Kleine Geschäfte

In den letzten Tage habe ich mehrfach Aufrufe erhalten wie diesen:

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Ich will nun gar nicht sagen, dass die kleinen, lokalen Geschäfte nicht für mich auch ihren Reiz hätten. Aber ein paar Bedenken äußern.

Hier auf dem Land, wo wir wohnen, ist der Zug sowieso schon längst abgefahren. Unser Dorf hat immerhin etwas mehr als 4000 Einwohner und es gibt eigentlich kein einziges kleines Geschäft mehr. Nur ein Kiosk mit Postfiliale, einen Blumenladen, der mir eher wie ein Hobby vorkommt, zwei Hofläden, die nur 3mal die Woche geöffnet haben und die eigentlich nur davon leben, dass sie 3mal pro Woche Obst und Gemüse auf dem Wochenmarkt in der Stadt an Städter verkaufen, die der Meinung sind, „direkt vom Bauern“ müsste es doch irgendwie besser sein. Und eine Bäckerei, bei der es sich aber nur um eine Filiale einer großen Kette handelt.

Wenn ich in kleinen Läden einkaufen wollte, müsste ich 10,70 € für die S-Bahn ausgeben, wäre 1,5 Stunden unterwegs … so viel Spaß macht mir das Unterstützen kleiner Läden dann doch nicht. Das Ganze ist also allenfalls was für Kleinstädter oder Stadtbewohner.

Aber wem hilft man dabei? Der Text unterstellt, dass die Waren, die man in kleinen Läden kauft, nicht „unter fragwürdigen Bedingungen“ produziert werden. Die bösen Großkonzerne. So ein Quark. Die kleinen Läden basteln ihre Waren doch auch nicht im Hinterzimmer zusammen, und wenn sie das tatsächlich machen, dann scheren sie doch auch nicht selbst die Schafe, aus denen sie dann Wolle spinnen. In den meisten Branchen kaufen die Besitzer kleiner Läden bei den gleichen Großhändlern/Firmen ein wie die großen Ketten. Ich war zwei Mal in meinem Leben Teilhaber eines kleinen Ladens (Buchhandel und Lederwaren), woher hätten wir die Waren denn beziehen sollen?

Tatsächlich bekommen die kleineren Geschäfte im Großhandel nur schlechtere Konditionen, was verständlich ist, da Pack- und Portokosten überproportional durchschlagen. Das drückt auf den Gewinn, der sowieso nicht üppig ausfällt, da kleine Läden natürlich weniger Umsatz machen als die großen. Aus dem Dilemma gibt es nur zwei Auswege: Entweder werden die Verkaufspreise entsprechend angehoben oder die Mitarbeiter entsprechend schlecht bezahlt. Menschen, die um kleine Läden zu unterstützen, hohe Preise zahlen, gibt es nämlich nicht viele.

Wenn man genau hinsieht, dann können sich nur solche kleinen Läden länger halten, die ihre Preise hoch schrauben können, die also genügend Kunden haben, die nicht auf das Geld sehen und bereit sind, für die Waren Preise zu zahlen, die mit den Herstellungskosten/Einkaufskosten überhaupt nichts zu tun haben. Wenn die Kunden es also dem Ladenbesitzer erlauben, mit einer weit überdurchschnittlichen Handelsspanne zu kalkulieren. Wie hoch die Handelsspannen im Bereich von Mode, Accessoires, Modeschmuck und all dem Krempel dabei sein können, verrate ich besser nicht. Und nicht nur bei Mode, sondern auch bei Männerspielzeug. Nur ein Beispiel: Ich habe gestern direkt in Hongkong eine Sonnenblende für ein Teleobjektiv von Canon bestellt. Kostet incl. Porto (!) von Hongkong nach hier 3,87 €. Das gleiche Ding wird im hiesigen Internet-Handel für etwa 10 € gehandelt.  Wenn eine Packung von Canon drum ist, kostet es beim billigsten Internet-Händler 38,24. Im Fotofachhandel steht dann 63,90 € dran. –

Nun könnte man sagen, gut, den Profit gönne ich den Kleinen eher als den Großen. Die Logik verstehe ich zwar eigentlich nicht (da scheint mir viel pseudo-marxistische Kapitalismus-Kritik drin zu stecken), aber gut: Der Witz ist nur – der Profit kommt ja gar nicht bei den Kleinen an. Meiner Erfahrung und Beobachtung nach ist das Führen eines kleinen Ladens fast immer ein Spagat aus Selbstausbeutung und Hobby. Das betrifft auch die Mitarbeiter: Wie viele Inhaber kleiner Läden lassen ihre Mitarbeiter nicht in irgendwelchen „Aushilfe“-Konstruktionen herumhängen, sondern bezahlen sie anständig, und zwar mit Vertrag und nach Tarif?

Trotzdem erreichen bei richtiger betriebswirtschaftlicher Betrachtung die selbstständigen Inhaber kleiner Läden nur selten ein Einkommen, das ihnen auf Dauer eine eigene Existenz erlaubt.  Ein wesentlicher Faktor dabei sind die hohen Mieten für Ladenlokale in guten Lagen. Bei den Läden, bei denen ich mitgemischt habe, ging in schlechten Monaten der ganze Gewinn für die Miete drauf. Einer der glücklichen Gewinner all der hübschen individuellen Läden sind die Immobilienbesitzer, das wird gerne vergessen.

Dass sich hinter dem Initiator der obigen Campagne ein „Fashiondesign und Konzeptstore“ verbirgt, der seinerseits eine Tochter der „dory and grey  design and marketing GmbH“ ist, ist für mich das Tüpfelchen auf dem I — Wenn ich böse bin, würde ich sagen: Sehr kreative Werbung für übertreuertes „Fashiondesign“

Die Initiatoren, „Coup de Coeur“,  vertreten übrigens folgende Marken:
„ABURY collection, ambacht, bonds footwear, cindy steffens, Codierbar, Coeur, Dachs Dessert, escentric molecules, Esther Perpandt, Evelyn Toomistu, Frau Tonis Parfüm, John de Maya, ju.no strickstücke, kasee, Le Specs, Leonore Jock, Lika Mimika, macharten, marten viertel, Priti NYC, Saskia Diez Jewllery, Serie FLÖZ, Skumkatarell, Sophie la Girafe und viele, viele mehr…“

 

 

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6 Gedanken zu „Kleine Geschäfte

  1. Ulli

    ich mag es zwar auch nicht, wenn in den Kleinstädten immer mehr kleine Läden schliessen und man damit gezwungen wird in grosse Städte zu fahren, aber du sprichst etwas sehr Wesentliches an: die Mietpreise für solch ein kleines geschäft, die Einkaufsmöglichkeiten und die Kundschaft mit dem entsprechenden Buget … letzteres ist der Hasenfuss an sich, ich könnte so viel mehr fair Gehandeltes, einigermassen gesund Produziertes einkaufen, wenn ein bisschen mehr Münzen in meiner Geldbörse klimpern würde …

    mir gefällt ja immer wieder wie du Themen aufgreifst und vertiefst, wo andere sich nur an den Slogans festhalten- danke dafür und hab ein feines WE
    herzliche Grüsse Ulli

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Danke – und auch ein schönes Wochenende – stürmt es denn oben auf dem Berg auch so? Mich macht Sturm immer ganz kirre im Kopf …
      Martin

      Antwort
      1. Ulli

        aaah wp hat sich wieder mal was Neues ausgedacht … aber das wollte ich ja gar nicht sagen, sondern ja, hier stürmt es seit Tagen, ich mag gar nicht vor die Türe gehen und es heult und zieht und ja, es macht mich auch langsam, aber sicher kirre …
        liebe Grüsse

  2. Pit

    Hallo Martin,
    zu einem (großen) Teil hast Du sicherlich Recht, aber zwischen kleinen Läden und kleinen Läden ist ein Unterschied. Und außerdem, jetzt, nachdem kleine Läden in vielen Orten ausgestorben sind, ist nichts mehr zu machen. Aber vorher hätte ein anderes Einkaufsverhalten schon etwas ändern können. Ich denke da z.B. an Buchhandlungen, in denen man früher Verkäufer fand, die Bücher aus eigener Leseerfahrung empfehlen konnten, und in denen man einfach in Büchern herumschnüffeln konnte. Hier in Fredericksburg haben wir – Gott sei Dank – noch „richtige“ Buchläden, und ich werde ganz bewusst auch [ok, nicht ausschließlich da] kaufen.
    Nicht zu vergessen auch, dass gerade in kleinen Orten der kleine Laden ein Kommunikationszentrum ist. Auch der lokale Klatsch ist wichtig. 😉 Man kommuniziert heutzutage viel zu viel dem mit bzw. über den Computer.
    So, jetzt aber genug mit den nostalgischen Träumereien! 😉
    Hab‘ ein schönes Wochenende,
    Pit
    P.S. zum Wetter in „Fritztown“: bewölkt, 9 Grad Celsius, Wind 5 Km/H aus Ost

    Antwort

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