Adorno auf der Wiese

Auf der Bergwiese, die ich im vorigen Beitrag vorgestellt habe, habe ich die „Minima Moralia“ gelesen, nicht ganz, versteht sich, denn das Werk erschlägt einen mit seinen schwierigen Gedanken, die Adorno in sich windende Sätze packt.

ador

Eigentlich nur deswegen, weil ich kein Buch dabei hatte und sich die „Minimal Moralia“ (warum nur?) in der kleinen „Ferienbibliothek“ fanden – neben allerlei Büchern, die da irgendwann mal stehen geblieben sind.

Irgendwie faszinierend, dieser Adorno: Mit seiner Bildung, die von Schopenhauer über Proust, Wagner und Freud so gut wie nichts auslässt, und seiner Arroganz. Schon der Buchtitel strotzt ja von Arroganz. Da nennt ein zur Entstehungszeit des Werkes (um 1945) weitgehend unbekannter, in den USA im Exil lebender meist arbeitsloser Professor der Philosophie sein Buch „Moralia“ – was ja immerhin an die „Magna Moralia“ des Aristoteles unknüpft, die „Moralia“ des Plutarch und nicht zuletzt an die „Moralia in Iob“ von Gregor dem Großen (aus letzterem Werk stammt die bekannte Lehre von den Sieben Todsünden).

Ein sehr pessimistisches Werk, das kaum noch eine Hoffnung auf eine Wende zum Besseren erkennbar werden lässt. In der Gegenwart jedenfalls hat, um es mal theologisch auzudrücken, nach Adornos Ansicht der böse Geist, der Teufel, das Regiment übernommen, sich das manichäische Reich der Finsternis ausgebreitet. Wie dieses Reich der Finsternis mit seiner Macht auch noch die feinsten Verästelungen des nur scheinbar noch Privaten durchdringt, das Individuum abgetötet wird, ist Thema der „Minima Moralia“. Eine Flucht oder Ausweg, keine noch so kleine Insel lässt das herrschende schlechte System übrig: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“

Was mich nur verwundert hat: Seltsamerweise hat es für Adorno offensichtlich einmal eine bessere Zeit gegeben als die schlechte Neuzeit. Das wird nirgends thematisiert, bildet aber unübersehbar die Grundlage, auf der seine Argumentation immer wiederaufbaut. Ja, wann soll das nur gewesen sein, die goldene Zeit, als sich das Individuum noch frisch, fromm und frei entfalten konnte? Da wären wohl viele, viele Menschen, wenn sie eine Zeitreise aus einer beliebigen früheren Epoche ins Jetzt machen würden, durchaus anderer Meinung.

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3 Gedanken zu „Adorno auf der Wiese

  1. Ulli

    Ach, wie ich deine Buchbesprechungen manchmal liebe- herrlich wie du immer mal wieder mit den Halbgöttern der Philosophie und Literatur zu Gericht gehst.
    Je nachdem wie wir schauen, so ist unser Zeitalter schon eins der Finsteren, aber wann hat es angefangen, wird es je aufhören und war es wirklich je besser? Das, was uns nun im grossen Stil begegnet, nämlich Neid, Hass und Gier in all seinen Spielarten, gelten als des Menschens grösste Falle auf dem Weg ein Guter/eine Gute zu werden oder zu sein und ob das im vielbesungenen Stammesleben anders war, wage ich zu bezweifeln. Menschen sind Menschen oder?!

    herzliche Grüsse
    Ulli

    Antwort
  2. Susanne Haun

    Um das Jahr 1945 erscheint mir persönlich das Zeitalter auch sehr finster. Wenn ich die Entstehung der “Minimal Moralia” in dieser Zeit verorte, dann erscheint es mir logisch, dass Adorno die Welt dunkel sieht. Ist die Zeit in der Gegenwart besser? Nein, wir haben nur noch keinen Abstand zu ihr. Richtig über heute kann der Mensch sicher erst in 100 Jahren urteilen.

    Antwort

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