Kinder-Waschplatz

Christel Waschbecken

Bin immer noch beim Sichten und Digitalisieren der alten Fotoalben. Hier ein Foto aus dem Jahre 1909 – meine Tante bei der Morgenwäsche. Interessant das tragbare Kinderwaschbecken incl. Nachttopf. Offensichtlich gab es in dem 1905 erbauten Haus meines Großvaters, ein nicht protziges, aber doch repräsentatives Stadthaus, indem er auch seine Kanzlei als Rechtsanwalt und Notar hatte, kein Badezimmer, jedenfalls kein kindgerechtes für alle Tage. — In einem benachbarten Städtchen hat der Bruder meines Großvaters 1909/1910 ein Haus gebaut, von dem ich die Grundrisse habe. Dieses Haus war noch eine Ecke größer als das meines Großvaters, hatte im Erdgeschoss Speisezimmer, Musikzimmer, Herren- und Damenzimmer und Wintergarten, aber kein Bad (oder vielleicht doch, ein winziger Raum ist mit „Ab.“ beschriftet, das könnte Abstellkammer, aber auch Abtritt bedeuten). Die Küche war übrigens im Keller. Im Obergeschoss dann außer 3 Kinderzimmern, einem Mädchenzimmer und dem 30 m2 großen Elternschlafzimmer mit großem Balkon ein ganz kleines Bad, vom Elternschlafzimmer und vom Flur durch eine Tür zu erreichen. Wenn sich da morgens Eltern und drei Kinder hätten gleichzeitig waschen sollen, dann wäre es bestimmt sehr eng geworden – also hat man, wie auf dem Bild oben, im Sommer den tragbare Kinderwaschplatz auf die Terrasse getragen; denn vor der Terrassentür ist das Foto entstanden.

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18 Gedanken zu „Kinder-Waschplatz

  1. Ulli

    Schön, lieber Martin, welche Schätze du noch hast und nun mit uns teilen kannst. Da ging es ja schon recht gut bürgerlich her, bei deinen Vorfahren. Bei uns waren alles ArbeiterInnen, arme Schlucker, enge Butzen und so richtig daraus zu kommen ist schwer …
    herzliche Grüsse
    Ulli

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Aber, ach, Vergangenheit, alles Vergangenheit. Zu der Zeit, als ich das Licht dieser schönen Welt erblickte, lebte die mit mir dann 7köpfige Familie in einer 2-Zimmerwohnung und mein Vater schlug sich als Saison-Apfelpflücker und Kohlen-Fuhrmann durch, die Tante auf dem Bild saß mit ihren 5 Kindern alleinerziehend (der Mann ist gefallen) in Köln, hatte keinerlei Ausbildung als das, was man als Mutter von 5 Kindern so lernt und war froh, als sie einen Job bei der Caritas bekam, wo sie Vorträge und Seminare über zeitgemäße Erziehung hielt oder so ähnlich …
      Liebe Grüße in den Süden! Martin

      Antwort
  2. puzzleblume

    Das war aber ganz schön fortschrittlich, so ein Waschmöbel für die Kinder, statt Zähneputzen und Katzenwäsche in der Küche. Ein schönes Bild ausserdem, weil man gleich auch die Keramik und das Leinenhandtuch sehen kann. Solche hatte meine Grossmutter auch noch, ein paar Aussteuerteile, die sie als Erinnerung mit auf die Flucht genommen hatte.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Meine Großmutter brauchte nicht zu fliehen, sie war ein Glückspilz zuzusagen. Nach dem plötzlichen Tod meines Großvaters 1938 hat sie alles verkauft und ist nach Berlin gezogen, Westteil. Nur deswegen sind auch die alten Fotoalben erhalten geblieben.

      Antwort
      1. puzzleblume

        Dann bist du sozusagen ein Erb-Gückspilz. Es war auch nicht dir dramatische Bolerwagen- oder Ostsee-Flucht, nur das vorsorgliche Weggehen mit Koffern und Eisenbahn, nachdem die Lage immer bedrohlicher wurde.
        Menschen glauben gern, der Blitz schlägt nicht zweimal ein: meine Grossmutter hatte nach dem Tod meines Grossvaters 1943 auch einen „Zwischenstop“ in Berlin, bei einer neuen Liebe, die ihr mit anderen Hälfte des Hauses, in dem sie nun wohnte, weggebombt wurde. Das Gerettete wurde immer weniger und sie ging damit dann aufs altmärkische Land, da war einigermassen Ruhe und keine mehrstöckigen Häuser …

      2. emhaeu Autor

        Nö, geerbt habe ich da leider nicht viel. Großmutter hatte 5 Töchter und und meine Mutter auch 5 Kinder – also ein Fünfundzwanzigstel von dem, was weder die Großmutter selbst (die nach dem Krieg von ihrem Geld gelebt hat) noch meine Eltern ausgegeben haben. — das altmärkische Land, das ist dann aber noch nicht das Wendland, oder? Oder ist sie, wie meine Eltern auch, als es ernst wurde mit dem Sozialismus in der DDR, noch weiter gezogen?

      3. puzzleblume

        Nicht finanzielle Glückspilzhaftigkeit meinte ich, sondern Wissen und sogar diesen Schatz an Fotos.
        In den Jahren um den Tod meiner Eltern herum hatte ich recht viel Zeit auf Familienforschung verwendet, teils um ihnen noch einen gefallen zu tun, aber noch mehr mir selbst, denn ich habe beidseitig ziemlich umtriebige Familiengeschichten im Rücken und denke manchmal, dass andere, vor allem ohne die weitgehend verlorene Ost-Geschichte, damit weniger Mühe haben. (Wahrscheinlich auch weniger Bedarf, habe ich auch gelernt.)
        Du hast richtig vermutet: meine Eltern hatten sich zunächst mit der SBZ arrangiert und die (Schnell-) Ausbildung zum Lehrer absolviert, FRussisch gelernt, jeder an einer anderen Dorfschule als alleinige Lehrkraft unterrichtet … dann gingen die Gerüchte von der strengeren Grenzziehung um und sie zogen es vor, in die Amerikanische Zone zu wechseln, nach Worms. Erst später zog es sie wieder in die Nähe des Heimatorts meiner Mutter am Arendsee. Die ex-preussischen Kurortbewohner befanden das Hannoversche Wendland hinter dem alten hannoversch-preussischen Grenzgraben und dem ausgedehnten Wald übrigens als zu vernachlässigen. Man pflegte allenfalls von Besatzungszone zu Besatzungszone einen lebhaften Schmuggel, Schweine und Kartoffeln gegen Porzellan und andere Dinge, die es sonst nicht gab.
        Später zog es sie wegen Ähnlichkeiten mit Heidelandschaften in Ostpreussen und wegen der Nachfrage an Lehrern in die ziemlich leere und noch sehr entwicklungsfähige Gegend der Lüneburger Heide und von dort noch näher zur Grenze, wo man die Ortsnamen wieder kannte, also ins Wendland. Wir mussten am 17. Juni auch immer „Grenze gucken“.

      4. emhaeu Autor

        Ich habe lange gebraucht, bis ich begriffen habe, dass diese alten Alben etc. so etwas wie ein Schatz sind. Waren mir eher immer peinlich, die alten Geschichten aus der alten Heimat. Als mein Vater auf komplizierten Wegen 25 Jahre nach Kriegsende zwei handgeschriebene und mit Fotos versehene Bände, die meine Großmutter in ihrem Ruhestand angelegt hatte, wieder bekommen hat (Gerettet, sagte er immer), da hat er für den „Schatz“ extra ein Schließfach bei der Sparkasse gemietet. Fand ich als Mensch in den 20ern völlig albern, jetzt sind die beiden Bände in meiner Familienkiste gelandet …

        Am Arendsee sind wir, als wir vor 2 und 3 Jahren auf Haussuche waren, auch gewesen, mehrmals, weil wir ja so gerne segeln. Aber das kam mir dann doch von der Anmutung her allzu östlich vor; da war ich ja froh, wenn ich wieder über die nicht mehr existierende, aber deutlich zu sehende Grenze zurück im schönen Wendland war ….

      5. puzzleblume

        Mit 20 hatte man die Nase voll von den alten, entweder bedrückenden oder lediglich muffigen Geschichten, von denen nichts zu einem selbst zu gehören schien. Dass dieses nicht selbst miterlebte Fremde aber doch spürbaren Einfluss auf die eigene Persönlichkeit genommen hat, zeigte sich mir erst viel später, wenn man von der Selbstbehauptung zur Selbsterkenntnis wechselt, um damit nochmal neu anzufangen, an einem bewussteren Selbstbild zu arbeiten.

        Meine Eltern hatten kurz nach der Wende die Gelegenheit, das Elternhaus meiner Mutter für den Gegenwert eines mittelalten Gebrauchtwagens zurück zu kaufen, und es nach einigem Überlegen bleiben lassen, obwohl das kleine Fachwerkhaus knapp oberhalb des Sees ideal gelegen war. Anfang der 90er gab es noch zu viel baulichen Nachholbedarf, und sie waren schon im Rentenalter und nicht mehr ganz gesund, hatten zudem inzwischen jahrzehntelang ein Haus und den vertrauten Arzt und die fast neunzigjährige Oma im Altenheim …
        Ich habe zwar das diffuse Gefühl einer entglittenen Gelegenheit, aber hätte mich dort ähnlich fremd gefühlt wie in Österreich: nicht ausländisch genug, um Animositäten als normales Fremdeln zu empfinden.

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