Von Paradiesvögeln und der Muse der Gewöhnlichkeit

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Was mir so einfiel, als ich ein Buch angelesen habe, dass Tipps zur Steigerung der persönlichen Kreativität enthielt:

Der Kreative, also der geborene Kreative, wäre gerne eine graue Maus. Darum verkleidet er sich als graue Maus und ist dann auf der Party der, der alle Blicke auf sich zieht, da alle anderen als Paradiesvögel verkleidet sind. Darum geht er nicht mehr auf Parties, sondern bleibt nach Möglichkeit zu Hause. Und wer ihn dort besucht, dem fällt es wie Schuppen von den Augen: Diese Ruhe, was muss das für ein ausgeglichenes Leben sein. Und schon wieder ist ein neuer Trend geboren.

Doch was die Besucher alle übersehen, sind die kleinen Seufzer des Kreativen, denn wo der Besucher Beschaulichkeit wähnt, da ist keine. Ruhe ist der Traum des Kreativen, Stillstand seine Utopie. Während der Besucher sich freut, eine Anregung zu einer kreativen Beschäftigung erhalten zu haben, sieht der Kreative überall ungelöste aber lösbare Aufgaben, überall Chancen, überall Türen und schrecklich viele Sprungbretter, die zu Saltos und Hechtsprüngen einladen.

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Deshalb stellt er seine Zahnbürste immer an die gleiche Stelle. Deshalb trug Einstein immer die gleiche Hose. Der Kreative liebt das Stetige und die Tradition, aber die Tradition liebt ihn nicht, sie läuft weg, sobald sie ihn sieht. Weshalb alle, die unter der Tradition leiden, ihn sich zum bewunderten Vorbild nehmen. Ihm nach! rufen sie. Er hat es geschafft, sich vom Alten zu befreien, jubeln alle, die es nie verkraftet haben, dass ihre Eltern darauf bestanden haben, dass das Kinderzimmer aufgeräumt sein musste. Unordnung ist Befreiung, sagen sie, Chaos ist schöpferisch, im Wahnsinn liegt die Chance, ungeahnte Welten zu entdecken. Der Kreative, der solche Welten nicht erahnt, sondern kennt, bittet derweil Musen, Dämonen und Geister, ihn heute zu verschonen und zieht sich vor den Fernseher zurück, hoffend, in den Armen der Muse der Gewöhnlichkeit sanft entschlummern zu dürfen.paradise3

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6 Gedanken zu „Von Paradiesvögeln und der Muse der Gewöhnlichkeit

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