Thomas Bernhard – Die Billigesser

billigesser

Was soll man nur von einem Schriftsteller halten, der solche Sätze schreibt:

Jahrelang war er mit den Billigessern zusammen gewesen und hatte mit den Billigessern billig gegessen, so billig mit den Billigessern gegessen wie nirgends sonst und tatsächlich wie nirgends so billig und gut gegessen, denn in der WÖK habe er, Koller, immer billig und gut gegessen und nirgends hätte er jemals noch billiger und besser essen können.

Ach, ab und zu lese ich diese holprigen, sich in endlosen Wiederholungen und Variationen von Seite zu Seite weiter hangelnden Sätze gerne. Natürlich geht es in der Erzählung von den Billigessern, die nicht zu den bekanntesten Werken von Thomas Bernhard gehört und für Thomas-Bernhard-Anfänger nicht so besonders zu empfehlen ist, weder um das Essen noch um die Qualität der Mahlzeiten in der WÖK, der Wiener öffentlichen Küche.  Wie so oft bei Thomas Bernhard geht es um einen Außenseiter, einen Gescheiterten, der sich freilich für einen ganz großen Geist hält und der die ganze Zeit von seinem großen Werk redet, ohne dass er auch nur ein einziges Kapitel dieses angeblich epochalen Werkes vollendet hätte. Und, um das Ende vorweg zu nehmen (Spannung im üblichen Sinne gibt es sowieso nicht): Am Ende stirbt dieser schwadronierende „Geistesriese“, ohne auch nur angefangen zu haben, dem Erzähler (und damit dem Leser) wie versprochen einen Einblick in die Grundzüge seines Werkes zu geben.

 

 

 

 

 

Advertisements

15 Gedanken zu „Thomas Bernhard – Die Billigesser

  1. puzzleblume

    Wenn man sich noch den synkopischen Rythmus der österreichisch gefärbten Tonart dazu denkt, wird es zum typischen Geplauder nach dem dritten bis vierten Achterl Wein und damit sehr stellvertretend für viele andere, ganz ähnliche Monologe kleiner Gernegrosse.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Zur österreichischen Mentalität fehlt mir das Hintergrundwissen. Als ich das letzte Mal länger als auf der Durchreise die Alpen überwunden habe, war ich noch in dem Alter, wo mir meine Eltern einen Almdudler bestellt haben – zu jung, um Feldstudien zu betreiben. Und in richtige Kneipen sind wir auch nicht gegangen, nur in langweilige Cafés, wo sich die schifahrenden Touristen nach dem Schikurs trafen.

      Antwort
      1. puzzleblume

        Caféhaus wäre schon recht, nur eines, in dem eben nicht die Touristen sondern die einheimischen stundenlang verweilen, weil’s daheim ‚eh fad‘ wäre.
        Ich habe das während meiner Österreichphase schon beobachten können, wie viele Menschen sich zu beliebigen Tageszeiten ins Café setzen, ohne verabredet zu sein, weil sich über kurz oder lang die Gelegenheit zu einem Gespräch mit einem so „erbeuteten“ Bekannten ergibt, nicht notwendigerweise ein Dialog, es hat eher eine Art egozentrierter Drainage-Funktion.

      1. Henning zu Henningsheim

        Einerseits nimmt die Zahl der „Billigessenwoller“ ab, auf der anderen Seite erhält das Heer der „Billigessenmüsser“ täglichen Zulauf. Gut, Veganes wäre in diesem Fall nicht von vornherein abzulehnen, es wächst so manches am Wegesrand …

  2. Simone Spicale

    Wenn ich ein paar Seiten Thomas Bernhard gelesen habe, fange ich schon an, in Bernhardschen Sätzen zu denken. Fast Melodie, wie ein Singsang, das lässt mich nicht los und ich mag das. Die Billigesser kenne ich noch gar nicht, werde Sie nun aber mal lesen – nach DEM! Zitat! 😉 😉 🙂

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Die Billigesser nebst Satzmelodie gehen mir auch nicht so recht aus dem Kopf – ist ja eigentlich ein sehr trauriges Buch, das Lachen über den Gescheiterten, der sich lächerlich macht, will nicht so recht gelingen.

      Antwort
  3. khecke

    Ich musste bei Google erst einmal nachlesen, wer Thomas Bernhard ueberhaupt ist. Wo als einer der groessten Schriftsteller der deutschsprachigen Nachkriegszeit beschrieben wird. Er wurde erst mit 1957 als Schriftstelle bekannt, also zu einer Zeit als ich Deutschland schon den Ruecken gekehrt hatte und kann mir daher ueber ihn kein Urteil abgeben, weil ich nichts von ihm gelesen haben und wahrscheinlich auch nichts lesen werden.
    Es genuegt mir also, was Du ueber ihn geschrieben hast.
    LG aus dem fruehlinghaften Arkansas,
    Karl-Heinz

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Lohnt sich aber, vor allem seine Werke, in denen er seine Kindheit beschriebt. Aber auch da muss man sich erst mit dem komischen Stil anfreunden – und so sehr erheiternd sind diese Bücher auch nicht.
      LG aus dem Rheinland – am Donnerstag müssen wir noch mal nach Nevada, die Tante meiner Frau besuchen, die einen, wie man bei Euch sagt, Conservator braucht – schwierige Sache.
      Schöne Grüße! Martin

      Antwort
  4. Manfred Voita

    Bis jetzt fehlt mir immer noch der Zugang zu seinem Werk. Ja, der Satz mit den Billigessern hat was, aber ob das reicht? Ich hab schon mal ein Hörbuch ausprobiert, aber nur ausprobliert, hat mich auch nicht gefesselt. Aber das war im Bus, da funktioniert so einiges nicht recht. Vielleicht muss ich ihm noch mal eine Chance geben.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Im Bus – das stelle ich mir schwierig vor. „Beton“ hat mich sehr beeindruckt, auch, weil etwas weniger düster, „Wittgensteins Neffe“, da ist auch mal was mehr Handlung drin und zeithistorischer Hintergrund.

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s