Und am besten sich selbst

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„Der Wald gehört allen, die ihn lieben, und am besten sich selbst“ – einer der zahlreichen Sprüche, mit denen die von manchen Leuten und der örtlichen Presse aus irgendeinem Grund immer „Aktivisten“ genannten Menschen, die unweit von meinem Wohnort seit Jahren illegal auf einer Wiese campieren, im Ort Mauern, Straßenlaternen oder Papierkörbe verzieren.

Komischer Spruch, ging mir beim Spaziergang mit dem Hund durch den Kopf. Dass der Wald allen gehören soll, also vermutlich der Vertretung von allen, also dem Staat, ist der übliche Antikapitalismus. Da sich die Mehrzahl der „Aktivisten“ aber explizit als Anarchisten bezeichnen, kommt das mit dem Staat nun auch nicht in Frage. Vielleicht sollen dann ad hoc abgehaltene Versammlungen entscheiden, demokratisch nach dem Mehrheitsprinzip. Dummerweise hat die demokratisch gewählte rot-grüne Landesregierung und haben alle nachgeordneten Behörden entschieden, dass der Wald, um den es hier geht, abgeholzt wird. So stellen sich unsere grünen Anarchisten also offenbar den Entscheidungsprozess nicht vor.

Deshalb wohl der Zusatz „allen, die ihn lieben“. Nachtigall, ich hör dir trapsen. Man braucht kein Politologe zu sein, um zu sehen, dass mit diesem harmlosen daher kommenden Nebensatz demokratische Entscheidungsprozesse ausgehebelt werden sollen. Die Verfügungsgewalt über den aus Privatbesitz enteigneten („gehört allen“) Wald geht nicht auf das Volk in seiner Gesamtheit über, sondern auf den Teil, der selbst die Verfügungsgewalt usurpiert. Wer den Wald liebt, entscheiden die, die von sich behaupten, den Wald zu lieben. Weisungsbefugt also ist sozusagen das selbsternannte Zentralkommitee der Waldliebhaber.

Aber es geht weiter: „am besten sich selbst“. Hm, wie würde der Wald handeln, wenn er sich selbst gehören würde? Das ist ein weites Feld. Und wahrscheinlich gar nicht gemeint. Gemeint ist, dass man den Wald am besten sich selbst überlassen würde. Da kommt dann der romantische Kern unserer grün-anarchistischen Naturschützer zum Vorschein. Dann nämlich, so der feste Glaube aller Romantiker, wenn man die Natur im Allgemeinen und den Wald im Besonderen nur sich selbst überlassen würde, dann würde der gute Geist des Waldes das Regiment übernehmen, ein Sohn (oder eine Tochter?) der guten Mutter Natur. Und alles ist in Butter.

Der wild wuchernde Wald, der Urwald, das wiedergewonnene irdische Paradies, ein Ort natürlicher Harmonie, …  Mir scheint: Je mehr die Menschen den Kontakt zur real existierenden Natur verlieren, um so fester glauben sie an die treu sorgende Mutter Natur, an das irdische Paradies, das entstünde, wenn erst all die bösen Menschen weg wären, die den Wald nicht lieben.

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8 Gedanken zu „Und am besten sich selbst

  1. Manfred Voita

    Also wenn alle Menschen, auch die, die den Wald lieben, erst mal wieder weg sind, dann kann der Wald sich von Menschen unbehindert entwickeln. Ob es ihm dann gut geht? Den Glauben an die Weisheit von Mehrheitsentscheidungen habe ich allerdings inzwischen weitgehend verloren. Was ist schon richtig? Was ist gut für uns und für die Natur? Wir stimmen ab, eine Regierung entscheidet. Das Ergebnis ist legal, wir akzeptieren das. Das war es aber auch schon.

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    1. emhaeu Autor

      Eine der wenigen Sachen, die mir aus der Schule in der Klasse 12 im Gedächtnis geblieben sind. Der Lateinlehrer erklärte uns verblüfften Schülern, dass die Monarchie die ideale Staatsform sei. Wenn … aber solange kein idealer Monarch in Sicht ist, scheint mir das Mehrheitsprinzip das kleinste der Übel.

      Antwort
    1. emhaeu Autor

      Vor allem die Biber stelle ich mir sehr lustig vor mit ihren Transparenten. Gibt es hier aber nicht, weil es weit und breit kein fließendes Gewässer gibt; erst in der Eifel tun sie, was sie halt so tun: Bäume fällen.

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  2. khecke

    Ich wohne mitten im Wald – Privatgrundstück – und ich stelle mir vor, dass sich jeder auf meinem Grundstück niederlassen kann bzw. campen würde. Warum nicht gleich in mein Haus einziehen?

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    1. emhaeu Autor

      Ist ein bißchen komplizierter: Die Leute campen ja nicht im Wald, sondern auf einer Wiese am Waldrand. Diese Wiese gehört einem Sympathisanten, der erlaubt es. Aber natürlich darf man seine Wiese nicht einfach so zu zu einem Campingplatz machen, da gibt es kein Wasser, keine Toiletten, nichts. Außerdem werden aus diesem Camp heraus immer wieder Straftaten begangen, Stromkabel in Brand gesetzt, Strommasten angesägt, Bagger angezündet, Autos mit Steinen beworfen etc. Hat alles mit dem Umweltschutz, von dem sie immer reden wenig zu tun.

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