Und dahinten beginnt der Tagebau (7)

Dass der Tagebau Hambach eine neue, enorme Dimension hat, sieht man auch an den Dörfern, die davon betroffen sind. Dem Tagebau Frechen sind in den 50er Jahren einige Dörfer zum Opfer gefallen, aber die hatten alle nur 100 – 200 Einwohner. Der größte Ort, der jetzt umgesiedelt werden wird, ist Kerpen-Manheim. Da geht es um fast 1500 Einwohner.

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Dass dieses Manheim (man spricht es übrigens aus wie Mannheim) besonders schön wäre, hat nie jemand behauptet. Ein ganz normaler Ort, wie es hier viele gibt. Ein Schützenheim …

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… ein Wäldchen …DSC06341… mit einem Vogellehrpfad. Aber auch hier interessieren sich die Menschen mehr für das Vögeln als für die Vögel …

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… und auch hier werden die Kästen besprüht …DSC06357

 

… aber ansonsten überwiegen Einfamilienhäuser aus den 50er und 60er Jahren:

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Die Umsiedlung ist in vollem Gange, aber viele wohnen noch hier, das Ganze wird sich noch ein paar Jahre hinziehen, die Bagger kommen vermutlich erst 2022.

Wer nun denkt, er würde hier Protestplakate finden, wütende Bürgerinitiativen oder ähnliches, der täuscht sich. Nichts dergleichen ist zu sehen, keine gelben Kreuze wie im Wendland.

Die Sache mit der Umsiedlung kommt ja nun auch wirklich nicht überraschend. Als wir 1980 in diese Gegend gezogen sind, hat man uns Bau-Grundstücke in Manheim angeboten, die waren recht billig. Aber irgendwann in 30 Jahren etwa müssen sie dann ausziehen, hat es damals geheißen. Für 30 Jahre ein Haus bauen, da hatte ich keine Lust zu.

Schon 1977 hat die damalige Landesregierung die Genehmigung für den Tagebau erteilt, schon damals war klar, dass Manheim abgebaggert werden würde. In Wirklichkeit pfiffen es die Spatzen schon vorher von den Dächern.

In den 60er Jahren nämlich wurde in Manheim wie überall in NRW die Volksschulen geschlossen und statt dessen Grundschulen und Hauptschulen gegründet. Manheim hatte zu wenig Kinder für zwei Schulen, also kamen Grund- und Hauptschule in einen Neubau nach Buir. Das hat die Manheimer erbost. Im Gemeinderat kam es zu einer typischen Klungelei: Manheim bekommt doch eine eigene Grundschule, die Hauptschule aber kommt nach Buir, dafür erhält Manheim ein Hallenbad. Natürlich war kein Geld da für all die Wohltaten, weshalb man auf die Idee kam, den Gemeindewald, der sowieso nur ein Klotz am Bein war, gewinnbringend zu verkaufen. Und außerdem, hieß es, wird der Wald ja sowieso der Braunkohle zum Opfer fallen. Ein Käufer für den Gemeindewald stand auch schon parat, er hieß Rheinbraun, die Vorgängergesellschaft der RWE. Dieser Gemeindewald ist heute unter dem Namen Hambacher Forst bekannt und gerade kämpfen dort „Baumbesetzer“ gegen die Kettensägen – ich werde darauf zurück kommen.

Wenn heute Klagen über die Umsiedlung laut werden, dann muss ich dazu sagen, dass das Umziehen besonders für einige alte Leute schon eine harte Sache ist. Aber wenn ich lese, dass man da von „Vertreibung“ spricht, dann macht mich das wütend. Menschen, die aus dem deutschen Osten vertrieben worden sind oder Menschen, die heute von Terrorgruppen aus Syrien vertrieben werden, erhalten keine großzügigen Entschädigungen und werden nicht in einem langwierigen Prozess gefragt, wo sie denn gerne wohnen möchten.

Natürlich gibt es trotz der Entschädigungen Härtefälle (für die es aber auch eine Härtefall-Stelle gibt). Da sind beispielsweise die Besitzer von Fertighäusern aus den 70 Jahren. In denen kann man zwar wohnen, aber wenn der Gutachter kommt, dann sagt er: Nichts wert. Denn der Marktwert solcher Häuser ist nun mal sehr niedrig. So niedrig, dass man sich dafür kein neues Haus bauen kann, denn die diversen Energiespar-Vorschriften haben die Neubauten bekanntlich erheblich verteuert. Soll jeder, der in Manheim in einem schlecht gedämmten, teilweise fürchterlich verwinkelten Altbau gewohnt hat, das Geld für einen modernen Neubau bekommen? Schwierig.

Andere habe sich schlichtweg verspekuliert. Da sind zum einen die, die damals die billigen Grundstücke gekauft haben. Noch in den 90er Jahren haben Leute in Manheim Häuser gebaut, weil die Grundstücke so billig waren, und haben darauf spekuliert, dass der Tagebau doch nicht kommt. Pech gehabt. Andere haben auf hohe Entschädigungen spekuliert und noch in den letzten Jahren viel Geld in ihr Haus gesteckt. Die hätten sich besser vorher angesehen, wie nach den überall üblichen Maßstäben der Wert einer Immobilie berechnet wird.

Und bei aller Liebe zur Heimat: Manheim war nie eine bevorzugte Wohnlage. Ohne Auto war man da aufgeschmissen, dass es keine Geschäfte mehr gibt, ist auch nicht dem Tagebau anzulasten, sondern ALDI und Edeka. Es gab ein paar Handwerker im Ort, aber sonst keine Arbeitsplätze, die etwa 15 Kleinbauern, die es noch 1960 gegeben hat, haben längst alle aufgegeben. Ein Schlafdorf, aber wer zur Arbeit nach Köln wollte, hatte einige Kilometer Landstrasse und Autobahn vor sich. Oder musste erst mit dem Bus bis zum S-Bahnhof fahren, wo stündlich ein Zug fährt. Dazu die Lärmbelästigung, die den Wert der Grundstücke senkt: Denn Manheim liegt (oder lag, denn die A4 ist ja im September 2014 verlegt worden) direkt an einer der meist befahrenen Autobahnen Deutschlands, Tag und Nacht brausen Massen an LKWs auf der Trasse, die zu allem Überfluss auch noch leicht erhöht ist, dahin.

Trotzdem: Auch solch ein Dorf kann man lieben und ich will nicht in Abrede stellen, dass der Abschied von Manheim für manche eine traurige Angelegenheit ist.

Noch eine Bemerkung kann ich mir nicht verkeifen: Das entstehende Manheim-Neu, das zusammen mit den Manheimern minutiös geplant worden ist und in dem jeder ein Haus nach seinem Gusto bauen kann, ist für mich ein Alptraum. Ein Ansammlung diverser Hässlichkeiten aus den aktuellen Haus-Katalogen, ringsum die Garten-Ausstattungs-Produkte der Baumärkte.

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Die Manheimer Streuobstwiese, die man vor einigen Jahren in einer Art Trotzreaktion angelegt hat.

 

 

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2 Gedanken zu „Und dahinten beginnt der Tagebau (7)

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