Probleme mit der Integration

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Dr Zoch kütt, wie man hier so sagt. Wie in jedem Dorf rings um Köln geht auch in unserem Dorf ein Rosenmontagszug. Die Leute gehen auf die Strasse, wir auch. Ein paar Bekannte, die nicht am Zugweg wohnen,  haben sich dazu gesellt, eine Nachbarin bringt eine Schüssel selbst gemachte Muzen vorbei. Das Wetter ist leidlich, die Stimmung gut, Konfetti regnet, Blaskapellen und Lautsprecher spielen ohne Unterlass kölsche Lieder.

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Ich stehe dabei, aber mir fehlt das, was man die innere Begeisterung nennen könnte. Karneval, na schön, aber ich könnte auch ohne auskommen. Dabei habe ich mein ganzes Leben nie weiter als 30 Kilometer Luftlinie vom Kölner Dom entfernt gewohnt. Bin also ein Rheinländer, sagt man. Wenn ich – wie letztens erst – höre, wie Leute darüber schimpfen, dass aus dem Ausland zugezogene Menschen sich auch in der zweiten Generation schwer tun mit der Integration, dann denke ich: Ja Leute, wenn das so einfach wäre. Ich weiß, wie schwierig das ist.

Das geht ja schon bei der Sprache los. Meine Eltern haben Deutsch gesprochen, perfektes, aktzentfreies Hochdeutsch. Die hiesige Sprache zu erlernen hielten sie für unter ihrer Würde. Kölsch reden wie die Nachbarn? Wer sind wir denn … ! Die Kinder im Kindergarten und die Mitschüler in der Volksschule, die sprachen untereinander fast alle Kölsch und ich musste früh meine erste Fremdsprache lernen. Zu den Jungs im Dorf habe ich trotzdem nie dazu gehört. Als Außenseiter hatte ich dann Freunde, die auch Außenseiter waren, auch Kinder von Vertriebenen oder Geflohenen, oder – mein bester Kinderfreund – ein Junge, der, weil absolut unsportlich, ziemlich weit unten in der Jungen-Hierarchie rangierte. So bilden sich Gruppen: Wir und die anderen.

Wir machten beim Karneval mit, so ein bisschen, ein kleines bisschen. Das heißt, die Familie traf sich am Rosenmontag im Haus meiner Eltern, wir gingen auf die Strasse, um Kamelle aufzusammeln, dann machte mein Vater eine Flasche Wein auf. Keiner aus der Familie sprach Kölsch, niemand sang eines des Lieder mit. Und der einzige, der tatsächlich ein unverfälschtes Kölsch sprechen konnte, ein Schwiegersohn, der unterdrückte seinen rheinischen Akzent so gut es ging – er wollte sich schließlich in unsere Familie integrieren.  Alle anderen 4 Schwiegersöhne bzw. Schwiegertöchter hatten übrigens auch einen Vertreibungs-Migrations-Hintergrund.

Nein, auch nach jetzt 65 Jahren im Rheinland, bin ich allenfalls an der Oberfläche ein Kölscher geworden. Letztens hatten wir Klassentreffen, zum ersten Mal seit 40 Jahren. Die Jungs haben Kölsch miteinander gesprochen, klar. Nur wenn sie mich ins Gespräch einbezogen haben, wechselten sie schnell ins Hochdeutsche. Na so was! Dabei singe ich immer mit Inbrunst mit, wenn alle „Isch mööch zo Fooß noh Kölle jonn“ intonieren.

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10 Gedanken zu „Probleme mit der Integration

  1. puzzleblume

    Diese Art von Migrationshintergrund habe ich auch, und jahrzehntelang war mir nicht bewußt, was diese innere Distanz verursacht haben mochte und immer noch aufrecht hält, auch wenn ich sogar nach 30 Jahren anderswo in die Region meiner Kindheit zurückgekehrt bin. Im Grunde hat sich nichts geändert, bis auf die Tatsache, dass ich im Gegensatz zu meinen Eltern sagen kann, im selben Ort zu leben wie zu meiner Schulzeit.
    Meine Eltern hätten als Lehrer nie mit uns Platt gesprochen, schon weil beide aus verschiedenen Regionen Deutschlands stammten (mit Eltern die wiederum jeweils woandersher …) hätten sie das aber auch gar nicht wie die Hiesigen gekonnt, die regionalen Unterschiede sind zu gross.
    So verstehe ich es wegen meiner Kindheitsumgebung , aber die Landwirte hier wechseln auch ins Hochdeutsche, wenn ich dazukomme.
    Das Nichtverwurzelte der ersten beiden Nachkriegsgenerationen ist ja in der Literatur auch thematisiert worden, oft sinnvoll und hilfreich zu lesen, aber es erklärt auch nicht alles. Nachdem ein paar Karnevalisten in einigen Ortschaften auch alljährlich ein bißchen herumziehen, kenne ich das zwar aus der Kindheit, dass man sich einmal im Jahr verkleiden und wild herumhopsen durfte, und Schützenfeste, Feuerwehr- und Landjugendbälle hatten wir schließlich auch als Trainingsmöglichkeiten.
    Ich glaube vielmehr, wenn man beim Karneval und Ähnlichem nicht der begeisterte Schunkelfreund ist, hat das eher mit dem eigenen Wesen zu tun. Von mir glaube ich zum Beispiel, mein Kinderwagen hat einfach zu lange allein unter dem Apfelbaum gestanden, mit nichts als Bienen und Eichhörnchen als Gesellschaft.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Hat sicher auch viel mit dem eigenen Wesen zu tun und das wiederum mit dem Wesen der Eltern. Meine Mutter etwa stammte aus einer Familie, die selbst schon entwurzelt war. Ihre Großeltern hatten noch im Ermland gelebt, Bauern unter Bauern, Katholiken unter Katholiken. Dann kam der Umzug ins protestantische Westpreußen, wo mein Großvater der einzige Anwalt und Notar in der Stadt war, der bei der (damals ja als links geltenden) katholischen Zentrumspartei war (was ihn dann auch davor bewahrt hat, mit den Nazis anzubandeln) und der meine Mutter auf das altsprachliche Gymnasium schickte, wo sie das einzige Mädchen in der Klasse war. Von da hat es meine Mutter dann der Heirat wegen nach Schlesien verschlagen, in eine ihr völlig unbekannte bäuerliche Welt mit einem unbekannten Dialekt. Und dann ins Rheinland – da bildet sich natürlich die Einstellung aus: Wir sind wir und die anderen sind die anderen. Kopf hoch und durch. —-
      Gegenbeispiel ist nämlich meine bayrische Verwandtschaft. Mein Vetter, ein jovialer schlesischer Tierarzt, hat sich schnell im bayrischen Dorf und der Dorfwirtschaft eine Stellung erarbeitet, der Sohn hat das Elternhaus übernommen, ein bayrischer Busch, Kommunalpolitiker, bei deer CSU, versteht sich ….

      Antwort
      1. puzzleblume

        Ja, genau solche familiären Hintergründe und Verschiedenheiten kann ich von meinem eigenen Erfahrungsschatz bestätigen. Handwerker und Landarbeiter sind prinzipiell weniger sesshaft gewesen und darum spiegelt sich meine Familiengeschichte, inklusive der, die mein Mann mit hinzugefügt hat, die dann die unserer Kinder darstellt, ein Kaleidoskop von niederländischen Schafhirten, ausgewiesenen Salzburgern, westthüringischen sowie erzgebirgischen Metzgern und Zimmerleuten, ostpreussischen kleinbäuerlichen Gutsarbeitern, württembergischer, pfälzer und badischer Handwerkerschaft und Dienstboten mit Ausreissern ins Elsässische – wobei ich die vielfältigen unehelichen und bezüglich der Vaterschaft schwer nachvollziehbaren Sprosse als besonders wurzelhemmend anführe, weil jedesmal ein solcher späterer Erwachsener oft nur eine halbe Geschichte kannte (oder nicht die wahre). Notwendige Heiratserlaubnisse durch Zünfte und Dienstherren waren gerade im 18. und 19. Jh. die häufigeren Gründe dafür, so dass Ostpreussen / Pommern mit seinen Gutsherrlichkeiten deswegen in der Statistik ganz oben standen.
        Die besonders leichte Akzeptanz in Bayern kann ich als ‚Preiss‘ bestätigen, nach den ersten, nichtboshaften Frotzeleien, allerdings war ich nicht wirklich auf dem allerländlichsten Land, wo man auch noch in der Kirchengemeinde aktiv zu sein hat.

  2. Pit

    Hallo Martin,
    ich habe mich da eher de-integriert. In Jugendjahren und auch noch anfangs des Studiums [Köln und Bonn] war ich durchaus beim Karneval dabei. Dann aber habe ich mich immer mehr zum Karnevalsmuffel entwickelt.
    Zuhause in Linn und Krefeld haben wir häufiger platt gesprochen, und im Laufe meines Alfterer Lebens habe ich mich auch ans Rheinische gewöhnt. Das vermisse ich hier ein wenig. Den Karneval aber gar nicht. Da bin ich froh, dass wie hier in Fredericksburg keinen haben.
    Apropos „Muzen“: die auf dem Bild kenne ich eher unter dem Nmen „Muuzemandele“, oder, ein wenig despektierlich, aber rheinisch-drastisch, unter
    „Nonnefüzzsches“ [hoffentlich habe ich „Nonnenfürzchen“ richtig auf Rheinisch wiedergegeben].
    Hab’s fein, und genieße den Aschermittwoch,
    Pit

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Hallo Pit!

      Das mit den Nonnenfürzchen habe ich gestern zufällig zum ersten Mal gehört, als ich nämlich nach einem Rezept für solche Muzen gesucht habe. Scheint also wirklich verbreitet zu sein dieser Name. Ich kannte nur Muuzemandele und war – bis ich gestern Rezepte sah – davon ausgegangen, dass irgendwie Mandeln im Teig wären. – – Voriges Jahr waren wir über Karneval in Palm Springs, da habe ich auch nichts vermisst ….

      Schöne Zeit!

      Martin

      Antwort
  3. juergenkuester

    „Angeschwemmt“, das ist die Beschreibung des Zustandes in einem einem Wort, wenn man aus welchen Gründen auch immer Zugezogener ist – so jedenfalls eine Alteingesessene hier vor Ort zu mir als wir genau Dein Thema der Integration besprachen. „Sie sind angeschwemmt worden!“ Und genau so ist es ja: die eine Welle wirft einen wie ein Stück Holz an den Strand und irgendeine andere nimmt einen dann wieder mit. Und die eigenen Wesenszüge spielen bei der Frage der Integration neben der Prägung, die man durch die Familie erhält sicherlich auch eine Rolle.
    Liebe Grüße Jürgen

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      „Angeschwemmt“ – und dann liegt man wie so ein olles Stück Holz (oder heute meist Plastik) am Strand rum. Ziemlich drastisch, aber treffend. Denn das Angeschwemmte schlägt keine Wurzeln.
      LG Martin

      Antwort

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