Der Raub der Zinkwanne

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Die Diebe müssen gekommen sein, als wir Massive Attack hörend auf dem Sofa saßen und eine selbst importierte Flasche baskischen Rotweins probierten. Der Wein rann schlecht die Kehle herab, ein knorrig-Harter Tropfen. Obwohl im Lande der Basken doch Bananen und Palmen wachsen. Doch so scheinen es die Baken zu mögen: ungeschönte Härte. Würden sie sonst 9,59 € für so eine Flasche auf den Tisch legen, und zwar nicht in einer Touristen-Nepp-Bude, sondern im Eroski, des Basken liebster Supermarkt, in dem ich mich immer frage, ob er Ero-Ski oder Eros-Ki ausgesprochen wird. Aber das tut im Moment nichts zur Sache.

Wichtiger ist schon, dass „Blue Line“ von Massive Attack lief, als draußen die Zinkbadewanne verschwunden sein muss. Aus diesem Detail nämlich mag der Leser die Wahrheit der Geschichte erschließen. Dass nämlich Massive Attack ertönt, während draußen eine massive Attacke gegen das Eigentum eines braven Eigenheimbesitzers vonstatten geht, das wäre doch allzu platt erfunden. Nein, die genannte Musik, die ich nicht besonders mag und von der ich gar nicht weiß, wieso sie an diesem späten Abend in den CD-Player geraten ist, drang so laut und gewaltig aus den Boxen, wie es der Name der Band verspricht.

Deshalb hätten wir auch dann nichts gehört, wenn den Dieben die Wanne laut scheppernd auf den Boden gefallen wäre. So ahnten wir nichts, bis zu dem Moment, wo der Hund deutlich machte, er müsse mal raus. Vielleicht war das auch nur seine Art, klar zu machen, dass er nicht auf massiven Krach steht, denn bekanntlich können sich Hunde nicht die Ohren zuhalten. Draußen lief der Hund schnurstracks zur Linde und bellte ins Dunkel. Hör auf, du Idiot, rief ich, worauf er auf der dunklen Wiese verschwand.

Da ist es mir aufgefallen: Die Zinkbadewanne – die ich hier im Blog schon gewürdigt habe – war nicht an ihrem Platz neben der Linde. Im Gartenschuppen war sie auch nicht. Hund und ich gingen wieder rein. Die Zinkbadewanne ist weg, rief ich gegen die immer noch massive Lautstärke an. Sie stand auf und schaute selbst nach. Einbrecher, sagte sie. Scheint so, bejahrte ich, obwohl mir zwei Einwände durch den Kopf gingen. Erstens könnte es sich ja auch um Frauen handeln. EinbrecherInnen oder, noch korrekter, Einbrecher*Innen hätte es heißen müssen. Und zweitens: Die mutmaßlichen Einbrecher*Innen brauchten gar nichts zu brechen, nur über den niedrigen Zaun steigen, weshalb wohl die Bezeichnung mutmaßliche Dieb*Innen angebrachter gewesen wäre.

So ein Mist! Die schöne alte Wanne! Bestimmt dieser Schrotthändler, rief sie, sonst kann doch niemand was damit anfangen! Schrotthändler*Innen, dachte ich, sagte aber nichts. Wir blickten uns mit einer vielsagenden Mine an: Diesen südundoderosteuropäischen Typen ist sowas zuzutrauen Einfach mal über den Zaun greifen, und wenn es jemand merkt, dann sagen sie: „Kein Schrott? Habe gedacht, ist Schrott, kann mitnehmen.“ Na ja, die Wanne war schon was verrostet und stand eigentlich nur rum, versuchte ich die Lage zu entspannen. Diese Arschlöcher, beharrte meine Partnerin, was freilich auch nicht weiter führte.

Der Platz neben der Linde blieb leer, die Musik wurde ausgeschaltet. Sollten wir, durch den Raub der Zinkwanne um die Genussfähigkeit gebracht, den Wein in den Kühlschrank stellen und zur Zahnpaste wechseln? Oder den Rest runterkippen im Vertrauen auf die bekannten Fähigkeiten des Alkohols? Wir entschieden uns für letzteres und schliefen wenig später auf dem Sofa ein.

Am nächsten Nachmittag tauchte die Zinkbadewanne wieder auf. In der alten Dusche im Keller stand sie. Da gehört sie nun wirklich nicht hin, da waren wir uns einig. Ich wusste direkt, wer die Wanne in den Keller geschleppt hatte: Ich, vor dem Urlaub, damit sie nicht geklaut wird. Aber ich sagte nichts und überlegte, was ich dem Schrotthändler auf die Straße stellen könnte. Als Entschädigung.

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9 Gedanken zu „Der Raub der Zinkwanne

  1. puzzleblume

    Ein Pendant steht unter dem alten Kirschbaum in meinem Garten, ich war auch noch ein ‚Zinkwannen-Baby‘. (Könnte ein Boogie-Woogie-Titel sein.)
    Es gibt immer wieder Leute, die darauf gieren und die mir abzuschwatzen versuchen, um sie als Blumenkübel vor ihren romantisch renovierten Resthof zu stellen, also hätte es schon Potential gehabt für einen nachbarschaftlichen Gartenkrimi.

    Antwort
    1. Pit

      „Zinkwannen-Baby“ – welche Nostagie steckt in diesem Wort! 😉 Ich war auch eins. Und nicht nur im zarten Babyalter.
      Hab’s fein,
      Pit

      Antwort
    2. emhaeu Autor

      Unsere Ex-Nachbarn haben daraus einen Mini-Gartenteich mit Solar-Springbrunnen gemacht. Der Kreativität sind manchmal leider keine Grenzen gesetzt.

      Antwort
  2. Ulli

    Eine köstliche Geschichte, lieber Martin, wunderbar geschrieben und Massiv Attack höre ich immer wieder gerne, so auch an dem ein und anderem Morgen in der Bretagne, da sind wir uns einig … der Holzmann und ich …
    und was hast du nu dem Schrotthändler hingestellt? ;o)

    herzlichst
    Ulli

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Liebe Ulli, ich habe wirklich den Keller durchsucht und einiges an Schrott gefunden, mindestens 2,7 Kilogramm – ob das reicht? (;-)

      Antwort
      1. Ulli

        unbedingt … reicht das! Und ich rede jetzt nicht von Busse (mit Eszett, dass mir auf meiner Tastatur fehlt) – Äugsken jezwinckert und ab dafür!

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