Echte Handarbeit!

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Eine, wie mir scheint, bemerkenswerte Verirrung des Zeitgeistes: Eine große Firma gestaltet die Konzernzentrale neu. Auf der Etage, zu der nur die „Chefs“ Zutritt haben, gibt es eine Dachterrasse mit einem Dachgarten, dazu gehört ein Wasserbecken, kein kleines Teichlein, sondern ein anständiges Wasserbecken. Dieses Wasserbecken, so die Architekten, soll mit einem Mosaik ausgekleidet werden, 29 m2 Mosaik. Was Feines soll es sein, schließlich ist es für die Chefetage. Ein Mosaik also echtem Muranoglas. Gut, habe ich kein Problem mit. Die Architekten freuen sich, die Chefs freuen sich, der Hersteller der Glassteine freut sich, der Künstler, der den Auftrag bekommen hat, freut sich.  Sollen sie doch machen.

Was mir zu denken gibt, ist etwas anderes. Die Architekten und Auftraggeber wollen was Besonderes, Künstlerisches. Da kommt nur Handarbeit in Frage. Nun liefert die italienische Firma die Glassteine fertig aufgezogen auf Matten, die bräuchten nur noch aufgeklebt und verfugt werden – fertig ist das Mosaik-Becken. Aber es soll doch nach Handarbeit aussehen, echte Handarbeit ist gefragt!

Also löst der Künstler in einem ersten Schritt die Glassteine von den Matten, auf die sie aufgezogen sind, indem er alles eine Weile einweichen lässt, die Matten entfernt und dann die Steine gründlich wäscht. 29 m2, das sind 58.000 Steine. Dann werden alle Steine mit einem speziellen Glasschneider durchgeschnitten, die Hälfte der durchgeschnittenen dann noch einmal durchgeschnitten. Wir haben also jetzt nach 116.000 Schnittvorgängen 174.000 Steine, die alle, da mit der Hand geschnitten, schön unregelmäßig aussehen. Es gibt beim Hersteller zwar auch kleine Steine in der richtigen Größe, aber das wäre ja keine Handarbeit.

Dann werden die Steine wieder auf Matten geklebt, leicht unregelmäßig, wegen der Handarbeit, klar, und dann die Matten aufgeklebt und verfugt. Fertig.

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Warum man heutzutage Handarbeit solch einen großen Wert einräumt, kann der historisch gebildete Psychologe wahrscheinlich prima erklären. Nostalgie, eine heutzutage epidemisch werdendes Krankheitsbild, das einen sogar bis in die Bäckerei verfolgt, wenn dort die Brötchen als „handgeformt“ angepriesen werden. Da fällt mir eine Marktlücke ein: Brot aus handgesätem und mit der Sichel handgeerntetem Getreide, ohne Einsatz von Maschinen mit dem Dreschflegel handgedroschen und dann in der Windmühle gemahlen. Öko-Umwelt-CO2-mäßig das Non-Plus-Ultra, alles echte Handarbeit.

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5 Gedanken zu „Echte Handarbeit!

    1. emhaeu Autor

      Pflege des Handwerkes – unter diesem Gesichtspunkt hatte ich die Sache gar nicht betrachtet … der Künstler von all dem Handwerk mit den scharfkantigen Glassteinchen schon wunde Hände – soll kein Kalauer sein …

      Antwort

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