Brandstifter (Asturische Lernprozesse 3)

Waldbrände, ganze Landstriche verwüstet, verkohlt. Vermutliche Ursache: Brandstiftung. Oft, wenn ich dergleichen in den Nachrichten gesehen habe, habe ich gedacht: Was müssen das für Typen sein, die irgendeine Befriedigung darin finden, Feuer zu legen und Flora und Faune zu zerstören. Psychisch Gestörte, gewiss.
Jetzt kenne ich mehrere Brandstifter, einen sogar recht gut, und ich kann versichern: Psychisch gestört ist er nicht, nicht einmal Spaß mach ihm das Feuerlegen.

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Da kommen die Feuer schon nahe an unsere Wiese heran

Die Feuer sind nötig, so sagt er, um die Bergweiden zu „reinigen“ – limpiar, genau das gleiche Wort, das für das Saubermachen in der Küche verwendet. Was weg muss, nennt er folglich porquería – Dreck, Sauerei. Die „Sauerei“ besteht vor allem in Stechginster, Brombeergestrüpp und Farn, oft in inniger Symbiose wachsend, so dass das Gras keine Chance hat. Man stelle sich das, was da auf den weiten Hängen gedeiht, nicht zu mickrig vor. Der Farn wird so hoch, dass die Kühe darin versinken, der Stechginster bildet mehr als mannshohe Büsche. Man spricht oft von der drohenden „Verbuschung“, ein Wort, das suggeriert, es würden da nur Büsche wachsen. Aber weil das Ganze, garniert mit Brombeerranken, eine stachlige Angelegenheit ist, an der weder Kühe noch Pferde, nicht einmal die hartgesottenen Bergziegen knabbern, können sich mitten im Gestrüpp Bäume entwickeln. Eschen, Ahorn, Eichen, Haselnuss, Esskastanie. Ungeschützt haben die Bäume keine Chance, dafür schmecken die jungen Triebe zu gut. Einfach wachsen lassen wäre also ein Wiederaufforstungsprogramm, mit dem die weithin kahlen Hügel und Berge Nordspaniens wieder bewaldet werden könnten. Der Begriff „Verbuschung“ ist einfach falsch, worum es wirklich geht, kann man sich etwa hier ansehen (ahttp://www.thueringen.de/imperia/md/content/thueringenagrar/zahlstelle/2010/mb_buschfl.pdf).

"saubere" Wiese

„Saubere“ Wiese

Der brandstiftende Viehzüchter hält die Wiederbewaldung für keine gute Idee. Denn kaum ist die Fläche abgebrannt, sprießt aus der Asche das beste Gras. Zum Glück oder – je nach Standpunkt – leider treiben Stechginster, Farn und Brombeeren aus den Wurzeln wieder aus. Nach 3 – 4 Jahr muss wieder jemand ran, der die Flächen in Brand steckt.

Diese Art von Brandstiftung, das habe ich im Laufe der Jahre gelernt, gehört zu den aussterbenden Kunstfertigkeiten. Nur die Alten machen es noch, nur die Alten wissen, an welchen Stellen man bei welcher Wetterlage in welcher Jahreszeit und bei welcher Windrichtung Feuer legen muss. Schließlich – das ist der Stolz des Brandstifters – soll der Hang ordentlich abbrennen, und zwar nur ein Hang, nicht der ganze Landstrich.

Feuer hoch oben auf der "Alm"

Feuer hoch oben auf der „Alm“

Neuerdings kommt noch etwas dazu, was die Kunst des Abbrennens enorm erschwert: Die Feuerwehr. Das beste Gegenmittel sind Nacht und Nebel, dann steigen die Hubschrauber der Brandwacht nicht auf. Mit Feuerwehrautos kommt man im Gelände nicht weit.

An wolkenlosen Tagen zeigt die fliegende Feuerwehr schon mal, was sie kann. Dann löschen sie spektakulär mit aus der Luft abgeworfenen Wasserbomben einen Brand. Aber irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass die Feuerwehrleute Söhne von Viehzüchtern sind, die oft beide Augen zudrücken.

Wie anders soll es auch gehen? Wenn man die sowieso nur durch Subventionen am Leben erhaltene Tierzucht in den Bergen will, dann muss man dafür sorgen, dass die Bergwiesen „sauber“ bleiben. Wo werden die Tiere schon so artgerecht gehalten wie auf den riesigen asturischen Sommerweiden, wo sie von April bis November (die Pferde ganzjährig) frei herumlaufen, ohne einen Stall und anderes Futter zu sehen als Gras? Da das Halten von Kühen in den Bergen eine ungeheure Plackerei darstellt, die die wenigen jungen Männer scheuen, wird die Zahl der glücklichen Bergkühe sowieso dramatisch abnehmen. Schon jetzt ist zu beobachten, dass es in den Supermärkten in Asturien immer mehr holländische Milchprodukte und Käse gibt. Ist halt billiger, wie die Holländer es machen.

Sehr "saubere" Wiese

Sehr „saubere“ Wiese

 

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13 Gedanken zu „Brandstifter (Asturische Lernprozesse 3)

  1. puzzleblume

    Nachvollzieh- und einsehbar erklärt, aber das Naturliebhaberherz leidet eben doch, vor allem, wenn man es sich detailliert vorstellt, was dabei alles an Kleingetier vernichtet wird.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Ich bin da auch völlig unsicher, was ich davon halten soll. Zum Glück bin ich nicht der Prinz von Asturien und muss keine Entscheidungen treffen 😉

      Antwort
      1. Pit

        Ich bin da sehr fatalistisch: wo auch immer der Mensch lebt, greift er schaedigend in die Natur ein, und das wird erst aufhoeren, wenn die Natur so weit vernichtet ist, dass auch der Mensch nicht mehr ueberleben kann.

      2. emhaeu Autor

        Aber in Asturien schaffen es die Bauern trotz Bränden nicht, die Verbuschung aufzuhalten: Nach 4 Jahren spätestens ist alles wieder da!

      3. Pit

        Fast wie Mesquitebüsche/-bäume in Texas. Die Biester kommen auch immer wieder. Und vor Allem: die Bäume sehen ja noch ganz gut aus, aber wenn man sie beschneidet, werden wilde Büsche draus.
        Bis bald, und macht’s gut,
        Pit

  2. Susanne Haun

    In alten Traditionen steckt oft sehr viel Weisheit. Ich hätte Angst, dass das Feuer außer Kontrolle gerät.
    Danke für die Erklärung und einen schönen Wochenbeginn von Susanne

    Antwort
  3. khecke

    Auch in Arkansas wird sogar von der Forstverwanltung zur rechten Zeit Braende erzeugt – aus fast dem gleichen Grund. Aber hier hat die Forstverwaltung ihre eigene Feuerwehr, die alles unter Kontrolle haelt.
    Ja, es wuerde nicht viele Jahre benoetigen und die Landschaft wuerde sich wieder selber bewalden. Das stelle ich sogar auf unserem Grundstueck fest.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Auf dem eigenen Grundstück hat man das auch nicht immer so gerne – wir haben heute wieder einen großen Berg Grünzeugs hier am neuen Haus abgeschnitten und gebündelt …
      Einen schönen Gruß!

      Martin

      Antwort
  4. wiycc

    Ich bin da ja auch zwiegespalten, auf der anderen Seite, wenn sie das nicht anstecken würden, wären irgendwann riesige Weideflächen von Gestrüpp verschluckt.
    Da fällt mir ein, als ich Kind war, haben die Bauern hier auch hin und wieder eine Wiese abgefackelt; bestimmt ist die Asche sowas wie ein natürlicher Dünger.

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