Asturische Almwirtschaft

Im Morgengrauen, wenn Urlauber wie ich aus dem Fenster blicken, um befriedigt festzustellen, dass es erstens wieder einen sonnigen Tag geben wird und es zweitens keinen Grund gibt, das Bett schon jetzt zu verlassen, steigen zwei, manchmal auch drei Männer aus ihrem Auto, das sie vor dem Wendehammer in La Molina geparkt haben. Dort endet die Straße. Ein oder zwei Hunde springen noch aus dem Auto, wedeln mit dem Schwanz, weil sie sich auf einen Spaziergang freuen. Die dummen Viecher wissen nicht, dass es nicht darum geht, “Gassi” zu gehen, sondern dass sie zum Arbeitseinsatz mitgenommen werden und dass 800 Meter Höhenunterschied auf sie warten.

Das folgende Video stammt aus dem Netz, keine besonders gute Qualität, aber es zeigt ganz gut, wie der Weg nach oben aussieht:

In der Frühe ist es noch angenehm kühl. Zuerst geht es ein wenig am Rio Casano entlang, dann steil bergauf, immer bergauf. Bald ist die letzte Baumgruppe erreicht, danach ist Schatten Mangelware. Doch bis die Sonne hinter den Bergen aufgeht, sind Männer und Hunde schon so hoch, dass sie in der Ferne das Meer sehen können, oft genug aber auch nur Nebelbänke.

Der Weg ist eng, in schlechtem Zustand. Das erste Fünftel konnte man früher mit Ochsengespannen befahren, aber wiel sich schon lange niemand mehr um den Zustand kümmert, kommt man inzwischen nicht einmal mit einem Traktor hier herauf.

Nach drei Stunden Anstieg ist der “Puerto” erreicht; eine mit Gras überwachsene, relativ ebene weite Fläche in über 1000 Metern Höhe, die als Sommerweide dient, eine Alm, würde man bei uns sagen. Zum Zeichen, dass sie oben angekommen sind, zünden die Männer ein paar Grasbüschel oder Stechginsterbüsche an. Heute hat zwar jeder sein Handy in der Tasche, aber das mit dem Rauchzeichen ist Tradition.

Auf dem Puerto verbringen mehrere 100 Kühe aus den umliegenden Dörfern den Sommer, laufen frei herum, fressen nichts als Gras, vermischen und vermehren sich. Und wenn die Kühe im Oktober heruntergetrieben werden, haben die Kälber fast noch nie einen Menschen gesehen.

Früher war das anders. Da lebten den Sommer eine ganze Menge Menschen auf der Alm. Etwa 30 Hütten sind noch zu sehen.Die Leute kümmerten sich um die Kühe, molken sie mit der Hand und stellten den begehrten Bergkäse her, den die jungen Burschen aus den Dörfern dann auf dem Rücken ins Tal schleppten. 40 – 50 Jahre ist das her.

Man stelle sich das Leben oben auf dem Berg nicht zu romantisch vor. Nicht einmal die gute Aussicht hat man sicher. Denn wenn unten am Strand die Urlauber im Sand liegen und zueinander sagen: “Herrliches Wetter, nur oben in den Bergen ein paar Wolken” – dann stecken Kühe und Almbewohner in dichtem Nebel, dann steigt auch im Hochsommer das Thermometer tagelang nicht über 10 oder 12 Grad. Der letzte, der dort oben den Sommer verbracht hat, Pancho aus La Molina, hat 2002 aufgehört. Ich habe noch gesehen, wie alle paar Tage sein Sohn mit einem schwarzen Hengst den Berg hinauf stieg, in den Packtaschen Verpflegung für den Vater. Ein strammer Bursch, der oftmals mit nacktem Oberkörper in schier unglaublicher Geschwindigkeit bergan stürmte. Der Schwarm aller Frauen? Ach, er verliebte sich, so erzählt man, in eine Prostituierte, die seine Spendierfreudigkeit mit allerlei Versprechungen beflügelte. Als er kein Geld mehr hatte und die Geliebte ihn abwies, hängte er sich auf. Vater Pancho gab die Almwirtscahft auf und züchtet seitdem im Tal Esel und Ziegen. Der schwarze Hangst hat noch lange auf seiner Wiese gestanden und sein Gnadengras gefressen.

Heutzutage geht nur noch alle zwei Tage jemand rauf zum Puerto, um nach dem Rechten zu gehen. Ab und zu stürzt eine Kuh ab, dann freuen sich die Geier. Mitte Oktober müssen alle Kühe runter zur obligatorischen Impfung. Und weil der Amtsveterinär – neuerdings eine Amtsveterinärin – nur an Stellen impft, die sie mit ihrem Geländewagen erreichen kann, müssen die Kühe halt ins Dorf, auch wenn es in guten Jahren oben noch genug zu fressen gibt.

Der eigentliche Abtrieb geht recht flott voran, schließlich sind die Kühe der Berge gewöhnt und entsprechend geländegängig. Zuerst aber muss man in dem weiten Gelände seine eigenen Kühe finden und zu einer Herde von etwa 20 – 30 Tieren zusammentreiben; eine Tätigkeit, bei der die Hunde zum Einsatz kommen. Zuerst trotten die Kühe brav los, aber bald sehen sie nicht ein, weshalb sie weiter gehen sollen und bleiben überall stehen, wo es nach Gras riecht. Andere schlagen sich schnell seitwärts in die Büsche, worauf Hunde und Menschen mit lautem Geschrei und Gebelle herumrennen. Das ständige Geschrei scheint überhaupt sehr wichtig zu sein, offenbar hören Kühe nicht gut. Zu wild darf man sie aber auch nicht mit Stockschlägen traktieren, dann gerät die Herde in Panik und stürzt sich im Galopp den steilen Hang hinunter.

Nach etwa vier Stunden – die Sonne brennt inzwischen ordentlich vom Himmel – ist es geschafft. Die Kühe werden an die Tränke geführt, dann auf irgendeine Wiese im Tal getrieben. Anschließend gehen auch die Menschen dazu über, Nahrungsmittel- und Flüssigkeitsmangel auszugleichen – letzteres gerne in La Rampa, der Bar des Ortes.

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2 Gedanken zu „Asturische Almwirtschaft

  1. Susanne Haun

    Guten Morgen, Martin,
    was für eine traurig schöne Geschichte vom Vater, dem hübschen Sohn und seiner Geliebten. Sie hört sich an wie aus einem Roman von Marquez.
    Bevor die regelmäßig über Asturien schriebst, wusste ich noch nicht mal genau, wo besagtes Land liegt. Danke, dass du uns von dem kleinen Landstrich erzählst.
    Ein schönes WE von Susanne

    Antwort

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