A4. Der Makler hatte uns versichert, ein Lärmschutzwall sei im Bau. War etwas übertrieben, es sollte gut 20 Jahre dauern, bis das Ding fertig war – und genutzt hat es nicht viel. Hinter der Autobahn, in knapp 500 m Entfernung, begann das, wie wir sagten, „tiefe Loch“: Der Tagebau Frechen.

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Dieser Tagebau hatte in der Entscheidung für oder gegen Horrem nicht die geringste Rolle gespielt. Er hat die Horremer, wenn ich das richtig sehe, gar nicht interessiert. Er war einfach da. Nicht weiter wichtig, was man auch daran sieht, dass ich nur zwei Bilder gefunden habe, von denen das eine seine Existenz der Tatsache verdankt, dass der 1990 gerade frisch angeschaffte Hund darauf zu sehen ist:
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Dabei war das „tiefe Loch“ schon eine Sehenswürdigkeit, es handelte sich nämlich um den ersten Großtagebau dieser Art überhaupt, über 250 m tief, drei Orte sind komplett umgesiedelt worden, drei weitere zu einem Teil. Wenn ich jetzt schreibe, dass ich diesen Großtagebau in unmittelbarer Nähe überhaupt nicht wahrgenommen hätte, wäre ich nicht ab und zu mit Hund oder Rad in die Richtung gefahren, wird das vermutlich niemand glauben. Aber hören konnte man von den gigantischen Baggern, den Laufbändern und Kohlezügen nichts, weil sich das Ganze ja tief im Loch abgespielt hat und außerdem die Autobahn immer lauter gewesen ist. An Staubwolken oder dergleichen kann ich mich auch nicht erinnern, nur wenn starker Südwind war, lag schon mal eine feine Staubschicht auf dem Auto – das war allerdings feiner Sand aus der Sahara.

Und die Grundwasserabsenkung um mehrere 100 Meter? Ach, in der Frage war mein Vater in seiner Tätigkeit als landwirtschaftlicher Sachverständiger und Gutachter Spezialist. Er hatte viele Fälle von Bauern zu bearbeiten, die behaupteten, wegen der Grundwasserabsenkung hätten sich ihre Ernten verschlechtert. Die Leute haben keine Ahnung, was Grundwasser überhaupt ist und wie der Feuchtigkeitshaushalt der Pflanzen sich reguliert, sagte mein Vater immer. Wenn es in der Erftaue rund um Horrem trockener geworden ist, so liegt das mit Sicherheit vor allem daran, dass die Erft begradigt worden ist, überall Maßnahmen gegen Hochwasser getroffen worden sind und die sumpfigen Wiesen trocken gelegt worden sind.

Dass es in 5 km Entfernung von Horrem erst zwei, dann nur noch eine Brikettfabrik gegeben hat, die heute noch Kohlen für die Industrie herstellt, war mir ehrlich gesagt völlig unbekannt. Das habe ich erst bei den Recherchen zu diesem Blogeintrag gemerkt. Heutzutage spucken solche Fabriken halt keine Staub- und Dreckwolken mehr aus.

Nur eins lasse ich mir nicht ausreden: Dass in Horrem mehr Wolken sind als anderswo. Mit Frimmersdorf, Neurath und Niederaußem liegen nämlich direkt drei der größten Braunkohle-Kraftwerke überhaupt in 10, 15 bzw. 18 km Entfernung – alle in nordwestlicher Richtung. Und je nach Wetterlage produzieren die Kühltürme Massen an Wasserdampf. Guck, dahinter in den Fabriken werden die Wolken produziert, habe ich manchmal gesagt:

Kraftwerk Niederaußem - Bild dpa

Kraftwerk Niederaußem – Bild dpa

Der Tagebau Frechen ist längst rekultiviert. Wie Millionen von Bäumen gepflanzt worden, Felder angelegt, Hecken, Wasserläufe und Wege angelegt worden sind, habe ich aus der Nähe beobachten können. Wie schnell dort eine landschaftliche schöne und ökologisch durchdachte Fläche aus Wald und Feldern entstanden ist, glaubt niemand, der es nicht miterlebt hat. Das einzige, was dort die Natur stört, sind Erholung suchende Menschen: Weiteres auf den Seiten der NABU: http://www.nabu-rhein-rft.de/6%20projekte/boisdorfersee14.html

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2 Gedanken zu „Und dahinten beginnt der Tagebau (3)

  1. puzzleblume

    Sehr interessant, wieder. Passt in Sachen Zeitraumkürze von Renaturierung zu den Informationen, die mir unter meinen Eintrag zu den Pferdeweiden von der Ohrdruffer Platte in Thüringen kommentiert wurden: auch da ist ein Zeitraum von nur 10 Jahren an der Landschaft als etwas viel älter Scheinendes abzulesen.

    Zum – ich sag mal boshaft „Gejammer“ – menschenkritischen Artikel des NaBU fällt mir nichts Freundliches ein, obwohl ich den Sinn des Vereins eigentlich unterstützen würde. Nur peilen sie direkt am Leben vorbei, zu dem auch das menschliche Bedürfnis nach unvergärtnerter und nicht rasengemähter Umgebung gehört. Man kann nicht einen entvölkerten Landstrich wiederbeleben, den normalen Menschen aussperren und nur die mit dem richtigen Bapperl am Jackenaufschlag dort spielen lassen.
    Abgesehen davon, dass der Verein hier gerade eine Art Drückerkolonne von Haustür zu Haustür schickt, dessen Fußvolk so wenig über die regionale Natur wisweiß, dass es das Anliegen Naturschutz zum Spendensammlerhaufen diskreditiert.

    Antwort
  2. emhaeu Autor

    Zu der NABU kann ich nicht viel sagen, hier fällt sie nicht auf. Ich habe den Artikel zur NABU-Seite nur verlinkt, weil darin schön aufgezählt wird, was für seltene Tierlein sich in dem rekulivierten Gebiet herumtreiben …

    Antwort

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