Gerhart Hauptmann: Der Ketzer von Soana

Nicht, weil ich dieses Buch jemandem empfehlen will, sondern nur, weil ich seit Jahren alle Bücher, die ich lese, im Blog erwähne:

Eine wilde Geschichte aus der wilden Bergwelt oberhalb des Luganer Sees. Nach der Lektüre habe ich mit Erstaunen festgestellt, dass „Der Ketzer von Soana“ so etwas wie ein Bestseller gewesen ist. Etwas, was man so schön ein „umstrittenes Werk“ nennt.

Der junge Priester, der hoch in den Bergen auf eine Familie trifft, die vom Dorf ausgestoßen worden ist, weil Mann und Frau angeblich im Inzest 4 Kinder gezeugt haben, darunter die wunderschöne 15jährige Agata, in die sich der junge Priester dergestalt verliebt, dass er alles hinschmeißt und selbst in die Bergeinsamkeit zieht.

Hört sich in dieser Zusammenfassung etwas banal an. Sprachlich oft am Rande oder jenseits des Randes zum Kitsch. Oh wie schön ist die Natur da droben. Natürlich herrscht da in dieser Erzählung immer Frühling. Schnee, Nebel oder dergleichen gibt es nicht, auch keine Not und keinen täglichen Kampf mit den Ziegen und die Sorge um die schwierigen Bergäcker. Nur tolle Ausblicke, packende Naturerlebnisse und eine herrliche Bergeinsamkeit. Dergleichen Romantik ist nicht nur typisch deutsch, sondern war damals schwer in Mode, Hauptmann verkehrte im Friedrichshagener Dichterkreis, aus dem die „Eden Gemeinnützige Obstbau-Siedlung“ hervorgegangen ist, die noch heute besteht. Lebensreform-Bewegung halt, deren tiefe Verstrickung in allerlei völkische und rassistische Ideale ( ….zum Siedeln ist eine „deutsch-völkische Gesinnung“ Voraussetzung, zu welcher „deutsches Ariertum“ befähigt …) heute gerne übersehen wird.

Eine Zentralgestalt der Friedrichshagener war der heute (zum Glück) fast vergessene Wilhelm Bölsche (auch er nicht zufällig ein frühes Mitglied der „Gesellschaft für Rassenhygiene“), ein Freidenker, der das Christentum ablehnte und einen Pantheismus mit einer göttlichen Sexualität in den Mittelpunkt stellte. Und jetzt sind wir wieder beim „Ketzer von Soana“: Was nämlich die Geschichte außer dem „Priester verliebt sich in junges Mädel“ auszeichnet, ist die Überhöhung dieses banalen Vorgangs. Der Priester verliebt sich nicht nur, ihm erschließt sich die Natur, die innere Kraft der Natur, also die sexuelle Kraft der Natur, von der er mit seinem eigenen Sexualakt ein Teil wird. Gleichzeitig findet er Anschluss an die alte heidnisch-antike Welt der Satyrn und der entsprechenden Riten, die dort oben angeblich noch überlebt haben.

Na prima. Da leben sie also, der junge Expriester und die 15jährige wilde Schönheit, hoch oben in der Wildnis, gekleidet in Ziegenfelle weit weg von der bösen, verderbten Zivilisation.  Das war so recht nach dem Geschmack der Lebensreformer. Nach meinem Geschmack nicht. Ich mag weder Ziegenfell auf der Haut noch Ziegenmilch im Topf. Und im Winter ziehe ich unsere Heizung einem viele Stunden dunklen Raum vor, in dem man vor Rauch kaum was sehen kann. Ich bin halt ein von der Zivilisation verderbtes Weichei.

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5 Gedanken zu „Gerhart Hauptmann: Der Ketzer von Soana

    1. emhaeu Autor

      Ja, so sieht es aus, dem verweichlichten Stubenhocker bleibt das lustige Leben in der Steinzeit-Höhle verschlossen. Nicht mal in einem Iglu möchte ich mich den langen dunklen Winter von Fisch ernähren. Dann lieber Fischstäbchen von Käpt’n Iglo ….

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  1. puzzleblume

    Im Zusammenhang mit Ziegen nehmen bei mir Gedanken an Fleischeslust und das Einswerden mit der Natur auch einen völlig anderen Weg: früher, mit meinem kleinen Sohn im Zoo, dachte ich beim Geruch der zu fütternden Zwergziegen im Streichelgehege immer an lecker gegrilltes Ziegenkotelett.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Cabrito, das Zicklein, ist eine regionale Spezialität in Asturien. Hat mir nicht sonderlich zugesagt. Ansonsten sind die Ziegenherden, die dort (in abnehmender Zahl) frei über die Berge laufen, zwar schön anzusehen, aber wehe, wenn sie über irgend etwas herfallen, das eigentlich hätte wachsen sollen. Dann versteht man ganz plötzlich, warum der Ziegenbock nicht nur in der christlichen Tradition, wie oft behauptet wird, sondern in allen möglichen anderen Religionen als das Tier Satans angesehen wird. Und das Fleisch des Bocks dürfte nicht mal als leckeres Kotelett tauglich sein.

      Antwort
      1. puzzleblume

        Ich habe anscheinend als Kleinkind zuviel Heidschnucken um mich gehabt, und sogar sogenanntes Hammelfleisch ist mir oft zu wenig aromatisch, weil das hierzulande keiner will. Wer weiß, welche Vorfahren sich dafür zu verantworten haben: Schaf- und Ziegenkäse, Fleisch und Milch finde ich total lecker 🙂
        Würden die sich nicht so berserkerhaft über alles hermachen, wären Ziegen als Gartengenossen recht, aber da setze ich doch lieber auf Pflanzen und Bongo.

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