Franz Werfel: Eine blassblaue Frauenschrift

werfel

Schon wieder ein Buch gelesen, obwohl es draußen genug zu tun gibt. Aber nur ein dünnes. Dicke Bücher lassen mich sowieso immer mutlos werden, weshalb ein dicker Roman von Martin Mosebach immer noch ungelesen auf dem Regal steht.

Diesmal also Werfel, von dem ich bisher nur den „Abituriententag“ kannte. Die „blassblaue Frauenschrift“ lief mir in Köln in einem dieser öffentlichen Bücherschränke über den Weg.

Ach, kann der schreiben! Das ist die gute alte deutsche Erzählkunst – 1941 im Exil geschrieben, könnte man vielleicht eine Spätblüte nennen. Zum einen die Geschichte eines Mannes, der mit 50 Jahren ein hohes politisches Amt bekleidet, mir einer sehr reichen und schönen Frau verheiratet ist und sich selbst ständig auf die Schulter klopft, wie herrlich weit er es doch gebracht hat. Bis eben dieser Brief mit der blassblauen Frauenschrift ankommt, der Brief einer ehemaligen Geliebten, der ihn völlig aus der Bahn wirft. Doch zum anderen nicht nur ein interessantes Beziehungsdrama. Denn der hohe Ministerialbeamte ist, was Werfel sehr kunstvoll langsam und sparsam enthüllt, ein politischer Mitläufer, der – wir sind in der 30er Jahren – den sich steigernden Antisemitismus zwar nicht aus Überzeugung vorantreibt, ihm aber auch nichts entgegen setzt. Ein ganz normaler antisemitischer Mitläufer sozusagen, dem durch den Brief der ehemaligen Geliebten ein Ausweg aus den Verstrickungen gezeigt wird, den er aber nicht annimmt.

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2 Gedanken zu „Franz Werfel: Eine blassblaue Frauenschrift

  1. Manfred Voita

    Interessant und passt ganz gut zu meinem aktuellen Interessenschwerpunkt: Exilliteratur. Allerdings beschäftigt mich gerade besonders das Exil in Amsterdam. Aber Werfel wurde, wie viele andere auch, von einem der Verlage veröffentlicht, die sich in Amsterdam auf die deutschsprachige Exilliteratur spezialisiert hatten – also passt er ins Bild.

    Antwort
  2. emhaeu Autor

    Was mich in diesem Zusammenhang erstaunt: Werfel hat diese Novelle in Kalifornien geschrieben, an der Küste. Offenbar hat er sich dort vollständig von der Umgebung abgekoppelt und das alte Wien aufleben lassen. Das scheint mir auch eine kleine Schwäche zu sein: Denn der Leser kann lange Zeit gar nicht erschießen, in welcher Zeit die Geschichte eigentlich spielen soll …

    Antwort

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