Fleischsalat und andere große Menschheitsfragen

Auf eine Wand bei unserem Bahnhof ist neben vielem anderem dies gesprüht worden:

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Die Frage nach einem Gott wird ebenso kurz wie bündig abgetan. Nun gut, aber mir kommt bei dergleichen immer Martin Walser in den Sinn, der einmal sinngemäß gesagt hat, er wundere sich darüber, wie manche Menschen metaphysische Fragen, über die sich die größten Denker der Menschheit den Kopf zerbrochen haben und zerbrechen, mit einem kurzen Statement für erledigt erklären.

In die gleiche Kategorie gehört die zweite Aussage: Auch zur richtigen Regierungsform gibt es bekanntlich nicht erst seit Plato aus gutem Grund immer wieder neue Überlegungen, die mit „kein Staat“ vom Tisch gewischt werden. Kein Staat – ob dem, der das da an die Wand gekritzelt hat, auch klar war, dass es damit keine Instanz mehr gibt, die Besitz und Gebrauch von Waffen beschränkt, dass es ohne Staat auch keinen Rechtsstaat gibt? Dass also die Betreiber der Braunkohletagebaue sich eine kleine Privatarmee aufbauen könnten, die mit den Braunkohlegegnern kurzen Prozess macht. Festnahme und dann ab in ein privates Gefängnis oder so.

An der dritten Aussage, die irgendwie lustig klingen soll, erstaunt der Rang, der der Frage nach der richtigen Ernährung gegeben wird: Gleichauf mit den großen Fragen nach Gott und nach der Organisation steht die Frage, ob der Mensch tierische Produkte zu sich nehmen soll. Dass dies für so wichtig gehalten wird, liegt offenbar am vorhandenen Überfluss. Freiwillig auf einen großen Teil des Nahrungsangebotes zu verzichten und tote Tiere auf den Müll zu werfen kann sich nur der erlauben, der im Überfluss lebt. Gerade der von diesen Kreisen propagierte Veganismus hat eine funktionierende hoch spezialisierte und hoch technisierte Produktion von Obst und Gemüse zur Voraussetzung, und zwar im weltweiten Maßstab. Wahrscheinlich weiß niemand von diesen Jungveganern, was es im Winter in Deutschland zu essen gibt, wenn man nichts importiert, nichts in beheizten Gewächshäusern produziert und in Kühlhäusern oder Gefriertruhen lagern kann …

Der Kapitalismus jedenfalls, er scheint noch zu funktionieren, denn es werden T-Shirts mit dem zitierten Spruch angeboten: https://www.rootsofcompassion.org/de/kein-gott-kein-staat-kein-fleischsalat-t-shirt-gross-gerade – das finde ich dann wieder beruhigend.

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4 Gedanken zu „Fleischsalat und andere große Menschheitsfragen

  1. puzzleblume

    Das Gehirn mancher Menschen arbeitet in eigenen Prozessen, das von anderen in gespeicherten Schlagworten und Parolen, die mit Ansichten und Vorgaben verbunden durchlaufen wie beim „einarmigen Banditen“ die Bildsymbole – jeder kennt Menschen, die stets in Phrasen sprechen, in Redensarten, Sprichwörtern, Meinungsformeln und Zitaten, auch Bibelzitate, die über „eh alles“ drübergbügelt wurden, oder Kirchenlidern, die in Melodie und Wortlaut so exakt verinnerlicht waren, dass man danach exakt den Weichheitsgrad beim Eierkochen bestimmte.

    Veganer haben aufgrund ihres guten Willens Anerkennung verdient, aber ihre Naivität, dass eine Beschränkung auf pflanzliche Nahrung keine tierischen Mitwesen das Leben kostet, macht mich stets aufs Neue wundern und ein bisschen neidisch. Es wäre so schön, aber leider streichelt auch der Pflanzenbau nicht die Tiere, die dabei unter den Pflug und in die Erntemaschinen geraten, sondern tötet sie und – verarbeitet sie auch mit. Es gibt genau definierte Anteile tierischen Eiweisses, die in pflanzlichen Produkten nach dem Verarbeiten enthalten sein dürfen, und das sind sie auch, unvermeidlich. Wer z.B. Wein trinkt, und nicht weiss, ob handgelesen oder nicht, hat bei maschinell geernteten, meist günstigeren Weinen einen unappetitlichen Anteil Insekten, Laubfrösche und Vögel im Glas, auch wenn bei der späteren Schönung auf tierischen Produkte verzichtet wurde, und er darum „vegan“ sein darf.

    Der Mensch an sich denkt zu kategorisch, manche mehr als andere, aber eigentlich alle.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Nun, da würde der Veganer als solcher antworten: Besser ein wenig tierisches Protein als ….
      Ist mir aber alles zu starr und scheint mir auch eine Sache landfremder Großstädter zu sein. Der biologisch-dynamische Steiner Rudolf, den ich wegen seinem okkulten Hokuspokus sonst gar nicht so mag, fordert für die Demeter-Höfe biologische Kreisläufe, zu denen selbstverständlich auch Tierzucht gehört ….

      Antwort

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