Blicke in den Rückspiegel

Herrliches Sommerwetterdraußen, 24 Grad, leicht bewölkt, nachts hat es gut geregnet. Der Garten ruft, eine kleine Radtour wäre auch nicht schlecht. Statt dessen sitzt ich am Computer und suche Informationen über Familienangehörige, die alle längst tot sind, und fülle Blatt um Blatt und Zettel um Zettelchen mit Namen und Zahlen, ein Zettelberg, der immer chaotischer wird. Warum müssen die auch alle so viele Kinder haben?

So eine Art Detektivarbeit. Macht mir Spaß, so entlegen die Leute auch sein mögen, denen ich da nachforsche. Ich bin halt Historiker von Beruf und die Beschäftigung mit Geschichte ist immer so eine Art Detektivarbeit, wenn es darum geht, etwas von Grund auf zu erforschen. Nicht-Historiker halten meine Beschäftigung in der Regel für ziemlichen Quatsch. Oder völlig bescheuert, es sei denn sie gehören zu den sogenannten Ahnenforschern.

Und was bringt das? Aus der Geschichte lernen? Nun ist das mit dem Lernen aus der Geschichte ja sowieso so eine Sache. Das ist ungefähr so, als ob man am Steuer eines Autos sitzt und den Verlauf der Straße aus dem genauen Betrachten des Rückspiegels erschließen will. Das endet in der Regel in der ersten Kurve im Graben. So sahen die KPDler, stramm in den Rückspiegel blickend, wie die Partei es befahl, vor 1933 den Hauptfeind bekanntlich in den Sozialdemokraten. Und diese wiederum warnten vor einem Zurück ins Kaiserreich…. nein, aus der Geschichte lernen wäre nur möglich, wenn sich die Geschichte immer im Kreise drehen würde. Tut sie aber nicht, das jedenfalls kann man aus der Geschichte lernen.
Das gilt erst recht für die Geschichte der Vorfahren. Was soll ich da lernen? Dass Ehen, die nach reiflicher Überlegung von den Eltern angebahnt worden sind, genauso oft scheitern wie die allerromantischsten Liebesehen? Nein, da fällt mir nichts ein, was ich lernen könnte. Aus dem Betrachten alter Bilder oder dem Lesen alter Briefe kann man interessante Einzelheiten darüber folgern, wie es früher mal war. Aber aus Geburts- und Sterbedaten?

Viel Sinn hat dergleichen nicht, wie man es auch dreht und wendet. Tennisspielen hat auch keinen Sinn, nur so als Beispiel. Komme mir jetzt niemand und sage, Tennis wäre ein gesunder Sport…..

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9 Gedanken zu „Blicke in den Rückspiegel

  1. Susanne Haun

    Auch mein Historikerinnen Herz macht beim Forschen in der Vergangenheit Sprünge. Ich finde Geburts- und Sterbedaten sehr wichtig. So schliessen sie recht schnell Verknüpfungen bestimmer Ereignisse aus, wenn sie nicht passen. Wir haben im Grundseminar (Architektur) Geburtsdaten geprüft und so aufgedeckt, welcher Architekt von wem abgeschaut, weiterentwickelt oder falschen Ruhm eingeheimst hat. Seither schaue ich recht genau bei meinen Hausarbeiten, welche Schlussfolgerungen schon von der Geburtsdaten-Logik nicht stimmen oder stimmen kann.
    Bis Morgen, viele Grüße von Susanne

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Liebe Susanne, du bist ja sozusagen mitten in der historischen Forschung an der Uni. Da sind solche Personendaten sicherlich sehr wichtig. Aber bei dem Großonkel vom Urgroßvater, der Landwirt in irgendeinem Dorf war? Ist eigentlich allenfalls für die Familie interessant, abeer immerhin.
      Bis morgen! Martin

      Antwort
      1. Susanne Haun

        War das nicht Carlo Ginzburg, der begann, kleine Forschungseinheiten zu untersuchen, also das Dorf, die Familie etc. und daraus sehr interessante Erkenntnisse für das große Ganze herausfand?

  2. puzzleblume

    Wenn man durch die Eckdaten und Umstände Vorfahren dazu animiert wird, sich mit den Lebensumständen von Menschen zu befassen, die in Geschichtsbüchern nicht namentlich erwähnt werden, sondern nur allgemein ihrer Zeit zugehören, dann hat man gerade als Nachfahre von Familien mit „Entwurzelungs-Hintergrund“ vielleicht das Gefühl, sich etwas aneignen zu können, was einem an Koordinaten im Dasein gefühlsmässig irgendwie vorenthalten geblieben scheint. So erkläre ich mir zumindest mein eigenes Interesse. Ich glaube, dass so eine Beschäftigung weniger häufig zu beobachten ist bei Menschen, die seit vielen Generationen mit vielen ihrer Verwandten in der selben Region fest verortet sind.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Treffer. Ich habe, wenn ich mich recht erinnere, eigentlich nur Geschichte studiert, weil mich dergleichen interessiert hat. War damals gerade die Zeit, wo meine Eltern zum ersten Mal (und mein Vater zum ersten und letzten Mal, er wollte es nicht noch einmal sehen) mit vielen Schwierigkeiten in die „alte Heimat“ reisen durften. Übrigens eine der eindrucksvollsten und abenteuerlichsten Reisen, die ich je gemacht habe. Polen zu kommunistischen Zeiten war für deutsche Touristen, die nicht mit einer Reisegruppe kamen und kein Wort polnisch konnten, schon ein schwieriges Pflaster. Also in der Zeit habe ich mich entschieden, Mathematik an den Nagel zu hängen und Geschichte zu studieren. Die ganzen üblichen Sachen mit den Königen und Kriegen haben mich nicht die Bohne interessiert. –
      Habe damals übrigens plötzlich begriffen, dass diese alte Heimat real war, nicht nur so etwas wie Taku-Tuka-Land. Nicht, als ich Haus und Hof meiner Eltern gesehen habe – diese heruntergekommenen Gebäude mit den zahlreichen Bewohnern, die feindselig oder neugierig schauten, kamen mir schrecklich fremd vor – sondern als ich am Wegrand eher zufällig einen kleinen Erinnerungsstein gefunden habe, den meine Großmutter hatte aufstellen lassen. Da stand auf Deutsch (sonst war ja alles Deutschsprachige sorgfältig entfernt worden), dass an diesere Stelle mein Großvater Stanislaus gestorben sei …

      Antwort
      1. puzzleblume

        Hm, sowas gibt es als „das Grab der kleinen Herta“ bezeichnet im Familienalbum, und meine Eltern sind kurz nach der Wende hingereist nach Zajączki (Gut Hasenberg) bei Ostroda und haben es zugewuchert gefunden. Mein Vater war ziemlich bedrückt nachher, weil so viele andere Erinnerungsstätten nicht wiederzuerkennen war. Inzwischen pflegt jemand auch die deutschen Gräber und man findet es sogar im Web. Die Geschichte der kleinen Schwester meiner Großmutter war ein einziges Mal in einer schwachen, gesprächigen Stunde erzählt worden, wo doch sonst fast nie über die verloreren Familienmitglieder gesprochen wurde, und so wurde eine Art Jagdinstinkt bei mir geweckt, all den zusammenhanglosen Bröckchen und Krümeln wieder eine Form zu geben.

      2. puzzleblume

        Ja, genau dieses. Mein Urgroßvater war dort als Inspektor tätig, die Urgroßmutter als Köchin und ihre Kinder waren alle dort geboren und aufgewachsen. Mein Vater, als einer der Enkel, war auch noch zu Besuch, bevor der Urgroßvater in den Ruhestand ging.

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