Springwurzel, Schatzgräber und Trickbetrüger

springwurzel

Nach langer Zeit mal wieder ein Buch gelesen. Das Buch selbst – eine 1954 erschienene Geschichte des Dorfes Liblar – ist nur für Liblarer interessant. Aber eine Stelle hat mich beschäftigt. Im Strafbuch des Schöffengerichtes Liblar findet sich unter dem Datum 7. April 1729 folgender Eintrag:

Der beim Wirt Honecker zu Liblar festgenommene Joh. Berlinger aus Hillesheim in der Eifel – ein Wundarzt und auch durch Beschauung des Urins der Patienten wohl erfahren – besitzt ein Schreiben, worin von einer Springwurzel die Rede ist. Damit könne man alle Schlösser aufspringen lassen, dies bei einer Garantie von 1000 Reichstalern.

Ein Schäfer aus dem Bergischen hat von der Springwurzel eine Blume am Hute. Ein seltsamer Geist habe diesem Mann bedeutet, er solle die Wurzel an ein gewisses Türschloss halten, dann werde sich das Gelass öffnen und ihm so viel Geld an die Hand geben, wie er wolle. Dies habe er auch getan, jedoch beim Hinausgehen seinen Hut und einen Absatz vom Schuh zurück gelassen. Der Geist gehe heute noch an diesem Orte um und rufe: Springwurzel, Springwurzel!

Da ein reicher Mann aus Köln viel Geld dafür geboten habe, habe der Medicus oder Heilkünstler nach der Wurzel in Steffeln gefragt, dort auch viele Leute aus fremden Landen, sogar aus Indien angetroffen, andere seien auf der Reise gestorben.

Bescheid des Gerichts: Berlinger und seine Frau sollen aus dem Arrest entlassen werden, im Wiederholungsfall aber als Vagabunden bestraft werden.

Hä, was ist denn da los gewesen? Springwurzel? Und warum wird der Arzt, der im Wirtshaus diese hanebüchene Story zum besten gibt, festgenommen?  Nach einigem Rumforschen die Erklärung:

Die Sache mit der Springwurzel ist relativ einfach. Eine uralte, auf Plinius (der 79 n. Chr. beim Ausbruch des Vesuvs ums Leben gekommen ist) zurückgehende Geschichte: Bestimmte Vögel (Grünspecht, Elster, Wiedehopf) kennen eine Pflanze, mit der sie ihre Nester, die sich in Baumhöhlen befinden, auf magische Weise wieder öffnen können, falls der Nesteingang mal verschlossen sein sollte. Ein Mensch kann mit dieser Pflanze alle Schlösser öffnen. Man muss also nur einem Vogel diese Pflanze abluchsen – und schon kann man die tollsten Dinger drehen.

Eine Geschichte, die viele, viele Autoren von Plinius abgeschrieben habe und die dann in allen möglichen Sagen auftaucht, dann bei Grimm, Brentano etc.

Aber die sagenhafte Springwurzel war offenbar nicht nur als literarischer Stoff beliebt, sondern auch in der magischen Praxis.

In Annaberg in Sachsen ist beispielsweise ein Fall gut dokumentiert, wo um 1715 herum die Springwurzel eine Rolle in einem Hexenprozess gespielt hat.  Dort erfährt man, dass das Springkraut gerne von Schatzgräbern benutzt worden ist. Das Schatzgraben war in der fraglichen Zeit eine beliebte Übung. Nicht nur nach Bodenschätzen wurde (oft illegal) gegraben, sondern auch nach Geld und Schmuck. Kein Hirngespinst, denn da es noch keine Sparkassen gab, haben viele Geld und Wertsachen irgendwo vergraben, oft in einer verschlossenen Kassette oder Truhe.  Um den Schatz zu finden, dazu wurden eine Reihe von magischen Techniken verwendet, bei Bodenschätzen meist die Wünschelrute. Mangels Metalldetektoren glaubte man, sich der Magie bedienen zu müssen. Die einen vertrauten auf besonders fromme Handlungen (die freilich der christlichen Orthodoxie meist unbekannt waren), die anderen suchten ihr Glück direkt im Teufelsbund. So wundert es nicht, der das Springkraut auch eine Rolle in einem dem Dr. Faust zugeschriebenen Zauberbuch spielt. Dazu gehörten dann auch andere nützliche Utensilien, z. B. eine Kerze aus Menschenfett, wie dies Paracelsus vorschlägt, oder Leichenteile von Kinderleichen, vorzugsweise von ungetauften Kindern, noch besser ungeborenen Kindern. Auch das ist nicht nur alles Fantasie, da gibt es sehr gut belegte Fälle von Morden an Schwangeren und anderen schrecklichen Dingen. Wer – wie das heute so üblich ist – Hexerei zu einem Hirngespinst durchgedrehter Inquisitoren erklärt, irrt. Der Geist, der in dem Text aus Liblar vorkommt, ist im Reich der Magie auch ein alter Bekannter: Denn Schätze werden von Geistern bewacht und beschützt. Ein Gutteil des magischen Rituals dient weniger der Auffindung des Schatzes, als der Abwehr des den Schatz bewachenden Geistes – und wehe, man macht dabei einen Fehler und vergisst seinen Hut im magischen Bezirk!

Den Liblarer Schöffen war offenbar bekannt, dass sich wandernde Schatzgräber gerne in Wirtshäusern blicken ließen, wo sie auf Kundenfang gegangen sind, eine Art Trickbetrüger. Sie prahlten mit Erfolgen und ließen durchblicken, dass sie ein geheimes Rezept o. ä. hätten. An der Reaktion der Wirtshausbesucher konnten sie dann ablesen, wer irgendwo einen Schatz vermutete oder aus einem sonstigen Grund scharf darauf war, sich der Hilfe eines professionellen Schatzgräbers zu bedienen. Der Rest der Masche war einfach. Das Opfer wird in das magische Ritual mit einbezogen, macht sich mitschuldig und erpressbar. Und weil die Liblarer die Masche wohl schon kannten oder ahnten, haben sie das schräge Paar vors Gericht gestellt.

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2 Gedanken zu „Springwurzel, Schatzgräber und Trickbetrüger

  1. Ulli

    Lieber Martin,

    eine klasse Geschichte … das Springkraut kenne ich nur als Heilmittel, wofür aber, habe ich vergessen, müsste ich nachschlagen, aber dazu ist es jetzt zu spät. Man muss heute ja das einheimische vom „bösen“ fremden unterscheiden, das einheimische ist ca. 1,20m hoch und hat feine gelbe Blüten, wenn man diese berührt, springen ihre Samen heraus, deswegen auch der Name, das „böse“ hat sich eingeschlichen, wird bis zu 2m hoch und ist lila, der BUND kämpft gegen es an, weil es viele einheimische Pflanzen niedermacht, auch seine Samen springen und durch seine Grösse breitet es sich flugs aus, aber schön ist es ebenso …

    ich habe vorgestern die Hühnergötter erforscht, da spielen ähnliche Geister eine Rolle, demnächst mal mehr …

    herzliche Abendgrüsse Ulli

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Liebe Ulli —– Hühnergötter??? Da bin ich ja mal gespannt, wo ich doch zwischen Hühnern aufgewachsen bin, sozusagen.
      Das real existierende Springkraut ist aber nicht zu verwechseln mit der Springwurzel – an die Springwuzel kommt man ja nur, wenn man sie einem Specht abluchst …. das Springkraut wächst auch hier rechts und links der Erft, enorm wüchsig, das Zeugs …. LG MAartin

      Antwort

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