Bergesstille

Leute, die uns besuchen kommen, oder Wanderer, die den Berg hinaufkeuchen, sagen regelmäßig: „Herrlich, diese Stille hier!“

Das Nachbartal - in der Ferne, im Nebel, der Ort Cangas de Onis

Das Nachbartal – in der Ferne, im Nebel, der Ort Cangas de Onis

Stille? Lautstärke ist eine Größe, die sich schlecht messen und damit objektivieren lässt; ein entsprechendes Gerät besitze ich nicht, nur meine Ohren – und die hören einiges: den Wind, der nicht selten durch die Eschen und Haselsträucher fegt, das Krächzen der Krähen, Hubschrauber auf Rundflug, schön tief, Flugzeuge der vielbeflogenen Linie Madrid/Paris/London, zum Glück weit oben, Bauern, die mit ihren Traktoren die Berge heraufholpern, Kettensägen, Mähmaschinen und natürlich die Kuhglocken.

Wer nun milde lächelt und einwendet, das bisschen Gebimmel könne doch nicht stören, der hat noch nie in einem Raum geschlafen, der an eine Wiese grenzt, auf der eine Herde Kühe die ganze Nacht lang frisst und frisst und frisst und bimmelt und bimmelt und bimmelt. –

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Unsere Wiese, wer genau hinsieht, findet die Liegestühle

Leise ist es nie, und wenn nur die Bienen summen und die Grillen zirpen. Trotzdem strahlt die Bergwelt Ruhe aus. Die Berge stehen unerschütterlich, die Bäume ändern sich so langsam, dass der Mensch es nicht wahrnimmt. Auch die Kühe scheinen alle Zeit der Welt zu haben. Kauen, fressen, gucken, gehen – alles vollzieht sich wie in Zeitlupe. Und die wie vielte Generation Geier mag da oben in der Luft kreisen? Sie sehen alle gleich aus, fliegen alle ähnliche Runden, spähen nach etwas Essbarem und verschwinden wieder. Und wieder von vorne. Wolken quellen aus dem Nichts auf, verschwinden wieder oder ballen sich zu einem Schauer. Die Kühe fressen weiter, vom Apfelbaum lösen sich drei Blätter und segeln auf die Wiese. Aha, der Herbst kommt, wie er schon viele tausend Male gekommen ist.

Es waren schon Besucher bei uns, die konnten die Ruhe nicht aushalten. Sie haben sich alles ein Mal angeguckt, aha, so sieht es hier aus. Dann sind sie abgezogen. Herrlich, diese Stille, sagen sie, aber es gibt so viele Sehenswürdigkeiten in Asturien, nicht wahr? Ihr Auto verschwindet hinter der Kurve, bald hört man den Motor nicht mehr. Ich nehme den Rechen und kehre Laub zusammen. Das hat zwar keinen Sinn, aber irgendetwas muss man ja tun …

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Bei Regen und Wind mitten in der Wolke

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11 Gedanken zu „Bergesstille

      1. Pagophila

        Und ich dachte, Ihr wärt die ganze Zeit in den Liegestühlen rumgeflackt und hättet den Kühen beim Kauen, Fressen, Gucken, Gehen zugeschaut..;-)

    1. emhaeu Autor

      Um den Ausblick zu haben, der auf dem ersten Bild ist, muss man allerdings erst 200 m höher auf eine Passhöhe raufschnaufen. Aber von weiter unten ist der Blick auch schon fein.

      Antwort
  1. Pit

    Hallo Martin
    schoen ist es da bei Euch. Ich denke, ich koennte es aushalten – auch die Stille. Nun ja, ganz still ist es ja eben doch nicht. Hier machen die Zikaden uebrigens ein solches Geschrei, dass man sie eigentlich wegen ruhestoerenden Laerms anzeigen muesste. Und wie ruhestoerend auch Naturlaute sein koennen, haben wir festgestellt, als wir vor Jahren hier in einem Ferienhaeuschen waren, auf 160,000 Quadratmeter fuer uns alleine, nur it Ziegen, Schafen und Eseln. Wenn die morgens frueh vorbeikamen, war’s mit Schlafen aus. Aber erholt haben wir uns da trotzdem praechtig.
    Habt einen schoenen Tag, und hoffentlich sehen wir uns bald – wenn nicht die Piloten und Lokfuehrer wieder Unsinn machen.
    Pit

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Hallo Pit,
      na dann kennst du ja die natürlichen Naturgeräusche …
      und hoffentlich klappt es mit Deinem Heimatbesuch und unserem Treffen!
      Martin

      Antwort
  2. juergenkuester

    Liebere Martin,
    Ich stelle mir vor, dass man in solch einer Ruhe und Stille auf sich selbst zurückgeworfen wird. Und dass das Unscheinbare, das Langsame in der Genauen Beobachtung seinen besonderen Reiz entwickelt. Mir würde dies auch gefallen.
    LG, bis bald
    Juergen

    Antwort
  3. emhaeu Autor

    Lieber Jürgen, da ist was dran, aber – wie ich angedeutet habe mit dem Zusammenrechen der Blätter – gerade das Langsame, Unscheinbare zu beobachten und auf sich wirken zu lassen, ist nicht einfach. Ich muss dann immer los und irgendwas rumbrasseln …
    Schon wieder in niederrheinischen Gefilden angelangt?
    Einen schönen Gruß! Martin

    Antwort
  4. tikerscherk

    Der Ausblick ist wunderbar, und diese Art der Stille, die Du hier beschreibst, erscheint mir auch geradezu paradiesisch.
    Zirpen, summen, der Wind. Das Leben in Zeitlupe.
    Das weckt eine große Sehnsucht in mir. Schön.

    Antwort

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