Familienausflug 1915

Ich bin immer wieder überrascht, wie gut man verblichene Fotos dank Lightroom und Photoshop wieder auffrischen kann. Dieses Bild beispielsweise hatte ich schon beiseite gelegt und habe es dann einfach mit der Kompakt-Kamera abfotografiert. Unbearbeitet sieht es so aus:

DSC08162

Nach 3 Stunden intensivem Rumgeklicke so:

DSC08162

Der Detailreichtum der alten Aufnahme ist bei der Verkleinerung auf WordPress-Format etwas auf der Strecke geblieben, trotzdem sieht man schön das Familienidyll.

Das Idyll ist allerdings eher scheinbar. Meine Großmutter, damals 41 Jahre, war seit 2 Jahren Witwe und mit der Bewirtschaftung des großen Hofes überfordert. Der stehende Mann neben ihr war ihr bester Freund, der Ortspfarrer, „Geistlicher Rat“ genannt. Er spielte den Ersatz-Vater. Die beiden Söhne waren seit Jahren fast nur in den Ferien zuhaus, da sie in der Stadt das Gymnasium besuchten, wo sich eine „Pensionsmutter“ um sie kümmerte. Die Tochter (mit dem großen Hut, meine Tante) war in einem Nonneninternat gewesen, hatte es aber wegen Krankheit verlassen müssen. Sie war zu dem Zeitpunkt 16 Jahre alt und musste sich um den Haushalt kümmern, weil die Mutter ja ständig litt und überfordert war. Ein Sohn, der ältere, hatte schon Schlips und Kragen. Es war sein letztes Jahr auf der Schule, dann musste er an die Front, wo er alsbald in Kriegsgefangenschaft geriet und als „verschollen“ galt. Er kehrte erst 1920 zurück. Der jüngere Sohn, der mit dem Matrosenanzug, ist mein Vater, er war mit seinen 14 Jahren zu jung für den Krieg und musste zur Schule gehen, ein schlechter Schüler, wie er selbst sagte, der aus einem Grund, den er nie verraten hat, das Gymnasium vor dem Abitur verlassen musste. Und dann ist da noch ein etwas rätselhaftes Mädchen, offenbar mit meinem schicken Onkel herumturtelnd. War wohl schon früh ein Frauenheld, der Onkel,  der sich  15 Jahre später in aller Form mit meiner Mutter verlobt hat und der sie auch geheiratet hätte, hätte ihm mein Vater nicht die Braut ausgespannt.

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16 Gedanken zu „Familienausflug 1915

  1. Susanne Haun

    Eine amüsante Geschichte und ein klasse Foto Martin. Micha fragt, ob das ursprüngliche Foto das abfotografierte ist oder ob du es auch mit einem Scanner versucht hast und wenn ja mit welchen?
    Viele Grüße von Micha und mir aus Berlin
    Susanne

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Wir haben keinen Scanner mehr, weil der alte, ein gutes Modell eigentlich, nicht mehr mit Windows 8 oder 10 zusammenarbeiten will. Seitdem fotografiere ich alte Bilder immer ab.

      Schöne Grüße zurück! Martin

      Antwort
  2. juergenkuester

    Lieber Martin!
    Es ist wirklich toll, unterhaltsam und inspirierend, dass Du uns mit Hilfe der Bilder an Deiner Familiengeschichte teilhaben läßt. Ich freue mich schon auf die nächsten Bilder und Geschichten.
    Alles Gute, liebe Grüße Juergen

    Antwort
  3. Ulli

    Das ist wahrlich ein tolles Bild-Ergebnis, DREI Stunden: Chapeau, lieber Martin!

    Deine Familiengeschichte lässt mich wieder staunen, ihr scheint eine Familie (gewesen) zu sein, die sich die alten Geschichten erzählt haben, ich mag das sehr. Danke, dass du deine Geschichte mit uns teilst. Geschmunzelt haben ich auch …

    liebe Grüsse
    Ulli

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Nicht nur erzählt, sondern die Großmutter, die Tante auf dem bild, mein Vater und meine Mutter haben ihre „Memoiren“ geschrieben und eine Menge alten „Kram“ aufgehoben, der jetzt bei mir gelandet ist.
      Einen schönen Gruß zurücke! Martin

      Antwort
      1. Ulli

        Klasse! Mein Sohn wünscht sich ja auch immer von mir alle meine vollgeschriebenen Bücher, aber ich zögere noch …

      2. emhaeu Autor

        …. was gibt es da zu zögern …. meine Mutter hat, wenn ich das heute recht sehe, darunter gelitten, dass damals ihr „Geschreibsel“, wie sie es nannte, eigentlich niemand lesen wollte.

      3. Ulli

        Vielleicht ist das nicht ganz vergleichbar, da ich ja in dem Sinne kein Tagebuch führe und so manche Emotion auf Papier ausgetobt wurde und ich weiss nicht, ob ich das den Nachkommen zumuten möchte, das nicht und all meine Eskapaden in jungen Jahren …

  4. Manfred Voita

    Ungewöhnlich ist wohl, dass in deiner Familie so viele Bilder aus dieser Zeit, nein, nicht nur erhalten sind, sondern überhaupt gemacht wurden. Fotos, die ich kenne, sind eher bei offiziellen Anlässen entstanden und von einem ortsansässigen Fotografen gemacht worden. In der freien Natur und mit eigener Kamera, das ist schon bemerkenswert für die Zeit vor 1920.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Das verstehe ich in diesem Fall ehrlich gesagt auch nicht, denn mir ist völlig unklar, wer damals fotografiert haben soll. Man nimmt ja keinen Profifotografen mit in den Wald. Fotos aus der Familie meiner Mutter, von denen ich auch schon welche bearbeitet und gepostet habe, erklären sich einfacher: Meine Großmutter mütterlicherseits hatte sich schon 1905 (da war sie 25 Jahre alt und hatte 3 Kinder) in ihrem Haus eine kleine Dunkelkammer eingerichtet und die Filme (wahrscheinlich aber Platten) selbst entwicklelt und (wahrscheinlich) Kontaktabzüge davon gemacht. Damit war die Großmutter nicht so ganz alleine auf der Welt. Eine Frau gleichen Alters aus einer ganz anderen, angeheirateten Familienecke (dieVerwandschaftsverhältnisse zu erklären würde zu weit führen) hat nur wenig später eine Fotografenlehre gemacht und eher romantische Landschaftsaufnahmen aufgenommen, die fein vergrößert, gerahmt und signiert an der Wand hingen. Hat dann aber nicht als Fotografin gearbeitet, sondern einen wohlhabenden Mann geheiratet.

      Antwort
  5. puzzleblume

    Das Überarbeitungs-Ergebnis ist wie ein kleines Wunder, einerseits wegen der wiedergewonnenen Klarheit, andererseits wegen der Lebendigkeit der Szene im Foto und in deinen Erläuterungen zu den Personen. Sehr spannend.

    Antwort
  6. khecke

    Hast Du gut hinbekommen mit der Bildbearbeitung. Ich habe so ein Program, wo die ausgebleichten Farbbilder wieder die richtige Farbstaerke bekommen, obwohl das nicht ganz 100%ig ist.
    Gruss Karl-Heinz

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Farbbilder sind besonders schwierig zu restaurieren, da beißt man sich manchmal auch mit Profi-Programmen die Zähne dran aus. LG Martin

      Antwort

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