Gender-Forschung im Selbstversuch

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Ich trage gerade mein neues Hemd: blau-rot kariert mit feinen gelben Streifen. Und, was mir wichtig ist, von guter Stoffqualität, angenehmes Gefühl auf der Haut. Gekauft im Second-Hand-Laden für 5,90 €. Ein Superpreis. Leider ein trotzdem ein Fehlgriff.

Ich hätte das Hemd anprobieren sollen, dann hätte ich sofort gemerkt, dass es sich um eine Damenbluse handelt – keine Abnäher oder so, aber „weiblich“ geknöpft. Ab in die Altkleider-Sammlung? Nö, passt doch …

Deshalb mache ich jetzt so eine Art Selbstversuch. Wenn, wie die Gender-Forschung behauptet, das Geschlecht ein soziales Konstrukt ist, dann trägt Kleidung mit ihren festgelegten, geschlechtsspezifischen Details doch sicherlich zur Findung der sexuellen Identität bei. Kennen wir doch alle: Wird es ein Junge, kriegt er blaue Strampelhosen mit einem Piratenschiff drauf, wird es ein Mädchen, zieht man ihm einen rosa Strampler mit Blümchen an. Ob die rosa Blümchen-Strampler auch schon anders geknöpft sind als die blauen Piraten-Strampler, weiß ich leider nicht. Aber spätestens beim ersten Hemd oder der ersten Bluse geht es los. Tja, so macht die Gesellschaft das Kind zum Mann. Oder zur Frau, versteht sich.

In meiner Kindheit war die Gesellschaft in Gestalt meiner fast ausschließlich weiblich besetzten Umgebung nicht so konsequent. Ich hatte vier ältere Schwestern, eine Tante, die im Haus wohnte, einen Haufen Cousinen und eine sparsame Mutter. Müsste doch mit dem Teufel zugehen, mögen sie gedacht haben, wenn man dem Jungen nicht doch irgendetwas gut Erhaltenes aus dem Cousinen- und Schwesternfundus anziehen könnte. Zur Not kann man ja auf den rosa Strampler zusätzlich zu den Blumen noch ein Piratenschiff sticken. Oder so. Mit der Zeit jedenfalls entwickelte ich eine ausgesprochene Aversion gegen alle Kleidung, die auch nur entfernt irgendwie „mädchenhaft“ aussah.

Von solchen Fixierungen auf überkommene Normen muss man sich lösen. So machte ich mit knapp 16 Jahren ein paar Fotos von mir, Selfies würde man heute sagen, und zwar in Frauenkleidern. Die Ergebnisse schienen mir sehr geglückt und ich zeigte sie stolz und arglos meinen Eltern, die allerdings irgendwie verstört reagierten. Wieso, habe ich erst später begriffen. War das etwa das Coming-Out des Sohnemannes, werden sie gedacht haben, deshalb also hat er noch keine Freundin! Zwar gab es nichts, was da hätte herauskommen können, doch ich hatte begriffen, dass ich die Bilder lieber nicht an die Wand hängen sollte. Eigentlich schade, denn, wie gesagt, sie waren mir gut gelungen; leider habe ich sie irgendwann weggeworfen.

Und jetzt eine Damenbluse. Werde ich wenigstens einen leichten femininen Touch spüren? Klar, im Moment ist es noch zu früh für eine gesicherte Aussage, schließlich handelt es sich bei den Mühlen der sozialen Geschlechts-Konstruktion um eher langsam arbeitende Mahlwerke. Aber ich werde die Sache im Auge behalten.

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10 Gedanken zu „Gender-Forschung im Selbstversuch

  1. Wolfgang

    Und? Wie hat sich die Spiegelung des zweiten Bildes bemerkbar gemacht? Wird man dann wieder „männlicher“? LG von einem, der auch schon einmal eine Bluse als Hemd nutzte. War auch schon getragen. Aber mir hatte sie damals so gut gefallen, dass es mir egal war, welches „Geschlecht“ das Kleidungsstück hatte. W 🙂 lfgang

    Antwort
  2. khecke

    Wenn Du es nicht erwaehnt haettest, waere es mir nicht einmal aufgefallen, dass es eine Bluse sein soll. Ich achte sowieso nicht so genau auf Kleidung, wie es die meisten anderen Leute tuen.
    Schoenes Wochenende,
    Karl-Heinz

    Antwort

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