Endlich wieder Silberbesteck

silberpunze90g

Wikimedia, von Phrontis

Wo Damast-Servietten auf den Tisch kommen, da darf das Tafelsilber nicht fehlen. Dass nichts über silberne Löffel, Gabeln und Messer geht, habe ich in meiner Kindheit gelernt. Ich kann mich gut daran erinnern, wie wir um den Esstisch herum saßen und „das Silber“ geputzt haben. Habe ich nicht ungern gemacht: Wie schön die Löffel nach dem Polieren glänzten!

Dabei brachte mir meine Mutter bei, dass eigentlich nur „richtiges“ Silberbesteck zählte. 90 Gramm Silberauflage, das war nur so „na ja“, und Leute, die dergleichen ihren Gästen hinlegten, waren auch nur „na ja“. Das prägte: Noch heute ertappe ich mich dabei, wie ich unauffällig eine Gabel herum drehe und mit der Lesebrille betrachte: Vollsilber, Auflage, und, wenn Edelstahl, dann wenigstens Cromagan?

Wir hätten uns um 1960 kein silbernes Besteck leisten können, was wir hatten, war von der Berliner Oma geerbt und füllte zwei mit dunkelblauem Samt ausgefüllte Schubladen. Da lag es fein geordnet in speziellen Halterungen, die Löffel in Löffelstellung, wie es sich gehört. Die großen Messer allerdings passten nicht so recht, die passenden hatte wahrscheinlich eine meiner Tanten geerbt. Das ganze sah längst nicht so toll aus, wie man aufgrund des blauen Samtes denken könnte. Der Stoff war fleckig, stellenweise arg verblichen. Aber er stammte aus dem Elternhaus meiner Mutter in Marienburg in Westpreußen – das reichte als Begründung.

Das Silber wurde nur hervor geholt, wenn Gäste kamen, vielleicht auch Weihnachten. Sonst aßen wir von ebenso unverwüstlichem wie schnörkellosem Edelstahl-Besteck, das recht verkratzt war. Schnörkellos war meiner Mutter wichtig, nur glattes Industrie-Design kam in Frage.

Mit zunehmendem Alter (und nicht immer im Gleichtakt zunehmender Reife) kam mir das mütterliche Getue um das „gute Silber“ mehr und mehr affig vor. Und als ich mir als Student Besteck kaufte, nahm ich etwas, das man damals bei Karstadt in Wühlkisten kaufen konnte: Billig, Edelstahl und schnörkellos, was wollte ich mehr. Später wurde dann noch eine Kiste von WMF dazu gekauft, ein schnörkelloser Entwurf, versteht sich.

Als meine Mutter vor ihrem Tod ihre Kinder fragte, wer was erben wollte (die blauen Samtkisten waren mit ins Altersheim gezogen), überließ ich das ganze Silberzeugs meinen Schwestern.

Dann gingen noch einmal 10 Jahre ins Land, bis meine Schwiegermutter starb, und uns das komplette Silberbesteck vererbte, das sie ihrerseits von ihrem Schwiegervater geerbt hatte. Nur 90er Silberauflage (… na ja, …), aber ein schöner Entwurf aus den 30er Jahren, ohne große Schnörkel, versteht sich. Wir benutzen es jeden Tag, und schon wenn ich die Besteckschublade aufziehe,  schimmert es mich an. Kein blauer Samt, keine Halterungen – ob es sich da wohl fühlt?

 

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10 Gedanken zu „Endlich wieder Silberbesteck

  1. Ulli

    Unsers lag in rotem Samt, Auflage keine Ahnung, wahrscheinlich naja. Auch dieses wurde nur zu besonderen Anlässen hervor geholt, poliert, gespült, trocken gewienert und glänzte nun für einen Tag oder zwei auf den weissen Tischtüchern, nebst Servietten, ja auch aus Stoff, auch Damast. Ansonsten Löffel in Löffelstellung und Gabeln in Gabelstellung, Messer schnittig geradeaus in schmalen Schlitzen. Insgesamt war es mir immer zu gross und ich mochte auch nicht wirklich den Geschmack des Essens von dem Silberbesteck. Als ich dann einmal den Kardinalfehler beging und ein Ei mit Silberlöffel ass (sorry, ich habe kein Esszett auf der Tastatur), war es endgültig mit mir und dem Silberbesteck vorbei.
    Feine Geschichte, deine …
    herzlichst
    Ulli

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Ei mit dem Silberlöffel – da gibt es doch die schönen Porzellanlöffel, vom 6er-Pack ist dann noch 2 Monaten nur noch einer übrig, weil der Boden einfach zu hart für solche Löffel ist. Dann kommt der Moment, wo man zu Plastik greift. Aber was macht man, wenn es Omlette oder dergleichen gibt?

      Antwort
  2. Susanne Haun

    Guten Morgen, Martin,
    Micha und ich haben uns köstlich amüsiert, vor allem, weil wir seit dem Sommer überlegen, was wir mit dem „na ja“ Silberbesteck meiner Tante Rohrbeck machen, dass ich schon im Alter von 12 Jahren erbte und seit her tapfer von Wohnung zu Wohnung schleppe, ohne es je benutzt zu haben. Es hat eine dunkle Patina angesetzt, wahrscheinlich ist es auch das letzte mal von meiner Tante geputzt worden ….
    Ich mag mein wmf Lübeck Besteck, das meine Eltern zur Hochzeit bekamen und das sie mir vor knapp 10 Jahren schon zu Mamas Lebzeiten übergaben.
    Ich denke, ich schreibe einen Blogbeitrag darüber…. und verlinke zu deinen Beitrag……
    Liebe Grüße von Susanne und Micha

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Na dann könnt ihr ja demnächst mal einen gemütlichen Abend mit Silberputzen verbringen … Da gibt es ja die einfache Methode Alufilie, Salz und heißem Wasser (oder so ähnlich), wo man die Sachen einfach reinlegt und schon sind sie sauber. Aber den besseren Glanz bekommen sie, wenn man richtig putzt und poliert. LG Martin

      Antwort
      1. emhaeu Autor

        Die Reihenfolge, liebe Susanne, nämlich erst zeichnen und erst dann benützen, ist für eine Zeichnerin ja auch richtig (:-)

  3. puzzleblume

    Schön konsequent. Silber auf dem Tisch hat einfach ein anderes, ein festlicheres Leuchten und bei uns wird es Weihnachten auch auf den Tisch kommen, auch für die Kässpatzen am Heiligabend. Rund 14 Jahre stellten Teile meine Silber-Serie langweilende Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke meiner Taufpaten dar, als meine ältere Verwandtschaft noch an das Prinzip der Aussteuer glaubten.
    Lange Jahre danach mochte ich es wegen der konservativ-bedrückenden Assoziationen und des Pflegeaufwands auch nicht so recht leiden. Seit das aber alles so lange her ist und ich den Alufolien- & Salz-Trick kenne, muss ich mich auch nicht mehr über die Mühe ärgern, die es macht, ein lang benutztes Besteck wieder ansehnlich zu machen, ohne dass nachher alles nach Zahnpasta riecht.
    Edelstahlbesteck bleibt aber trotzdem das für den Alltag, solange ich meinen männlichen Mitbewohnern nicht abgewöhnen kann, widersetzliche Vakkuum-Schraubdeckel mit Messerklingen oder Löffeln anzuheben und das Besteck damit zu verschandeln.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Ja, die Mitbewohner … Bei Grillaktionen ziehe ich inzwischen immer vorher die langen Gabeln (keine Ahnung, wie die korrekt heißen, die Gabeln für die Käseplatte halt) aus dem Verkehr, weil sie übers Feuer gehalten werden, um mal ins Fleisch zu piksen … Alu und Salz ist praktisch, mache ich aber nicht mehr, nicht nur, weil dabei ein gar nicht so gesundes Gas entsteht. Putze jetzt immer mit Poliboy-Silberputz, das ist so was mit einem Schwämmchen und besonders stinken tut es auch nicht (da ist Mitbewohnerin sehr pingelig) – und: Es glänzt schöner …

      Antwort
  4. Pingback: Echt Silber oder was? – Susanne Haun | Susanne Haun

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